Bayern

Schliersee: NS-belastete Erinnerungstafel bekommt einen neuen Ort

Blick über den Schliersee in Bayern Foto: imago images/Plusphoto

Seit bald 100 Jahren wird am Schliersee an Gefallene einer ganz woanders geschlagenen Schlacht erinnert, obwohl keiner der Toten aus dem Ort stammt. Die Nazis vereinnahmten das Gedenken schon vor 1933, sogar Adolf Hitler kam. Noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war der Termin eine fixe Größe im Festkalender der Marktgemeinde.

Bis er erneut von auswärtigen Rechtsextremisten gekapert wurde, was irgendwann zu massiven Protesten führte. Aber auch das ist schon Geschichte. Es blieb eine zum Stein des Anstoßes gewordene Gedenktafel. Wohin mit ihr?

Die Sankt-Georgs-Kapelle liegt malerisch auf dem Weinberg 35 Höhenmeter über dem See und ist beliebt bei Hochzeitspaaren. Touristen genießen das Voralpenpanorama, Bänke laden unter knorrigen Bäumen zum Verweilen ein. An der Außenwand des Kircherls stand in roter Frakturschrift bis vor kurzem zu lesen: »Freikorps Oberland. Dem Gedenken seiner 52 im Freiheitskampf um Oberschlesien anno 1921 gefallenen Kameraden. Sie werden wieder auferstehen.«

Die Inschrift stammt aus dem Jahr 1956. Sie ersetzte ein 1945 verschwundenes Denkmal. Für das Projekt verbündeten sich damals die Lokalzeitung unter Leitung eines einstigen NSDAP-Funktionärs, die Sparkasse - und Ortspfarrer Josef Wiedholz, dessen älterer Bruder bei der »Schlacht um den Annaberg« in Oberschlesien mitgekämpft hatte. Auch noch nach seiner Pensionierung feierte Wiedholz jedes Jahr eine Feldmesse zu Ehren der Gefallenen. Bis weit in die 1990er Jahre hinein, flankiert von Messdienern, Fahnenabordnungen, Heimatvertriebenen und dem örtlichen Veteranenverein.

Vor fünf Jahren begann in Schliersee das, was der Münchner Ordinariatsdirektor Armin Wouters heute einen »manchmal schmerzhaften, aber konstruktiven Prozess« nennt. Unter fachkundiger Begleitung des Instituts für Zeitgeschichte (ifz), organisiert und moderiert vom Katholischen Bildungswerk (KBW) im Landkreis Miesbach, wurden Wissenslücken behoben, stellten sich Bürgerschaft und Pfarrgemeinde schwierigen Fragen. Was ist legitimes Andenken an Verstorbene, was politische Instrumentalisierung? Und: Woran wollen wir eigentlich heute erinnern?

Mit Begriffen wie »Freiheitskampf« und »Freikorps Oberland« verbanden sich in Schliersee viele Emotionen. Dass es sich bei dem Kampfverband um großteils antisemitisch und antidemokratisch eingestellte Paramilitärs handelte, die auch vor politischen Morden nicht zurückschreckten, war den wenigsten bekannt. Auch nicht, dass dem Korps kaum gebürtige Oberländer angehörten.

2018 lud das KBW zu sechs Vorträgen ein. Anfangs, so der Historiker Thomas Schlemmer vom ifz, seien die Fronten verhärtet gewesen, aber »der Pfarrsaal war immer voll«. Befürworter und Kritiker der Gedenktafel fanden langsam zueinander. 17 Bürger brachen zu einer Studienfahrt nach Polen auf, besuchten den Annaberg und die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Dabei diskutierten sie engagiert, was das alles mit »ihrer« Gedenktafel daheim zu tun hat.

Was KBW-Geschäftsführer Wolfgang Foit besonders freut: Auf der zwölfstündigen Busfahrt kamen auch Verletzungen zur Sprache, die etwa durch Hakenkreuzschmierereien an der Kapellenwand entstanden waren. Einen schöneren Erfolg von Bildungsarbeit kann es für ihn nicht geben.

Am Ende des Dialogprozesses wurden 18 Vorschläge zur Gestaltung eines neuen »Ortes der Erinnerung« eingereicht und in einem vom KBW geleiteten Workshop miteinander in Bezug gesetzt. Ergebnis war ein umfassendes Konzept zum künftigen Umgang mit dem Ort und dem Gedenken. Die letzte Entscheidung einer gemischten Jury erfolgte einstimmig.

Zum 100. Jahrestag der Annaberg-Schlacht sollte der neue Gedenkort am 21. Mai der Öffentlichkeit übergeben werden. Wegen zu hoher Inzidenzzahlen wurde der Termin kurzfristig auf den 16. Juli verschoben.

Die umstrittene Tafel ist nun Bestandteil einer Installation des Benediktbeurer Künstlers Erwin Wiegerling. Sie wird eingehegt durch historische Informationen zur Geschichte dieses Ortes und ein Gebet des heiligen Franziskus: »Herr mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst, dass ich verzeihe, wo man beleidigt, dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist.«

Meinung

Sicherheitsrat? Wichtiger ist doch, dass Deutschland Weltmeister wird!

Deutschland scheitert in New York mit seiner Bewerbung für den UN-Sicherheitsrat - und die versammelte Schwarmintelligenz weiß auch warum. Spoiler-Alert: Es hat etwas mit Annalena Baerbock zu tun. Oder mit Israel

von Michael Thaidigsmann  04.06.2026

Nahost

Unifil-Soldat stirbt nach Angriff im Südlibanon

Nach Angaben der UN erlag der Unifil-Angehörige in den frühen Morgenstunden seinen Verletzungen. Woher kam der Beschuss?

 04.06.2026

Judenhass

Antisemitische Vorfälle in Sachsen-Anhalt nehmen weiter zu

Die Meldestelle RIAS dokumentiert für 2025 rund ein Drittel mehr Vorkommnisse als im Vorjahr

 04.06.2026

Berlin

Verfassungsschutz warnt vor islamistischer Einflussnahme auf deutsche Institutionen

Laut BfV-Chef Sinan Selen geht es nicht um kurzfristige Aktionen, sondern langfristig angelegte Strategien, die auf eine Veränderung politischer Entscheidungsprozesse abzielen

 04.06.2026

Flensburg

Jüdin darf bei Antisemitismus-Prozess keine Davidsternkette tragen

Ausgerechnet bei einem Prozess wegen eines antisemitischen Aushangs kommt es zu einem antisemitischen Vorfall

 04.06.2026

POWER LIST – Germany’s Top 50

Hape Kerkeling bekommt Sonderpreis für Zivilcourage

Auch die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sowie JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel wurden ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  04.06.2026

Berlin

Michael Roth geht mit Israel-Politik der SPD hart ins Gericht

Als sozialdemokratischer Abgeordneter hat er jahrelang die Außenpolitik seiner Partei im Bundestag mitbestimmt. Mit seinen Nachfolgern ist er mehr als unzufrieden

 04.06.2026

New York

Antisemitische Straftaten treiben Hasskriminalität nach oben

Moshe Spern von der Organisation United Jewish Teachers, macht Bürgermeister Zohran Mamdani mit verantwortlich: »Er trägt zu diesem Problem bei, und er weiß es.«

 04.06.2026

New York

Kein Sitz für Deutschland im UN-Sicherheitsrat

Deutschland scheitert mit der Bewerbung um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Österreich und Portugal setzen sich stattdessen durch

 04.06.2026