Berlin

Sozialverbände wollen unter Corona-Rettungsschirm

Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland Foto: Arne Poehnert

Vor den Beratungen der Bundesregierung an diesem Sonntag über weitere Hilfen in der Corona-Krise haben die großen Wohlfahrtsverbände und weitere Sozialverbände einen Rettungsschirm für die Einrichtungen der Wohlfahrtspflege gefordert.

In einer gemeinsamen Erklärung der Verbände heißt es, dass Angebote wie betreutes Wohnen, Tagesbetreuung und Frühförderung in Familien derzeit kaum durchführbar seien. Daher drohe ihren freien und gemeinnützigen Trägern durch die wegbrechende Finanzierung die Insolvenz.

UNTERSTÜTZUNG Auch Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), betont: »Soziale Dienste und Einrichtungen der Wohlfahrt brauchen einen finanziellen Schutzschirm.«

Die haupt- und ehrenamtlichen Strukturen der Wohlfahrt seien unentbehrlich, um die derzeitige Krise zu bewältigen.

Diese soziale Infrastruktur dürfe jetzt auf keinen Fall gefährdet werden, meint Schuster. »Im Fokus unserer Arbeit stehen aktuelle, all diejenigen Menschen, die eine besondere Unterstützung benötigen. Hierzu gehören insbesondere ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, Schoa-Überlebende, Menschen in Armut und Zugewanderte.«

ZEDAKA Seit über 100 Jahren verfolge die ZWST bereits das Leitbild der Zedaka, des jüdischen Prinzips der Wohltätigkeit. »In einer akuten Situation wie dieser ist es unsere Pflicht für alle Mitgliedsgemeinden und Individuen auch weiterhin da zu sein«, so Schuster.

Die ZWST als Teil der Freien Wohlfahrt unterstütze, sorge und biete menschliche Zuwendung. »Wir sind Teil der Daseinsfürsorge und bleiben als Wohlfahrtsverband verlässliche Anlaufstelle im Land, an die sich Menschen in der Krise wenden können.«

Kitas oder Beratungsstellen stünden wegen fehlender Einnahmen mit dem Rücken zur Wand, sagte der Präsident des evangelischen Wohlfahrtverbandes, Ulrich Lilie, am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Infrastruktur Der Vorstandsvorsitzende der Arbeitwohlfahrt (AWO), Wolfgang Stadler, erklärte, die soziale Infrastruktur sei in der gegenwärtigen Krise massiv gefährdet.

Der Vorstandsvorsitzende der Arbeitwohlfahrt (AWO), Wolfgang Stadler, erklärte, die soziale Infrastruktur sei in der gegenwärtigen Krise massiv gefährdet.

Dem Ruf nach schneller staatlicher Hilfe schlossen sich auch der Sozialverband VdK, der Sozialverband Deutschland, die Bundesvereinigung Lebenshilfe, Fachverbände und die Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege an, der die großen Wohlfahrtsverbände angehören, neben der Diakonie und der AWO der katholische Caritasverband und der Paritätische sowie das Deutsche Rote Kreuz und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

Diakoniepräsident Lilie warnte, »gerade den kleinen und mittleren Einrichtungen kann ganz schnell die Luft ausgehen – und zwar binnen Wochen«.

Fast alle seien angewiesen auf Zuwendungen und Entgelte nach Leistungsvereinbarungen, die wegfallen könnten, wenn die Einrichtungen geschlossen seien.

Gemeinnützigkeit »Alle sind außerdem gemeinnützig. Das heißt, sie dürfen keine großen Rücklagen bilden«, erklärte der Diakonie-Chef. Ihnen drohe das finanzielle Aus: »Kosten für Mieten und Personal bei einer Kita oder Tagespflege laufen ja weiter.«

Es gehe um viele Arbeitsplätze, sagte Lilie, aber auch um »für den Zusammenhalt der Republik essenzielle Handlungsfelder: Kitas, Beratungsstellen, Tagespflege und Reha-Einrichtungen.«

Er appellierte an die Bundesregierung, ein klares Signal zu setzen und den Fortbestand der Einrichtungen zu garantieren. »Wir sind ein ganz wesentlicher Bestandteil des Zusammenlebens und haben im Moment eine wichtige Rolle für Zusammenhalt und Solidarität in diesen herausfordernden Zeiten«, sagte Lilie.

Der AWO-Vorsitzende Stadler erklärte, die Auswirkungen der Krise auf den gesamten sozialen Sektor seien massiv: »Ambulante Pflegedienste müssen den Dienst einstellen, weil die Schutzkleidung fehlt. Reha-, Kur- und Erholungseinrichtungen fürchten um ihre Existenz, weil sie den Betrieb einstellen müssen. Inklusionsbetriebe beispielsweise in der Gastronomie stehen vor dem Aus, weil sie keine Aufträge mehr erhalten.«

In einem gemeinsamen Aufruf erklärten die Sozialverbände: »Ein Sterben dieser sozialen Infrastruktur können wir uns als Gesellschaft nicht leisten.«

Freiwilligendienste Auch das Ehrenamt und die Freiwilligendienste seien stark betroffen, sagte Stadler. Die Sozialwirtschaft brauche umgehend staatliche Hilfe.

Dazu zähle eine Erklärung der Bundes- und Landesbehörden, dass Förderungen beibehalten würden, auch wenn keine oder nur eine eingeschränkte Leistung erbracht werden könne. Der Ausfall von Leistungsentgelten müsse kompensiert werden. Die Menschen bräuchten verlässliche Anlaufstellen, an die sie sich wenden könnten, sagte Stadler.

In einem gemeinsamen Aufruf erklärten die Sozialverbände, »ein Sterben dieser sozialen Infrastruktur können wir uns als Gesellschaft nicht leisten«. Daher müssten die Dienste und Einrichtungen in die Schutzschirme von Bund und Ländern einbezogen werden.  epd/ja

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