Gesellschaft

So wahr mir Gott helfe

Unsere gesellschaftliche Vielfalt ist ohne Religionsgemeinschaften nicht vorstellbar. Foto: Thinkstock / (M) Marco Limberg

Wer das »Zentrum Juden und Christen« beim diesjährigen Evangelischen Kirchentag in Hamburg besuchen wollte, wurde als erstes von Piraten und ihren Wahlflyern begrüßt. Für sie war die Sache klar: Sie fordern rigoros die Abwicklung der bestehenden komplexen Beziehung zwischen Staat und Kirche in Deutschland. Eine »Privatisierung der Religion« nennen sie das. Sie sind nicht alleine. Auch in anderen Parteien machen die Anhänger des Säkularismus immer deutlicher, dass ihnen der Sicherheitsabstand zwischen Staat und Religion mittlerweile zu knapp geworden ist. Auffahrunfälle seien zu befürchten.

Die Debatten der vergangenen Monate zeigen: Auf uns rollt eine Diskussion zum Verhältnis von Religion und Demokratie zu. Zeit zum Nachdenken darüber, was uns an diesem Verhältnis wichtig und was reformbedürftig erscheint. Denn mit einem Pauschalverweis auf Artikel 140 des Grundgesetzes, der die Grundlage für das heutige Staatskirchenrecht legt, ist es längst nicht getan. Zu viele Fragen, von Beschneidung über Kirchensteuer bis hin zu Arbeitnehmerrechten in den religiösen Einrichtungen, können in einer pluralistischen Demokratie formal-legalistisch nicht mehr beantwortet werden.

institutionen Braucht unsere Gesellschaft heute überhaupt noch starke, hervorgehobene religiöse Institutionen oder sind sie in einer Demokratie wie unserer längst überholt? Jeder darf alles glauben, aber bitte schön in seinem Wohnzimmer und auf eigene Kosten – ist dies das Leitbild unseres religiösen Zusammenlebens?

So einfach lässt sich eine Privatisierung des Glaubens vielleicht auf den Wahlflyern, aber nicht in der Realität erreichen. Denn auch ein säkularer Jude, wie der Autor dieser Zeilen, muss anerkennen, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften eine gesamtgesellschaftliche Relevanz weit über das Repräsentative hinaus besitzen. Dies liegt nicht nur daran, dass ausgerechnet kirchliche Einrichtungen in manchen Orten und Lebensbereichen eine überragende, ja fast exklusive Rolle als Dienstleister spielen. In zahlreichen kleinen Städten sind sie alleinige Betreiber von Kindergärten oder Krankenhäusern.

sachzwänge Unabhängig von diesen faktischen Sachzwängen ist die identitäre und ethische Rolle von Religion kaum zu unterschätzen. Entgegen dem Eindruck, der in manch einer Großstadt entstehen mag, bildet Religion für viele die Grundlage ihrer Identität, und für alle zusammen eine conditio sine qua non der Pluralität. Unsere gesellschaftliche Vielfalt, will man sie denn überhaupt erhalten, ist ohne Religionsgemeinschaften (und ja, auch ohne die christlichen Kirchen!) nicht vorstellbar.

Nicht zuletzt brauchen wir sie auch als Rückzugs- und Besinnungsräume, um dem materialistischen Alltag zu entfliehen oder unsere schnelllebige Gegenwart in der weitreichenden (positiven wie negativen) Vergangenheit zu erden. Nicht minder wichtig: Religionsgemeinschaften sind eine gemeinschaftsorientierte Antwort auf die Atomisierung, die Konsum und Individualismus des globalen Kapitalismus mit sich bringen.

wahlsprüche Die Feststellung, dass wir Religion brauchen, beantwortet nicht die Frage, wie viel davon im politisch-öffentlichen Raum eine Rolle spielen soll. Hier wird es konkret, aber auch hoch kompliziert. Statt knackige Wahlsprüche zu klopfen, müsste an dieser Stelle also bereichsorientiert diskutiert werden, welche Korrekturen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften nötig sind. Von Feiertagsregelungen über den Status der Religionsgemeinschaft bis hin zum individuellen und kollektiven Arbeitsrecht: In jedem konkreten Bereich muss das Verhältnis Staat–Religion austariert werden. Insofern stehen wir heute am Anfang, nicht am Ende eines langen Dialogs.

Wichtig ist, sich dabei auf einige der Grundregeln eines solchen Dialogs zu einigen. Zu diesen gehört, dass die Diskussion nicht auf das Verhältnis zu den Kirchen verengt wird. Aus Erfahrungen kleinerer (etwa der jüdischen) Religionsgemeinschaften ergeben sich neue, oft unerwartete Argumente sowohl für wie gegen Reformen im konkreten Bereich. Und jedwede politische Entscheidung wird bei diesen Fragen unterschiedliche Religionsgemeinschaften unterschiedlich treffen. Ihre Stimmen sind also entscheidend.

aggressionen Ein Dialog ist auch nur möglich, wenn man die wichtigen säkularen Perspektiven einbezieht. Ihre Vertreter müssen sich aber wiederum auf einen solchen Austausch einlassen und nicht in einer Fundamentalopposition verharren. Aggressionen, wie sie etwa im Zuge der Beschneidungsdebatte zutage getreten sind, können keine Grundlage für einen Dialog bilden. Nicht zuletzt müssen wir bei der Frage des Verhältnisses von Staat und Religion die Rechts-Links-Schematismen vermeiden.

Zwischen »progressiv« und »religiös« besteht kein Widerspruch. Auch an dieser Stelle müssen wir herkömmliche Denkmuster überprüfen und eigene Positionen infrage stellen können. Nur wenn alle Seiten sich auf einen solchen produktiven Dialog einlassen, haben wir eine Chance auf gemeinsame Visionen, die mutig wie bedächtig sind.

Teheran

Iran: Antwort auf US-Vorschlag an Pakistan übermittelt

Zurzeit gilt eine fragile Waffenruhe im Iran-Krieg. Die USA haben einen Vorschlag zur Beendigung des Konflikts gemacht. Die Antwort soll nun vorliegen

 10.05.2026

Naher Osten

Erneut iranische Angriffe auf Golfstaaten

Aus Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar werden Attacken des iranischen Regimes gemeldet. Offiziell gilt eine Waffenruhe in dem Konflikt

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Kommentar

Wenn »schwarz auf weiß« nicht mehr genügt

Eine funktionierende Demokratie braucht freie Medien – aber vor allem glaubwürdige

von Roman Haller  10.05.2026

Teheran

Iran droht USA im Falle von weiteren Angriffen mit Vergeltung

Das Mullah-Regime warnt die USA vor weiteren Attacken auf Handelsschiffe. Ob mittlerweile die von US-Präsident Trump erwartete Antwort aus Teheran auf den Friedensvorschlag eingegangen ist, ist nicht bekannt

 10.05.2026

Moskau

Russland will Uran aus dem Iran einlagern

Kremlchef Putin erklärt, dass Russland bereit sei, angereichertes Uran aus dem Iran einzulagern. Ob die USA dem Vorschlag zustimmen werden, ist offen

 10.05.2026

Washington

Rubio: Erwarten heute eine Antwort aus dem Iran

Während sich die Spannungen zwischen dem Iran und den USA zuletzt zugespitzt haben, setzen die USA weiter auf eine Verhandlungslösung mit Teheran. Nun äußert sich der US-Außenminister dazu

 08.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026