Israel

Rote Linien ziehen

Ulf Poschardt Foto: Marlene Gawrisch

Hegel sah in Napoleon, der durch Berlin ritt, den »Weltgeist zu Pferde«. Es war und ist die philosophische Idee, dass jede Epoche die Verkörperung ihres Zeitgeistes in einem Akteur kondensiert sieht. Es ist eine thesenstarke Vereinfachung, die die Dinge auf den Punkt bringt. Deswegen auch hier: Die israelische Armee (IDF) ist die Avantgarde des freien, liberalen, wehrhaften Westens.

Ihre Geschichte gleicht in ihren Triumphen und Siegen einem Wunder. Die kleine, hochgerüstete Armee eines aus dem Nichts geschaffenen Staates im Schock der Schoa – dem »Nie wieder« eine Wehrhaftigkeit geben, die diese beiden Wörter eben nicht nur Wörter sein lässt, sondern ein Gesetz, ein Gebot, eine Gewissheit.

Das »Nie wieder« gilt nur, weil es die IDF gibt – und am Ende ist Israel als Staat nur zu denken mit einer Armee wie dieser. Früher gehörten auch Mossad, Schin Bet und Aman dazu, aber seit dem 7. Oktober wankt der Ruf der Geheimdienste als Instanz, die das »Nie wieder« garantieren kann.

Die IDF prägt die Gesellschaft

Dass es bei der Barbarei der Hamas-Terroristen nicht noch schlimmer gekommen ist, hat mit der Sozialisationsinstanz IDF zu tun. Jeder Israeli, gleich welchen Geschlechts, muss einen mehrjährigen Militärdienst leisten, sinnvollerweise nun auch die orthodoxen Juden. Und so waren es kampferprobte Reservist:innen (nirgendwo ist das Gendern passender als bei der IDF) und Pensionisten, die ihren Landsleuten in den Kibbuzim und Dörfern an der Grenze zum Gazastreifen wehrhaft zu Hilfe kamen.

Israel gibt es nur, weil es die IDF gibt. Eine liberale, demokratische Gesellschaft gibt es an diesem Ort nur, weil die IDF einen Christopher Street Day ermöglicht, weil sie das Nachtleben in Tel Aviv, wo Protestanten, Atheisten, Juden, Muslime, palästinensische Israelis zusammen feiern können, sichert. All das wird im Augenblick – groteskerweise nach dem Massaker der Hamas-Terroristen – verdreht und verdrängt.

Die Meta-Ebene dieses abscheulichen Angriffs ist dessen medial-kulturelle und politische Instrumentalisierung. Und da muss man leider sagen, dass die Hamas und ihre Spindoktoren in Katar und im Iran den Westen besser als viele idealistische Träumer hierzulande gelesen haben: Der Westen ist sich seiner Sache ungewiss. Die Stussprediger und Illusionisten einer friedlichen Lösung mit den Palästinensern nutzen das Blutbad, um die alte Leier von »Beide Seiten müssen abrüsten« zu aktualisieren.

Israel verteidigt rote Linien, die der Westen nicht einhalten konnte

Militärisch hat die IDF den Kampf gegen die Hamas im Gazastreifen fast gewonnen. Unter unfassbaren Verlusten – mit persönlichen Tragödien. Einmal mehr muss Israel einen hohen Preis dafür zahlen, dass die Außenpolitik des Westens nicht in der Lage ist, seine Feinde einzuhegen.

Der Angriff der Putin-Armee auf die Ukraine ist ebenso ein Zeichen der Schwäche des Westens wie der Angriff der Hamas auf Israel und die parallel dazu hochgefahrenen Angriffe des Iran-Proxys Hisbollah. Manche Experten sehen das Ausbleiben von Reaktionen des Westens, der damaligen Obama-USA und der europäischen NATO-Partner auf den Giftgas-Einsatz in Syrien als jenen Test an, den der Westen nicht bestanden hat. Denn dieser Akt beispielloser Aggression gegen sein eigenes Volk, unterstützt von Russland, blieb für Assad ohne Konsequenz.

Israel muss einen hohen Preis für die Außenpolitik
des Westens zahlen.

Die Israelis reden nicht über rote Linien, sie ziehen sie, indem sie bei Überschreiten derselben klar und unmissverständlich reagieren. Die Kritik an der israelischen Kriegsführung ist in der Regel vor allem eine jener Kräfte, die den israelischen Streitkräften die Hände binden wollen bei der Selbstverteidigung des Landes. Natürlich hätte die IDF den Gazastreifen auch schneller, härter, brutaler von der Hamas befreien können – doch stattdessen entschied sich auch ein streitbarer wie umstrittener oberster Befehlshaber wie Benjamin Netanjahu für eine maßvolle, aber dennoch wirksame Ausschaltung der Hamas in Gaza. Möglichst präzise, möglichst wirkungsvoll, so wie die spektakuläre Ausschaltung der Nummer zwei der Hisbollah, Militärchef Fuad Schukr, und der Nummer eins der Hamas, Politbürochef Ismail Haniyeh, innerhalb von nicht einmal zwölf Stunden.

Die israelische Armee steht für die gesamte Gesellschaft des Landes: Von den drusischen Offizieren bis zu den jungen amerikanischen Jüdinnen, die dort freiwillig ein Jahr Wehrdienst leisten. Es ist eine bunte, diverse Armee. Schwule Offiziere sind ebenso selbstverständlich wie muslimische, christliche oder atheistische. Es ist eine Vorzeigearmee des Westens, bestens ausgebildet und technisch auf dem höchsten Stand. Ein guter Bekannter, CEO eines israelischen Digitalunternehmens, erzählt mir stets, wie sein Leben als Topmanager und als Reserve-Offizier und Luftwaffen-Pilot arrangiert werden muss. Und jedes Mal wird mir klar, dass das eine Armee der Bürger ist, dass im Zweifel jeder Israeli ein Bürger in Uniform ist. Eine – im besten Sinne! - Volksarmee.

Israelis sind die Kanarienvögel in der Kohlenmine

Das politisch-kulturelle Establishment des Westens kann mit der Wehrhaftigkeit der Israelis wenig anfangen. Die Bilder Tausender Israelis und wehrdiensterprobter Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt, die ihren Job als Hirnchirurgen und Immobilienmakler, Bodyguards und College-Lehrer ruhen lassen, um nach dem 7. Oktober in der IDF Israel zu verteidigen, hat die übermächtige Allianz der europäischen, arabischen, palästinensischen Antisemiten erschreckt und weiter verbittert.

Das »Nie wieder« mag bei blassen, unfähigen Uni-Präsidenten und Professoren ein schickes Accessoire für öde 9.-November-Reden sein, in Israel mobilisiert es eine der besten Armeen der Welt, geeint im Willen, der gerade epidemisch anwachsenden Vernichtungsfantasie gegenüber Israel und den Juden zu trotzen. Von Elie Wiesel gibt es das Bild der Kanarienvögel in der Kohlenmine, wenn es darum geht, die Vergiftung freier Gesellschaften zu detektieren. Diese bittere Rolle haben nun die Israelis übernommen – und zwar nicht nur die jüdischen, wie seit dem entsetzlichen Angriff auf den Sportplatz in den Golanhöhen deutlich geworden ist.

Die israelische Armee kämpft die Kämpfe vorbildlich für den Westen. Es sind die Kämpfe, die in ähnlicher Form auch dann auf den Rest des Westens zukommen, wenn er nicht endlich lernt, rote Linien zu ziehen und ernst zu nehmen.

Und so ist es nicht nur die sogenannte deutsche Staatsräson, die im Außenministerium in Berlin jede Woche brüchiger reflektiert wird, die Deutschland zu einer bedingungslosen Unterstützung der IDF bewegen sollte – sondern die Zivilgesellschaft, die liberale, die weiß, dass die Werte des Westens im Zweifel auch mit Waffengängen verteidigt werden müssen.

Der Autor ist Chefredakteur der »Welt«.

Berlin

Streit um Antisemitismus: SPD und Grüne unterbrechen Sondierungsgespräche

Die Linke will eine rot-grün-rote Koalition in der Hauptstadt schmieden. Doch Grüne und SPD setzen erstmal ein Stoppschild. Auslöser ist der Umgang der Linken mit dem Thema Antisemitismus

 13.10.2026

Kontinuität

Bundesratsinitiative für EU-Forschungskooperation mit Israel

Drei Bundesländer wollen die weitere Beteiligung Israels am EU-Forschungsrahmenprogramm sicherstellen. Dazu wird jetzt eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht

 13.10.2026

Kommentar

Der geplatzte Testballon von Halle

Die AfD wird weiterhin versuchen, sich als ganz normale Partei zu inszenieren, wenn es um jüdisches Leben geht. Ein Angriffsziel bleibt es trotzdem. Deswegen müssen wir achtsamer werden, wenn die Angriffe subtiler werden

von Igor Matviyets  13.10.2026

Sachsen-Anhalt

CDU-Fraktion will bei Ministerpräsidenten-Wahl den Saal verlassen

Kamen Stimmen für die Wahl des AfD-Landtagspräsidenten aus den Reihen der CDU? Für die nächste wichtige Wahl im Dezember will die Fraktion vorbauen und nimmt einen ungewöhnlichen Weg

 13.10.2026

120. Geburtstag

Philosoph Bormuth: Die Gedanken von Hannah Arendt geben Orientierung

Das Werk der Philosophin Hannah Arendt bietet nach Ansicht des Oldenburger Wissenschaftlers Matthias Bormuth Orientierung in polarisierten Zeiten. Ihr Plädoyer für eigenes Denken und streitbaren Austausch sei heute hochaktuell

 13.10.2026

New York

Die US-Linke ist besessen von Palästina – nun frisst die Revolution ihre eigenen Kinder

Zohran Mamdanis Aufstieg hat in der Demokratischen Partei einen Linksruck ausgelöst. Längst ist der Bürgermeister der US-Metropole mit seiner zweifelhaften Anti-Israel-Rhetorik zur Ikone der Palästina-Bewegung in Amerika geworden. Nun wird er Teilen des eigenen Lagers zu weich

von Jan Klauth  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026