Syrien

Pest und Cholera

Syrische Aufständische greifen eine staatliche Armeestellung bei Damaskus an. Foto: Reuters

Der Frühling ist nicht unbedingt die von allen bevorzugte Jahreszeit. Man könnte sagen: Der Frühling wird von manchen geschätzt. Andere haben den Winter lieber, und es gibt auch diejenigen, die den Sommer gern haben.»

Als Baschar al-Assad im Juni 2001 diese rührende Wetterprognose abgab, war er für viele im Westen der Hoffnungsträger einer arabischen Perestroika. Im Jahr zuvor hatte er unerwartet die syrische Präsidentschaft von seinem Vater geerbt. Dadurch wurde Syrien – Nordkorea folgend – die zweite dynastische Republik der Welt. Da Baschar jung war und im Westen studiert und gearbeitet hatte, waren viele Demokraten bereit, die Augen vor diesem undemokratischen Machtwechsel zu verschließen und mit der syrischen Diktatur weiter so umzugehen, als stünde ein politischer Frühling bevor.

dschihad Seit mehr als zwei Jahren herrscht in Syrien ein schwerer Winter – ein brutaler und totaler Bürgerkrieg, der sich inzwischen zu einem religiösen Kampf entwickelt hat. Es ist ein regelrechter Dschihad zwischen den zwei führenden Strömungen des Islam. Sunniten und Schiiten kämpfen nicht nur um die Dominanz über Syrien, sondern um die Herrschaft im ganzen Nahen Osten. Man könnte auch sagen: Es ist ein Krieg zwischen Hisbollah und Al-Qaida. Die schiitische Terrormiliz steht an der Seite des alawitischen Minderheitsregimes in Damaskus. Al-Qaida hingegen mobilisiert große Teile der seit fast 50 Jahren unterdrückten sunnitischen Bevölkerungsmehrheit in Syrien.

Es ist ein grausamer Kampf um Leben und Tod, der schon lange dauert und sehr wahrscheinlich noch andauern wird. Das Regime überlebt dank der Angst vieler Syrer, vor allem Mitglieder der verschiedenen ethnischen und religiösen Minderheiten des Landes, vor einer «Irakisierung» oder sogar «Ägyptisierung» Syriens: einer systematischen ethnisch-religiösen Säuberung.

Syrische Alawiten, Christen, Drusen und Kurden verfolgen mit Entsetzen, was in anderen Ländern der Region mit Minderheiten passiert. Weil sie das nicht selbst erleben wollen, stehen sie nach wie vor mehrheitlich an der Seite eines Regimes, dessen Brutalität bis dato ihre Sicherheits- und Stabilitätsgarantie war. Bei einem Verschwinden dieses Regimes sind zwei Szenarien wahrscheinlich: entweder eine Teilung des Landes nach blutigen ethnischen Säuberungen oder eine brutale Diktatur der sunnitischen Radikalislamisten.

Israel beobachtet mit großer Sorge die dramatische Entwicklung des Bürgerkrieges im Nachbarland. Eine relative Stabilität an fast allen Grenzen ist sehr schnell einem gefährlichen Chaos gewichen. Im Süden, auf der Halbinsel Sinai sowie im Gazastreifen, und jetzt auch im Norden, in Syrien, haben radikalislamistische Terrorbanden die Kontrolle über weite Territorien erobert. Die militärische Herausforderung heißt nicht mehr, sich auf einen Krieg gegen konventionelle Armeen vorzubereiten, sondern sich für einen Guerillakrieg zu wappnen.

arsenal Der Unterschied zwischen der Situation an der südlichen Front und der im Norden besteht vor allem darin, dass Syrien über das größte Waffenarsenal (inklusive chemischer und biologischer Waffen) der arabischen Welt verfügt. Wenn die Zentralregierung in Damaskus die Kontrolle über Teile dieses Arsenals verliert, wird Israel darauf reagieren müssen, obwohl es sich bis jetzt in den internen syrischen Konflikt nicht einmischen wollte.

Israel steht also vor der Wahl zwischen Pest und Cholera: Falls Assad es doch noch schafft, den Krieg gegen seine eigene Bevölkerung zu gewinnen, verstärkt sich dadurch der iranische Einfluss im Nahen Osten. Bekommt hingegen die Opposition die Überhand, wird der Ring des radikal sunnitischen Islamismus um Israel noch enger. Es ist eine «Lose-Lose-Situation», in der Israel wachsam bleiben muss, um nur dann zu agieren, wenn es aus Sicherheitsgründen keine andere Option mehr gibt.

Berlin

Früherer Verfassungsrichter gegen AfD-Verbotsverfahren

Die AfD könnte bei der Wahl in Sachsen-Anhalt womöglich eine absolute Mehrheit erreichen. Hans-Jürgen Papier ist aber gegen ein Verbotsverfahren

 30.07.2026

Jerusalem

Bericht nennt Einzelheiten des jüngsten Treffens von Trump und Netanjahu

Nach dem Besuch des israelischen Ministerpräsidenten beim US-Präsidenten berichtet »The Times of Israel« über ihr Gespräch im Weißen Haus

 30.07.2026

Nahost

USA nehmen Angriffe auf Iran wieder auf

Nach Angaben des amerikanischen Militärs richteten sich die Einsätze gegen zahlreiche Ziele der iranischen Revolutionsgarden

 30.07.2026

Meinung

Ein belasteter Ort verlangt Bewusstsein

Belastete Orte wie etwa Hitlers Geburtshaus in Braunau gibt es in Deutschland und Österreich viele. Erinnerung daran bedeutet, ihr in der Gegenwart die richtige Antwort zu geben

von Vladimir Vertlib  29.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich klar und deutlich als solche benannt werden

von Ali Ertan Toprak  29.07.2026

Thüringen

Entschuldigung nach Hass-Kommentar eines Leinefelder Gastwirts abgelehnt

Das Auschwitz-Komitee wirft dem Gastronomen vor, Menschen mit dem Tod bedroht und die Verbrechen des Nationalsozialismus verherrlicht zu haben.

 29.07.2026

Toronto

Solidarität nach Angriffen: Lange Schlangen vor jüdischen Bagel-Läden

Nach Angriffen auf zwei Filialen der jüdischen Bäckereikette Kiva’s Bagel Bar kaufen Bewohner dort ein. Zeitgleich feuerte ein Unbekannter Schüsse auf das US-Konsulat ab

 29.07.2026

Nahost

Iran greift US-Stützpunkt in Jordanien an – Washington reagiert mit Luftschlägen im Irak

Es ist der erste Raketenangriff des Iran auf einen US-Stützpunkt, seit Präsident Donald Trump die amerikanischen Angriffe auf iranische Ziele vor wenigen Tagen ausgesetzt hatte

 29.07.2026

Berlin

Klein: Sympathie-Bekundung für Terrororganisationen strafbar machen

Nach dem Anschlag durch einen IS-Anhänger fordert der scheidende Antisemitismusbeauftragte Gesetzesänderungen

 29.07.2026