Tagung

Rentengerechtigkeit in Aschkenas?

Das Podium »Ausgerechnet Deutschland?!« Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Auf dem vorletzten Podium der Tagung »Rückkehr nach Aschkenas. Juden vom Mars und Deutsche aus Russland: Die Rekonstruktion einer Fehleinschätzung« wurden die Teilnehmer deutlich.

»Als mein Großvater in Rente gegangen ist, mussten meine Großeltern aus ihrer Wohnung ausziehen, weil sie für das Amt zu groß war«, sagte der Filmemacher Arkadij Khaet: »Das ist eine wahnsinnige Ungerechtigkeit, die nicht zu erklären ist. Gleichzeitig schmückt man sich mit dem jüdischen Leben in Deutschland, man stellt es die ganze Zeit aus (…), wir feiern 1700 Jahre, und der Enkel sitzt auf einem Podium ›Rückkehr nach Aschkenas‹. Aber man schafft es über 30 Jahre nicht, die Renten anzugleichen für Leute, die Jahrzehnte gearbeitet haben.«

VORTRÄGE Die Tagung in Berlin begann am Sonntag mit wissenschaftlichen Vorträgen über das historische Aschkenas und die Geschichte der aschkenasischen Juden, die Rückkehr des Jiddischen nach Deutschland und den Antisemitismus in der Sowjetunion – dafür wurde Irina Scherbakowa von der inzwischen verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial International zugeschaltet.

Am Montagnachmittag, nach einem historischen Rückblick mit Micha Guttmann, Peter Fischer, Wolfgang Templin und Anetta Kahane auf die Entstehungsgeschichte der Aufnahmeregelung für jüdische Kontingentflüchtlinge von 1991, demonstrierten Filmemacher Khaet, Anastassia Pletoukhina, Alina Fejgin und Lars Umanski sowie Moderatorin Dalia Wissgott-Moneta auf dem Podium »Ausgerechnet Deutschland?!«, was Altersarmut für Zuwanderer bedeutet.

Umanski, Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), sagte über seine Eltern: »Es zerfrisst sie innerlich, dass sie in sieben bis acht Jahren in Rente gehen werden und bis heute nicht wissen, ob es Grundsicherung wird oder eine Minimalrente – oder ob sie auf Wohngeld angewiesen sein werden.«

Volker Beck, mit Deidre Berger Gesellschafter des Tikvah Instituts, hatte die Veranstaltung als Fortsetzung der Tagung »Wie deutsch ist Jiddisch?« im Oktober 2021 konzipiert.

Volker Beck, mit Deidre Berger Gesellschafter des Tikvah Instituts, hatte die Veranstaltung als Fortsetzung der Tagung »Wie deutsch ist Jiddisch?« im Oktober 2021 konzipiert. Die Forderung, Jiddisch als Minderheitensprache anzuerkennen und auf diesem Weg die jüdischen Zuwanderer mit »russlanddeutschen Spätaussiedlern« gleichzustellen, wurde auch diesmal von Politikern verschiedener Parteien unterstützt.

Berger bekräftige: »Unsere Tagung hat gezeigt, dass es so viele Verflechtungen zwischen aschkenasischem Judentum und deutscher Kultur gibt. Das zeigt, dass man die Frage der Zugehörigkeit zum ›deutschen Sprach- und Kulturkreis‹ völlig neu diskutieren muss.«

IMPULS Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, versicherte in einem Impulsvortrag, er begrüße »ausdrücklich den Anstoß der Tagung, die Auseinandersetzung mit der jüdischen Zuwanderung in Bezug auf die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, auf die Behandlung in der Sozial- und Rentenversicherung zu suchen«.

Mittlerweile ist von der Regierungskoalition eine Härtefallregelung mit 10.000 Euro angedacht, doch Volker Beck warnt: »Dass der Härtefonds einen Haushaltstitel im Bundeshaushalt 2022 hat, heißt noch lange nicht, dass er auch kommt.« Der SPD-Politiker Helge Lindh erklärte beim Abschlusspodium, er halte die Umsetzung im Rahmen des Haushalts von 2023 für realistisch.

Allerdings sagte Beck der Jüdischen Allgemeinen, Rolf Schmachtenberg, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, habe »trickreich in seinem Konzept einen Selbstzerstörungsmechanismus eingebaut: eine Verwaltungsvereinbarung mit den Ländern, der sie zur hälftigen Kostenübernahme verpflichten sollte«.

Es sei aber nicht ersichtlich, warum die Länder auf den Vorschlag des Bundessozialministeriums eingehen sollten. Es gehe um viel Geld, da der Großteil der Begünstigten des Härtefonds DDR-Rentner und Aussiedler sein würden. Nur ein Bruchteil werde den jüdischen Zuwanderern zukommen. Ohnehin reiche der Fonds nicht aus: »Die Gleichstellung im Fremdrentengesetz muss folgen.«

Staatsbesuch

Kanzler Merz reist am nächsten Wochenende nach Israel

Das Datum steht: Bundeskanzler Merz reist in gut einer Woche zum Antrittsbesuch nach Israel. Der Gaza-Krieg hatte die Reise verzögert, durch die Waffenruhe wird sie jetzt möglich

 28.11.2025

Berlin

Anschlag auf israelische Botschaft geplant? Prozess beginnt

Ein mutmaßlicher IS-Unterstützer kommt vor Gericht. Der Prozess gegen den inzwischen 19-Jährigen beginnt am Montag

 28.11.2025

Brüssel

Weimer warnt vor Antisemitismus und Ausgrenzung beim ESC

Der Kulturstaatsminister will darüber mit seinen europäischen Kollegen sprechen

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025

USA

Mehrheit der Juden blickt nach Mamdani-Sieg mit Sorge nach New York

Eine Umfrage zeigt: Fast zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, Mamdani sei sowohl antiisraelisch als auch antisemitisch

 28.11.2025

Berlin

Israel, der Krieg gegen die Hamas und die Völkermord-Legende

Der israelische Militärhistoriker Danny Orbach stellte im Bundestag eine Studie und aktuelle Erkenntnisse zum angeblichen Genozid im Gazastreifen vor – und beklagt eine einseitige Positionierung von UN-Organisationen, Wissenschaft und Medien

 27.11.2025

USA

Staatsanwaltschaft rollt den Fall Etan Patz neu auf

Der jüdische Junge Etan Patz verschwindet am 25. Mai 1979 auf dem Weg zur Schule. Jahre später wird er für tot erklärt

 27.11.2025

Debatte

Neue Leitlinie zum Umgang mit NS-Raubgut für Museen und Bibliotheken

In Ausstellungshäusern, Archiven und Bibliotheken, aber auch in deutschen Haushalten finden sich unzählige im Nationalsozialismus entzogene Kulturgüter. Eine neue Handreichung soll beim Umgang damit helfen

von Anne Mertens  27.11.2025

Düsseldorf

Breite Mehrheit im Landtag wirbt für Holocaust-Zentrum in NRW

Große Mehrheit im NRW-Landtag: Fast alle Fraktionen werben für NRW als Standort eines vom Bund geplanten Holocaust-Bildungszentrums. Bayern und Sachsen sind ebenfalls im Rennen

von Andreas Otto  27.11.2025