Interview

»Privileg der Demokratie«

Dieter Graumann Foto: Das Porträt

Herr Graumann, werden Sie am Sonntag bei der Europawahl Ihre Stimme abgeben?
Nein, denn ich habe schon gewählt. Und zwar per Briefwahl. Wen, verrate ich hier aber natürlich nicht. Wählen zu können, ist ein Privileg der Demokratie, und gerade bei der Europawahl in diesem Jahr ist eine hohe Wahlbeteiligung extrem wichtig.

Warum gerade jetzt?
Nachdem das Bundesverfassungsgericht im Februar für Deutschland die Dreiprozenthürde für die Europawahl gekippt hat, haben bei uns auch kleine Parteien große Chancen, ins Europaparlament einzuziehen. Das gilt leider auch für extremistische Parteien wie etwa die NPD. Viele Stimmen für die demokratischen Parteien sind daher entscheidend, um den Einfluss gerade von rechten und antisemitischen Parteien einzudämmen.

Gleichwohl sinkt die Wahlbeteiligung kontinuierlich. Ist das ein Indikator für wachsendes Misstrauen gegenüber der EU?
In der Tat hat sich leider eine starke Europaverdrossenheit breitgemacht. Und immer wieder mag man an Entscheidungen der EU zweifeln, ja schier verzweifeln. Etwa wenn zutiefst ungerechte Richtlinien verabschiedet werden, die sich ausschließlich gegen Israel richten. Aber wir dürfen doch nicht vergessen, dass die europäische Einigung angesichts der blutigen Geschichte dieses Kontinents an ein Wunder grenzt. Die europäische Friedensgemeinschaft gilt es doch auch zu würdigen und zu wahren.

Hat der europäische Gedanke für die jüdische Gemeinschaft besondere Bedeutung?
Eindeutig ja. Europa wird seit rund 1000 Jahren doch auch von Juden geprägt. Die Werte Europas sind auch jüdische Werte. Wir Juden wissen zudem besonders gut, wie wertvoll und zugleich zerbrechlich die zivilisatorischen Errungenschaften Europas sind. Daher ist es so wichtig, immer auch über den Tellerrand unserer Landesgrenzen hinaus zu schauen. Folglich beobachten wir aufmerksam, wie es den jüdischen Gemeinschaften in unseren Nachbarländern geht. Leider gibt es da momentan gleich aus mehreren Staaten, wie etwa Griechenland oder Frankreich, wenig frohe Nachrichten. Oder nehmen wir Ungarn, wo eine durch und durch antisemitische Partei bei den letzten Parlamentswahlen sogar über 20 Prozent aller Stimmen erhielt. Hier wünschte ich mir von unseren Politikern ein viel deutlicheres und lauteres Wort der Verurteilung. Eines muss doch immer klar sein: Für Antisemiten und Rassisten ist absolut kein Platz in der EU!

Im Wahlkampf haben Nazi-Vergleiche von AfD-Politikern Schlagzeilen gemacht. Ist der Fall mit der offiziellen Entschuldigung für Sie erledigt?
In ihrem Brief an den Zentralrat baten die AfD-Vertreter um Nachsicht, da die Parteimitglieder einer vermeintlich »hohen Belastung« ausgesetzt seien. Dies rechtfertigt doch keine derartigen Entgleisungen. Vergleiche der heutigen Zeit mit der Schoa, die das Leid der Opfer verharmlosen, sind verantwortungslos und völlig inakzeptabel. Entscheidend ist jetzt, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden sprach Detlef David Kauschke.

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Berlin

Merz fordert Ausreise bei Judenhass unter Muslimen

Bei einem Empfang jüdischer Sportler äußert sich der Kanzler deutlich zum Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern

 07.11.2026

Iran-Krieg

Berichte: Explosionen in Gheschm und Dschask im Iran

Immer wieder gab es Spekulationen, dass die USA und Israel nach den Midterms erneut den Iran angreifen könnten. Die Ursache der Explosionen ist bisher unklar

 07.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  07.11.2026

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Interview

»Ich bezweifle, dass Claudia Roth es ernst meint mit dem Kampf gegen Antisemitismus«

JSUD-Präsident Ron Dekel geht mit der Grünen-Politikerin hart ins Gericht und wirft ihr vor, antisemitische Narrative salonfähig zu machen

von Michael Thaidigsmann  06.11.2026

Israelfeindliche Politikerin

Berliner Linke fordert Vanessa Emde zum Mandatsverzicht auf

Nach Wochen der Diskussion über den Umgang mit der direkt gewählten Abgeordneten, scheint die Parteispitze nun durchgreifen zu wollen

 06.11.2026

Vorwurf der Kampagne

Eklat um Claudia Roth: Nun reagiert der Zentralrat

Die Grünen-Politikerin bereut es, israelfeindliche Regisseure auf der Berlinale kritisiert zu haben und sieht die Schuld dafür beim Zentralrat der Juden

 06.11.2026

Berlin

Gregor Gysi für Rauswurf von Vanessa Emde

»Ich hoffe, dass wir sie ausschließen«, sagt Gysi über die wegen israelfeindlicher Aussagen umstrittene Abgeordnete

 06.11.2026