Perspektive

So nah ist Nahost

Ein Al-Quds-Marsch im Jahr 2014 in Berlin Foto: dpa

Der Nahe Osten ist Europäern mental eigentlich fern. Zwei Ausnahmen gibt es von dieser Regel: Sie gilt nicht bezogen auf Juden und europäische Neubürger nahöstlich-islamischer Herkunft. Darüber hinaus gilt: Der Nahe Osten ist längst in Deutschland und Europa angekommen.

Die amtlichen Statistiken sprechen eine klare Sprache: In Deutschland leben rund vier bis 4,5 Millionen Muslime, in Frankreich sechs Millionen und in Großbritannien drei Millionen. Und die Juden? Als Quantität sind wir zu vernachlässigen. Die einst mörderische »Qualität« der »jüdischen Frage« in Deutschland und Europa bedarf keines Kommentars.

Täter Lange Jahre nach dem Grauen und den Gräueln wirkte die Qualität des schlechten Gewissens. Und das schlechte Gewissen schwindet. Das ist natürlich, denn sowohl die Täter als auch die Opfer und deren unmittelbare Nachfahren sterben aus. Zudem ist kein Nachgeborener automatisch Täter oder, umgekehrt, Opfer.

Die skizzierten Quantitäten und Qualitäten weisen auf kommende Dinge: Politiker wollen gewählt werden, und weil bei Wahlen Mengen zählen, wird der jüdische und damit proisraelische Faktor in der deutschen und europäischen Politik noch mehr als bisher an Gewicht verlieren.

Die meisten Muslime fühlen sich von den traditionellen Parteien in Deutschland und Europa nicht wirklich vertreten. Über kurz oder lang werden sie deshalb eigene Parteien gründen. Wegen ihrer politischen Quantität und Qualität werden sie dann als Koalitionspartner gebraucht. Zuerst auf der kommunalen, dann der Landes- und schließlich der Bundesebene. Man braucht nicht viel Fantasie, um ermessen zu können, was das für die künftige deutsche und europäische Nahostpolitik bedeutet.

Evian Hinzu kommt, dass selbst die eindeutig proisraelische Angela Merkel eines Tages nicht mehr Bundeskanzlerin sein wird. Dabei war gerade sie es, die jüngst die Tore Deutschlands der neuen, aber nicht ersten, muslimischen Masseneinwanderung öffnete. Ironie der Geschichte: Sie hatte dabei auch vergangenes jüdisches Leid im Sinn, nämlich die Tatsache, dass im Juli 1938 auf der Konferenz von Evian kein Land, außer der Diktatur der Dominikanischen Republik, bereit war, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Auch später blieben die Tore der Welt den Juden verschlossen.

Die gleiche Erinnerung führt dazu, dass die jüdische Gemeinschaft in Europa bezüglich der islamischen Neu- und Mitbürger Ambivalentes empfindet. Jene Ambivalenz schwächt die jüdische Politik-Potenz zusätzlich. Einerseits leitet uns moralisch berechtigte Hilfsbereitschaft: »Damals wir, heute die.« Andererseits empfinden gerade Juden berechtigte Angst, denn der islamische Terror betrifft nicht zuletzt uns.

Töricht ist, wer für den Massenzuzug Merkel & Co. verantwortlich macht. Seit dem Zweiten Weltkrieg findet in Deutschland und Westeuropa eine demografische Revolution statt, ein fundamentaler Wandel. Nach der Entkolonialisierung strömten seit den 50er- und 60er- Jahren vor allem Muslime aus den Ex-Kolonien in die einstigen »Mutter«- und deren Nachbarländer. Das gilt vor allem für Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und teilweise für Italien. Die Menschen kamen, weil sie schnell erkannten, dass in ihrer nun unabhängigen Heimat eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lebenslage nicht zu erwarten war.

DDR Ohne Entkolonialisierung und auch wegen der wirtschaftlichen Anziehungskraft begann auch in Deutschland der Zustrom von Muslimen. Besonders nachdem die DDR 1961 Mauer und Stacheldraht hochgezogen hatte, blieben die Arbeitskräfte aus der DDR weg. Die entstandene Lücke sollten türkische »Gastarbeiter« schließen. Die Fortsetzung dieser Geschichte ist bekannt. Lange vor Erdogan war türkische Politik auch deutsche Politik.

Der dritte »Import«-Faktor waren und sind die innernahöstlichen Konflikte, Kriege, Bürgerkriege und Terroraktionen. Mit den Menschen aus Nahost kamen auch die diversen Konflikte zu uns. Längst sind sie bei uns. Längst sind Deutschland und Westeuropa Nebenschauplätze der Nahostkonflikte. Nahost ist in Europa. Punkt. Das wird sich nicht ändern. Im Gegenteil. Es wird in Europa immer mehr Nahost geben.

Vorreiter dieser Entwicklung waren die Palästinenser. Seit 1968/69 zeigten sie aller Welt, dass Westeuropa ein nahöstlicher Nebenkriegsschauplatz ist. Schnell haben andere diese und ähnliche Lektionen gelernt. Ermuntert wurden sie auch durch die bis heute unbestreitbare Unfähigkeit der europäischen Staaten, diesem Terror präventiv oder reaktiv wirksam zu begegnen.

Solange der Nahost-Terror »nur« Juden und Israelis oder Nahöstler in Europa traf, fühlten sich die Europäer nicht wirklich betroffen. Das hat sich bekanntlich geändert. Längst sieht man, dass Nahostkriege und -terror weder in Europa noch in den USA, Asien, Afrika oder Australien durch den Konflikt Israel–Palästina zu erklären sind. Trotzdem wird noch immer von dessen »Zentralität« geschwafelt. Deutschland und Europa sind auf die nahöstliche Dimension ihrer Zukunft miserabel vorbereitet.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Zuletzt erschien von ihm »Zivilcourage: Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt« und »Zum Weltfrieden: Ein politischer Entwurf«.

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