Gesellschaft

Seid Partei!

Wer im Kanzleramt die Fäden zieht, hat es geschafft. Doch auch ein paar Stufen darunter kann man erfolgreich Politik machen. Foto: caro

Gesellschaft

Seid Partei!

Sozialstaat, Integration, Nahost: Warum sich Juden stärker politisch engagieren sollten

von Alexander Hasgall  20.07.2010 11:19 Uhr

Als vor Kurzem 1.244 Wahlmänner und -frauen einen neuen Bundespräsidenten bestimmten, gab es unter ihnen so gut wie keinen Politiker mit jüdischem Hintergrund. Weil es unserer Gemeinschaft an Interesse mangelt, sich für die Gesellschaft zu engagieren? Sind wir – wie so viele andere auch – der Politik und Parteien überdrüssig? Hat der Rückzug ins Private endgültig über den Einsatz für das Öffentliche gesiegt?

Es erscheint fast schon paradox: Da ist zwar seit Jahren vom neu erwachten Selbstbewusstsein der in Deutschland lebenden Juden die Rede. Dennoch finden sich nur wenige, die in Organen der Repräsentation vertreten sind. Dabei war die Emanzipation des Judentums seit dem 19. Jahrhundert eng mit politischem Aktivismus verbunden. Dies war auch der Einsicht geschuldet, dass man als gesellschaftliches Subjekt nur so weit anerkannt wird, wie sich die eigene Handlungsfähigkeit im Politischen zeigt. Die Entscheidung für die Politik ging allerdings oft einher mit einer Abwendung vom Judentum. Die Diaspora entpolitisierte. Wer sich dennoch als Jude politisch betätigte, galt innerhalb der Community oft als Außenseiter – was diese wiederum besonders empfindsam für die Belange von anderen Unterdrückten und Minderheiten machte.

Heuschrecken Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Mittlerweile ist es ohne Weiteres möglich, sich selbstbewusst zu seinem Jüdischsein zu bekennen und sich gleichzeitig offen in die Politik hierzulande einzumischen. Herausforderungen gibt es reichlich. Deutschland steht vor einem immensen Sozialabbau. Es ist zu befürchten, dass dadurch po- pulistische Kräfte gestärkt werden, die diese Entwicklung nutzen, um antisemitische Ressentiments zu schüren. Man denke nur an das viel bemühte Bild von den kapitalistischen »Heuschrecken«. Gegen solche Auswüchse gilt es ebenso vehement Stellung zu beziehen wie in der Debatte über die Möglichkeiten und Grenzen des Sozialstaats, und zwar unter besonderer Berücksichtigung ethischer Maßstäbe. In diesen Kontext gehört auch die Integrationsdebatte. Immer wird diese Diskussion durch ein Wahrnehmungsraster dominiert, das die Thematik allein auf einen Kulturkampf zwischen »Abendland« und »Islam« reduziert. Falls sich Juden in diesem Kontext überhaupt zu Wort melden, werden sie zumeist instrumentalisiert. Es sei hier nur an die rassistischen Thesen Thilo Sarrazins erinnert.

Dabei wird immer wieder ein Integrationsbegriff benutzt, der letztlich Assimilation meint. Aber zu welchen Konsequenzen eine solche Politik führen kann, wissen gerade Juden aus eigener Erfahrung am besten. Wir hätten viel zur Integrationsdebatte beizutragen. Jüdische Gemeinden bestehen bekanntlich zur großen Mehrheit aus russischsprachigen Einwanderern, die erfahren haben, was es bedeuten kann, nach Deutschland zu kommen und sich hier zurechtzufinden. Gerade solche Erfahrungen können die gesamtgesellschaftliche Diskussion befruchten. Ein wichtiger Beitrag kann auch im Streit um den Nahen Osten geleistet werden. Der Bundestag hat vor Kurzem einstimmig eine Resolution zur völligen Aufhebung der Gaza-Blockade verabschiedet. Viele hatten den Eindruck, dieser Beschluss richtet sich in erster Linie gegen Israel. Zwar gibt es auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft grundverschiedene Haltungen zum Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Dennoch eint die meisten der Wunsch nach Sicherheit für Israel und Solidarität mit dem jüdischen Staat. Gerade Letztere gilt es, offensiv zu vertreten. Auch wenn es nicht allein die Aufgabe jüdischer Politiker sein kann, sich öffentlich für die Interessen Israels einzusetzen.

Identität Damit aber die jüdischen Stimmen überhaupt gehört werden, braucht es einen organisatorischen Rahmen, in dem diese sich artikulieren. Deshalb ist beispiels- weise der Arbeitskreis Jüdischer Sozialdemokraten in der SPD ein wichtiges Zeichen, nach innen und außen. Nicht als freiwilliges Ghetto innerhalb einer Volkspartei, sondern als Symbol eines selbstbewussten Einsatzes im politischen Betrieb. Und als Zeichen, dass Juden sich aktiv, offen und gemeinsam in die politische Auseinandersetzung einbringen wollen. Selbstverständlich haben auch jüdische Politiker das Recht, nicht immer wieder auf ihre Herkunft reduziert zu werden. Letztlich ist es ein Gemisch aus persönlicher Haltung, sozialer Stellung und individueller Lebenserfahrung, das die politische Identität bestimmt. Das Jüdische kann nur Teil dessen sein. Denn reine Identitätspolitik führt zu gar nichts. Trotzdem ist es wünschenswert, dass viel mehr jüdische Stimmen in der Politik laut werden als bislang. Ohne Scheu und mit dem Ziel, auch mal unbequem zu sein.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Erinnerungspolitik und Antisemitismus. Er lebt in Berlin und Zürich.

Hannover

Anklage gegen Niedersachsens AfD-Chef erhoben

Ihm werden Verstöße gegen das Parteiengesetz vorgeworfen, wie die Behörde mitteilte

 21.10.2026

Jerusalem

Schicksalswahl in Israel: Es geht um mehr als Netanjahu

Kann der heutige Ministerpräsident trotz des Versagens vom 7. Oktober und dreier harter Kriegsjahre seine Macht behaupten? Oder gelingt es der liberaleren Opposition, ihn nach Jahren an der Regierungsspitze abzulösen?

von Sara Lemel  21.10.2026

Israel

Eizenkot liegt vor Netanjahu, doch Mehrheit bleibt außer Reichweite

In dieser Situation könnten besonders die kleineren Parteien und die arabischen Listen entscheidenden Einfluss auf die Regierungsbildung gewinnen

 21.10.2026

Paris

Antisemitische Verschwörungsmythen machen Juden für Ausschreitungen verantwortlich

Die NGO Combat Antisemitism Movement untersuchte Hunderte Beiträge auf der Plattform X. Das Ergebnis ist alarmierend, aber nicht überraschend

 21.10.2026

Washington D.C./Jerusalem

Trump soll Netanjahu von neuem Großangriff auf Iran abgehalten haben

Die geplante Offensive sollte umfangreicher ausfallen als der gemeinsame israelisch-amerikanische Militäreinsatz im Februar

 21.10.2026

Berlin

Demonstranten kleben sich vor Rüstungsunternehmen fest

Die Aktivisten wollen damit gegen Waffenlieferungen nach Israel protestieren

 21.10.2026

Berlin/Augsburg

Volker Beck: Agieren von Grünen und SPD »unverständlich«

»Bei der Berliner Linken hat keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Judenhass und Antizionismus in den eigenen Reihen stattgefunden«, sagt der DIG-Präsident

 21.10.2026

Diether Dehm

Nach Auftritt mit Höcke

Strafbefehl gegen Diether Dehm wegen SA-Parole

Björn Höcke wurde wegen der Verwendung der Parole »Alles für Deutschland« bereits rechtskräftig verurteilt. In einem Interview mit dem AfD-Mann wiederholte der frühere Linken-Politiker Diether Dehm diese Worte und soll dafür nun 9000 Euro zahlen

 20.10.2026

Reaktionen

Ein Hausmeister für die Mullahs

Die Bundesregierung habe zu lasch auf die iranischen Mordkomplotte in Deutschland reagiert, finden jüdische und pro-israelische Organisationen. Sie fordern tiefgreifende Konsequenzen

von Stefan Laurin  20.10.2026