Literatur

Schon 100 Jahre aktuell: Tucholskys »Zentrale«

Kurt Tucholsky (1890-1935) Foto: picture alliance / akg-images

Literatur

Schon 100 Jahre aktuell: Tucholskys »Zentrale«

Dass jemand einen Text schreibt, der 100 Jahre später noch genauso relevant ist wie zu seiner Entstehungszeit, kommt nicht allzu oft vor

von Christoph Driessen  18.04.2025 14:20 Uhr

Wer kennt das nicht: Man will im Job eine eigene Idee verwirklichen, wird aber von der Zentrale gestoppt, weil die Chefs dort Bedenken haben. Oder auch: Man rackert sich ab, könnte gut Hilfe gebrauchen - aber stattdessen sind da nur mehrere Vorgesetzte, die wohlfeile Ratschläge geben. Genau das beschrieb schon vor 100 Jahren der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky.

Am 31. März 1925 erschien der satirische Text »Die Zentrale« unter seinem Pseudonym Peter Panter in der Zeitschrift »Die Weltbühne«. Der erste Satz zeigt schon, in welche Richtung es geht: »Die Zentrale weiß alles besser.« Welche Zentrale hier gemeint ist, lässt Tucholsky offen, denn es spielt auch keine Rolle - es geht um das Prinzip.

Und das ist heute noch sofort wiedererkennbar, egal ob man für ein Unternehmen, eine Behörde, Regierung, Gewerkschaft, Umweltorganisation oder was auch immer arbeitet. In Tucholskys Worten: »für Kleinkinderbewahranstalten, Außenministerien, Zeitungen, Krankenkassen, Forstverwaltungen und Banksekretariate«.

Hauptinteresse der Zentrale

Die Zentrale, so Tucholsky, habe zunächst einmal das Hauptinteresse, Zentrale zu bleiben. »Gnade Gott dem untergeordneten Organ, das wagte, etwas selbstständig zu tun! (…) Erst muss die Zentrale gefragt werden.« Die Leute aus der Zentrale »klopfen dir auf die Schulter und sagen: ›Lieber Freund, Sie können das von Ihrem Einzelposten nicht so beurteilen!‹«

Die Zentrale, so Tucholsky weiter, »ist eine Kleinigkeit unfehlbarer als der Papst, sieht aber lange nicht so gut aus.« Der bekannteste Satz des nur sechs Absätze langen Textes, der immer mal wieder einzeln zitiert wird, lautet: »Einer hackt Holz, und dreiunddreißig stehen herum - die bilden die Zentrale.« Ein schönes Bild für die Wasserköpfigkeit aufgeblasener Hauptquartiere.

»Ich bin immer wieder überrascht, wie frisch und aktuell Tucholskys Texte geblieben sind«, sagt der in Köln lebende Schauspieler Bert Oberdorfer, der regelmäßig mit einer Tucholsky-Revue unter dem Titel »Lerne lachen ohne zu weinen« auftritt. »Leider«, fügt er hinzu. »Denn oft prangert er ja Missstände an wie etwa Demokratiefeindlichkeit.«

Lesen Sie auch

Jurist für Bank

Hat Tucholsky selbst unter Zentralen gelitten? »Ja, das hat auch biografische Wurzeln, weil er Ähnliches schon im Krieg erlebt hat«, sagt Frank-Burkhard Habel, Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft. »Es gibt einen Artikel, den er 1920 unter dem Titel ›Die Herren Veranlasser‹ geschrieben hat, und da ist er auch schon darauf eingegangen, dass beim Militär eine Hierarchie besteht, die viele Unteroffiziere und dergleichen beschäftigt, ohne dass die wirklich etwas zu tun hätten.«

Tucholsky war 1915 im Ersten Weltkrieg eingezogen und als Soldat an die Ostfront geschickt worden. Die meiste Zeit war er hinter der Front eingesetzt, »in der Etappe«, wie es hieß. »Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte«, schrieb er später.

Auch der Journalist Friedhelm Greis, Autor des Tucholsky-Blogs »sudelblog.de«, ist davon überzeugt, dass die Erfahrungen mit der Militärbürokratie im Ersten Weltkrieg Tucholsky stark geprägt haben. Nach dem Krieg war Tucholsky circa ein Jahr als Jurist für eine Bank tätig. »Da hat er auch diese Hierarchien erlebt und sich darüber immer wieder lustig gemacht«, so Habel.

Positives Gegenbeispiel

Die kleine Redaktion der »Weltbühne« mit seinem väterlichen Freund und Mentor Siegfried Jacobsohn an der Spitze war für ihn dagegen eher ein Zuhause und ein positives Gegenbeispiel. »Da hat er gesehen, dass es möglich ist, dass auch alle ein eigenes Aufgabengebiet haben können, das sie eigenverantwortlich bearbeiten und ausfüllen, dass es also auch anders geht.«

Als Jacobsohn dann unerwartet in jungen Jahren starb, übernahm Tucholsky gezwungenermaßen für einige Monate die Chefredaktion der »Weltbühne«, war also sozusagen nun selbst die Zentrale - der »Oberschriftleitungsherausgeber«, wie er es selbstironisch nannte. Diese Leitungsfunktion gefiel ihm gar nicht. Eine Bekannte, die ihn einige Monate später besuchte, erlebte ihn völlig verändert - antriebslos, müde, niedergeschlagen und unentwegt Männchen auf einen Block malend.

Die Redaktionsleitung sei grauenhaft, klagte er, »alles zerflattert einem unter den Fingern«. Deshalb war er nur zu froh, den Chefposten nach fünf Monaten an Carl von Ossietzky abgeben zu können. Insofern: Man kann herrlich über die Zentrale ablästern - aber es selbst zu machen, ist auch keine Lösung.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 21.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

London

Boy George nimmt Pro-Israel-Song mit großer Band neu auf

Mit diesem Schritt erhofft sich der britische Popsänger eine größere Verbreitung von »We Will Dance Again«. Auf den Hass von Israelfeinden reagiert er ebenfalls mit einem neuen Lied

von Imanuel Marcus  21.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026

Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Wie jüdische Mäzene im 20. Jahrhundert der Moderne zum Durchbruch verhalfen

von Jana Talke  20.08.2026

Kulturkolumne

Some like it cold

Warum Disneys Eiskönigin nicht nur gegen Hitze hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026