Bayreuth

Scharfe Kritik nach abgesagter Gedenkveranstaltung

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Foto: picture alliance/dpa

Eine Gedenkveranstaltung für in der NS-Zeit verfolgte jüdische Musikerinnen und Musiker hätte es werden sollen, gleich am Anfang der Jubiläumssaison. Dass daraus bei den Bayreuther Festspielen nun nichts wird, ruft deutliche Reaktionen hervor. Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) kritisierte die Verantwortlichen. »Ich erwarte von der Festspielleitung, dass sie eine Lösung für die Veranstaltung findet und zeigt: Im Kampf gegen Antisemitismus stehen wir zusammen«, sagte er. Der Umgang der Festspiele mit diesem Thema »war leider mehr als unglücklich in den letzten Tagen«, ergänzte Blume.

Nach Informationen der »Süddeutschen Zeitung« war am 26. Juli, einen Tag nach dem Festspielauftakt, ein Gedenkkonzert mit dem Titel »Verstummte Stimmen« in Bayreuth geplant gewesen. Der jüdische Publizist Michel Friedman hätte eine Rede halten sollen. Die Veranstaltung, die noch nicht offiziell bekannt war, wurde abgesagt. In Bayreuth war von einer Verschiebung aus Sicherheitsgründen die Rede.

Dem ZDF sagte Blume: »Mich überzeugt diese Begründung nicht völlig. Es ist wichtig, dass man kommunikativ Klarheit schafft und vor allem dieses so wichtige Signal, das von der Festspielleitung erdacht war, auch wirklich zu senden.«

»Unprofessionell und würdelos«

Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, reagierte mit scharfen Worten: »Diese Absage ist auf jeder Ebene eine Bankrotterklärung«, teilte sie mit. »Bei der vermeintlichen Verschiebung handelt es sich faktisch um nichts anderes als eine Ausladung Friedmans durch die Festspielleitung«, die ihm durch die Begründung »Sicherheitsbedenken« obendrein noch indirekt die Verantwortung zuschiebe. »Mir fehlen die Worte, um meine Wut und Enttäuschung auszudrücken.«

Knobloch würdigte Friedman als einen »der bedeutendsten Intellektuellen, die wir in diesem Land haben«. Dass die Festspielleitung »ihm an dieser hochsymbolischen Stelle eine Bühne erst anbietet und dann unter fadenscheinigem Vorwand wieder entzieht, das ist unprofessionell und würdelos. Wer Bayreuth schwächen will, der muss genauso handeln.«

Die Festspiele hätten mit ihrem Vorgehen eine Gelegenheit zur Aufarbeitung ihrer eigenen NS-Vergangenheit nicht nur verpasst, sondern »auch für die Zukunft erheblich erschwert«.

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Spaenle »sehr irritiert«

Weiter sagte Knobloch: »Wäre Friedmans Vortrag für die Anwesenden schmerzhaft gewesen? Sehr wahrscheinlich. Das aber war doch Sinn und Zweck seiner Einladung: Ein Gespräch zu beginnen, das mehr ist als leere Symbolik und das deshalb auch wehtut. Nicht nur findet dieses Gespräch jetzt nicht statt – ich befürchte auch, die aktuelle Debatte wird dazu führen, dass das für einige Zeit so bleibt.«

Bayerns Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle teilte mit, die Absage habe ihn »sehr irritiert«. Es stehe für ihn fest, dass es möglich sei, die Sicherheit für eine solche Veranstaltung zu gewährleisten. »Die Veranstalter müssen sich über die Folgen einer möglichen Terminverlegung im Klaren sein: Die Aufmerksamkeit zu einem Zeitpunkt außerhalb der Festspielzeit und damit auch die Zahl der Besucherinnen und Besucher dürfte dann deutlich geringer ausfallen. Das schadet dem Anliegen einer kritischen Aufarbeitung erheblich.«

Auch Friedman selbst hatte die Absage scharf kritisiert. »Das ist in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord«, hatte er der »Süddeutschen Zeitung« gesagt. »Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt.«

Kritische Auseinandersetzung

Der Komponist Richard Wagner (1813-1883), Gründer der Bayreuther Festspiele, verfasste antisemitische Schriften und äußerte sich auch immer wieder klar antisemitisch. Später galten die Festspiele als eng verflochten mit nationalistisch-völkischem Gedankengut und schließlich mit dem Nationalsozialismus. Adolf Hitler war immer wieder Gast in Bayreuth.

In dem Interview bezeichnete Friedman die Wagner-Stätten in Bayreuth als einen »Ort, an dem der Komponist und seine Nachfahren gewalttätigen Judenhass transportierten, organisierten und salonfähig machten«.

In Bayreuth treffe sich jedes Jahr »die Crème de la Crème der deutschen Politik und Gesellschaft«, sagte Friedman. »Dieses Publikum hätte ich also gefragt: ›Sie wissen, dass Sie auf einem vergifteten Boden die Opern eines menschenverachtenden Komponisten anhören. Dass Sie diese Opern genießen - was nicht schwer ist, denn dass Wagner ein musikalisches Genie war, wer würde das am Ende ernsthaft bezweifeln? Aber: Sie nehmen auch an einem exhibitionistischen Defilee teil, um genau hier abgelichtet und gesehen zu werden? Warum?‹«»

Kunstminister Blume sagte, gerade im Jubiläumsjahr sei die «kritische Auseinandersetzung mit den antisemitischen Denkmustern Richard Wagners» ein wichtiges Signal der Festspiele. «Es wäre äußerst unglücklich, wenn dieses Signal an die Welt verloren geht.» Der Freistaat gehört zu den Gesellschaftern des Opern-Spektakels und unterstützt es jährlich mit Steuergeld. dpa

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