Berlin

Laute Musik und scharfe Kritik

Roger Waters in der Hamburger Barclays Arena Foto: picture alliance/dpa

Nach Monaten der Proteste und Kritik ist der Tag des ersten Roger Waters-Konzerts in Berlin gekommen. Am Donnerstag ist eine zweite Vorstellung in der Mercedes-Benz Arena vorgesehen, denn trotz der ihm immer wieder vorgehaltenen Verbreitung von Hass und Verschwörungstheorien über Israel, den einzigen jüdischen Staat der Welt, kann sich der 79-jährige Rockmusiker über seine Ticketverkäufe nicht beklagen.

Die Tatsache, dass Waters eines der prominentesten Sprachrohre der antisemitischen BDS-Bewegung ist und darüber hinaus für skandalöse Aussagen über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine bekannt wurde, wird entweder ignoriert, akzeptiert oder sogar begrüßt.

»Ich kann verstehen, dass man die Musik von Waters mag, bin aber auch der Meinung, dass man sich als mündiger Bürger überlegen sollte, welch Geistes Kind man hier zujubelt.«

Josef Schuster

Öffentliche Proteste »Roger Waters überträgt seinen Hass auf Israel auch auf Juden, in dem er wissentlich mit Ressentiments spielt«, sagt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen. »Ich freue mich über die großen öffentlichen Proteste gegen seine Auftritte, die aber leider fast ausschließlich aus dem jüdischen Teil der Gesellschaft kommen.«

»Antisemitismus, auch und gerade wenn er wie in diesem Fall im Gewand des BDS erscheint, sollte aber gesamtgesellschaftlich geächtet werden«, so Schuster. »Ich kann verstehen, dass man die Musik von Waters mag, bin aber auch der Meinung, dass man sich als mündiger Bürger überlegen sollte, welch Geistes Kind man hier zujubelt.«

Auch Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, erklärte, Roger Waters verschaffe bei seinen Auftritten der BDS-Bewegung Gehör. »Und das verurteile ich scharf.« Die BDS-Bewegung mit ihren antisemitischen Argumentationsmustern und Methoden richte großen politischen Schaden an, sagte Klein. »Dass Roger Waters sich so unverblümt antisemitisch einlässt und den Nationalsozialismus verharmlost, ist unerträglich.«

»Wenn zweimal 15.000 Menschen zu einem Waters Konzert gehen und sich anscheinend an dessen antisemitischen Narrativen nicht stören, dann zeigt das, welchen Stellenwert der Kampf gegen Antisemitismus in dieser Stadt hat – oder eben nicht hat.«

Sigmount Königsberg

Öffentliche Debatte Schon 2018 sei Roger Waters mit ähnlichen Aktionen aufgefallen, auch in Berlin. »Doch damals geschah dies viel unbemerkter«, so Klein. »Die öffentliche Debatte jetzt zeigt, dass wir als Gesellschaft wehrhafter gegen Antisemitismus geworden sind. Es ist wichtig, dass sich Politik und Zivilgesellschaft entschieden einmischen und richtig, wenn die zuständigen Stellen alle rechtsstaatlichen Mittel konsequent ausschöpfen.«

Felix Klein rief die Berliner Senatsverwaltung auf, »alle juristischen Möglichkeiten zu prüfen, gegen die Verbreitung von Antisemitismus durch Roger Waters und BDS vorzugehen. Hierzu gehört, beim Verdacht von Straftaten einzuschreiten, auch bei Konzerten.« Außerdem bat Klein »alle Fans«, sich kritisch mit ihrem Idol auseinanderzusetzen. »Denn eines ist aus meiner Sicht klar: Es sind Konzerterlebnisse mit bitterem Nachgeschmack.«

Auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin nahm Stellung. Deren Beauftragter gegen Antisemitismus, Sigmount Königsberg, sagte: »Wenn zweimal 15.000 Menschen zu einem Waters Konzert gehen und sich anscheinend an dessen antisemitischen Narrativen nicht stören, dann zeigt das, welchen Stellenwert der Kampf gegen Antisemitismus in dieser Stadt hat – oder eben nicht hat.«

»Dass ein Aufschrei seiner Fangemeinde gegen Antisemitismus ausbleibt, ist eine bittere Realität. Es mangelt viel zu oft an ernsthaftem Problembewusstsein für Antisemitismus im Kunst- und Kulturbetrieb.«

Samuel Salzborn

Demokratie-Klausel Da die Mercedes-Benz Arena, der Veranstaltungsort, von einem Privatunternehmen betrieben wird, hatte Berlin keine Handhabe. Schon der frühere Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hatte unlängst erklärt, über eine Absage habe seine Senatsverwaltung nicht zu befinden. Er wandte sich jedoch gegen »hetzerische Aussagen eines Roger Waters«, ebenso wie sein Nachfolger Joe Chialo (CDU), der ankündigte, die Kulturverwaltung werde eine Demokratie-Klausel in Förderbescheide einführen, »um antisemitische Veranstaltungen im Kulturbetrieb zu verhindern und Akteuren der BDS-Bewegung öffentliche Mittel zu entziehen«.

Samuel Salzborn, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlin, erklärte, die Debatte über Roger Waters sei nicht erst Wochen oder Monate alt, sondern werde seit Jahren geführt. »Das heißt natürlich nicht, dass alle Konzertbesucherinnen um die antisemitischen Positionen von Waters wissen müssen, aber von denjenigen, die darum wissen, werden sie offenbar mindestens toleriert.«

»Dass ein Aufschrei seiner Fangemeinde gegen Antisemitismus ausbleibt, ist eine bittere Realität«, sagte Salzborn. »Es mangelt viel zu oft an ernsthaftem Problembewusstsein für Antisemitismus im Kunst- und Kulturbetrieb, auch wenn antisemitische Künstlerinnen eine kleine Minderheit sind, ist die Ignoranz mit Blick auf Antisemitismus leider oft groß.«

Bekannte Positionierungen Salzborn kritisierte auch den Veranstalter, FKP Scorpio. Dieser habe sich zwar vor einiger Zeit bereits von den Aussagen von Waters distanziert, sich dabei aber darauf berufen, dass man vor Vertragsunterzeichnung keine Kenntnis über die Positionierungen von Waters gehabt habe. »Diese Positionierungen sind nun auch dem Veranstalter bekannt – dass daraus nichts folgt, ist bitter und zeigt, dass Antisemitismus im Kunstbetrieb nach wie vor an vielen Stellen ignoriert wird.«

In Hamburg und Köln fanden vor einigen Tagen bereits Konzerte von Roger Waters statt. Weitere sind nach Berlin auch in München und Frankfurt am Main vorgesehen. Der Frankfurter Stadtrat und das Land Hessen hatten entschieden, die Vorstellung des greisen Hassbarden am 28. Mai abzusagen, da sie über die Messe Frankfurt die Festhalle kontrollieren, den dortigen Veranstaltungsort. Das Verwaltungsgericht kassierte den Entschluss jedoch, nachdem die Anwälte von Waters Klage eingereicht hatten. In München verhinderten juristische Aspekte ebenfalls eine Absage.

Israel

Die halbe Wahrheit

Deutschlands Medien und der Gaza-Krieg: Wie aus ungeprüften Zahlen der Terrororganisation Hamas plötzlich Gewissheiten werden – ganz ohne kritische Einordnungen

von Philipp Peyman Engel  05.02.2026 Aktualisiert

Doha

Merz sagt Partnern am Golf engere Rüstungszusammenarbeit zu

Lange Zeit haben Bundesregierungen nur sehr restriktiv den Export von Rüstungsgütern an autokratische Staaten genehmigt. Dies ändert sich nun, wie der Bundeskanzler in Katar deutlich macht

 05.02.2026

Interview

»Es wird vergessen, wie es anfing«

Ricarda Louks Tochter Shani wurde am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen ermordet. Hier spricht sie darüber, wie sie den Verlust verarbeitet, was ihr Kraft gibt und warum sie über den Umgang Deutschlands mit den Opfern enttäuscht ist

von Mirko Freitag  05.02.2026

Nahost

Natürliches Bündnis?

Nach der Offensive der syrischen Armee in Rojava nähern sich die Kurden Israel an. Eine Expertin erklärt die Hintergründe

von Sabine Brandes  05.02.2026

Washington D.C.

Neue Terrorismus-Anklagen nach Mord an Botschaftsmitarbeitern

Gegen den 31-jährigen Elias Rodriguez aus Chicago sei eine erweiterte Anklageschrift mit insgesamt 13 Punkten eingereicht worden, sagt Bundesstaatsanwältin Jeanine Pirro

 05.02.2026

Sydney

Drohungen gegen Israels Präsidenten: 19-Jähriger angeklagt

Die Bundespolizei teilt mit, Darcy Tinning habe gedroht, Isaac Herzog mit einer Pistole zu erschießen

 05.02.2026

New York

Antisemitische Drohung an Schule: 17-Jähriger festgenommen

»Fuck the Jews«: Laut NYPD hatte der Teenager an der Renaissance Charter School in Jackson Heights E-Mails verschickt, in denen er Gewalt gegen jüdische Mitschüler androhte

 05.02.2026

Dresden

Sächsischer Landtag: Einmütige Zustimmung für Yad-Vashem-Außenstelle

Kultusminister Conrad Clemens (CDU) spricht von einem Auftrag. Angesichts offener antisemitischer Anfeindungen und wachsender Angriffe auf demokratische Werte sei Erinnerungskultur dringlicher denn je

 05.02.2026

Teheran

»Widerwärtiger Charakter«: Irans Außenminister attackiert Merz

Der Iran betrachtete Deutschland einst als einen zuverlässigen Partner. Die Kritik an der Bundesregierung wird jedoch immer heftiger. Und richtet sich mittlerweile gegen den Bundeskanzler persönlich

 05.02.2026