Meinung

Rentenpolitik und Flaschensammeln

Günter Jek Foto: pr

Im Jahr 2013 titelte die Satireseite »Der Postillon«, die Regierung plane die Erhöhung des Ein- und Mehrwegpfands zur Bekämpfung von Altersarmut. Ein makabrer Scherz, der jedoch bittere Realität werden kann. Denn das Rentenniveau wird weiter abgesenkt, die Lebensarbeitszeit erhöht, und die Rentenpolitik setzt weiterhin auf Erwerbseinkommen und private Vorsorge.

mittelfeld Im vergangenen Dezember stellte die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, eine Vergleichsstudie der staatlichen Rentensysteme von 34 Industrieländern vor. Deutschland rangiert hier, wegen seiner Orientierung am Verdienst und seiner geringen Umverteilung zugunsten sozial Schwächerer, lediglich im Mittelfeld.

Rentensysteme, die sich stark auf Einkommen ausrichten und die, statt auf ausreichende staatliche Renten, immer mehr auf kommerzielle Rentenfonds setzen, erhöhen das Risiko der Altersarmut. Einen höheren Schutz vor Altersarmut bieten Länder, die sich für eine Basisrente entschieden haben, die unabhängig vom früheren Verdienst einen Sockelbetrag zur Verfügung stellt, der dann über Lebensleistung und private Vorsorge aufgestockt werden kann. Dieses Verfahren kann Altersarmut für sozial schwächer gestellte Menschen verhindern, wenn ein für die gesellschaftliche Teilhabe angemessener Betrag zugrundegelegt wird.

mindestlohn Während die OECD-Studie 35 Erwerbsjahre als realistische Grundlage zur Berechnung benutzt, muss in Deutschland über 45 Jahre lang in einer ununterbrochenen Vollzeittätigkeit ein Stundenlohn von derzeit 11,68 Euro gehalten werden, um eine Nettorente zu erzielen, die über dem durchschnittlichen Bruttobedarf in der Grundsicherung in Höhe von 788 Euro monatlich liegt. Für Beschäftigte mit unterbrochener Erwerbsbiografie ist das ein sehr kühnes Unterfangen, zumal der Mindestlohn in Deutschland gerade einmal bei 8,50 Euro liegt.

Um Geringverdienern private Vorsorge und sozial schwachen Senioren einen guten Lebensabend zu ermöglichen, müssen würdigere Maßnahmen als Flaschensammeln gefunden werden. Aktuell betroffen sind bereits jetzt viele ältere jüdische Zuwanderer, deren Erwerbszeit in Deutschland schlicht nicht ausgereicht hat, um einen Zugang zum Rentensystem zu erhalten. Die Zahl der Betroffenen wird weiter steigen.

Der Autor leitet das Berliner Büro der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST).

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Essay

Die Demokratie gegen ihre Abschaffung verteidigen

Warum die AfD als Partei verboten werden müsste – und weshalb das eben nicht undemokratisch ist

von Stephan Lehnstaedt  02.10.2026

Delft/Niederlande

Publikum beschimpft Angehörige eines Hamas-Opfers bei »NAZA«-Vorführung

Sabine Tassa, deren Ehemann und Sohn am 7. Oktober 2023 ermordet wurden, kritisiert die Doku. Das Publikum will nichts davon hören

 02.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Jerusalem

Herzog über mögliche Linken-Regierung in Berlin: »Das ist äußerst verstörend«

Im ausführlichen Interview mit der WELT spricht der israelische Präsident auch über den »Fly Dubai«-Angriff, den Iran und das britische Embargo gegen sein Land

 02.10.2026

Genf

Sharabi fordert UN-Menschenrechtsrat zur Anerkennung von Geiselmisshandlungen als Folter auf

»Mein Name ist Eli Sharabi. Ich bin ein Überlebender von Folter«, so der ehemalige Verschleppte vor dem Gremium

 02.10.2026

Besuch

Berlins scheidender Regierungschef reist nach Israel

Israels Botschafter in Deutschland äußerte kürzlich Sorge um die Sicherheit der jüdischen Community in der deutschen Hauptstadt. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner reist nun nach Tel Aviv

 02.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026