Geschichte

Patrioten ohne Grenzen

»Utopien sind dazu da, geträumt zu werden, damit sie Wirklichkeit werden können.« Foto: Thinkstock

In Europa oder Amerika sind Juden meist Bürger des Staates, in dem sie leben. Fragen nach ihrem Patriotismus, etwa wenn es um politische Entscheidungen geht, werden da nicht aufgeworfen. Das gilt auch, wenn sich in Deutschland der Zentralrat der Juden zu bestimmten Fragen äußert. Die Öffentlichkeit nimmt das mal mit Zustimmung, mal mit Unverständnis zur Kenntnis. Weitere Schlussfolgerungen werden daraus nicht gezogen.

Wenn aber Menschen wieder mit Waffen in der Hand aufeinander losgehen und ein staatlich sanktioniertes Morden beginnt, dann werden Bekenntnisse erwartet. Das war auch vor 100 Jahren so, als ein eher beiläufiges Attentat in Sarajevo zum Zünder des Ersten Weltkriegs wurde.

Das Erste, was bei einem Krieg auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit, heißt es. Doch für Juden ist das Erste, was in einer Situation, in der die Gewalt eskaliert, angezweifelt wird, ihre Loyalität zu dem Staat, in dem sie leben. Ihr Patriotismus wird infrage gestellt, weil es schließlich auf beiden Seiten der Front Juden gibt. Dass in Europa in der Regel auf beiden Seiten der Front auch Christen leben, wird nicht als Argument angeführt.

staatswesen Schon im Talmud wurde die Einordnung in nichtjüdische Staatswesen postuliert: »Dina demalchuta dina – Gesetze der Regierung sind für Juden verbindlich.« Gabriel Riesser, der erste jüdische Richter in Deutschland, formulierte im Jahr 1831: »Der Hauch der Freiheit, der über die deutschen Gaue zog, hat unsere schlummernden Freiheitshoffnungen geweckt. ... Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören; wir werden ihm allerorten angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern.«

Zu patriotischen Zeremonien gehören der Staatsflaggenkult und das Intonieren von Hymnen. Reduziert man beide auf ihren sachlichen Gehalt, dann werden an einem deutlich über die handelnden Personen gesetzten Mast etwa zwei bis vier Quadratmeter bunt bedruckten Stoffes hochgezogen, und dabei wird musikalisch von Instrumenten oder Vokalisten viel heiße Luft verbreitet. Was so als Maßstab gesetzt und mit vielen, oft auch scheinbar schlüssigen Argumenten unterlegt wird, ist dies: »Right or wrong – my country!«

vaterland Der frühere Bundespräsident Johannes Rau hat einmal definiert: »Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.« Auch das klingt überzeugend. Aber unter dem Deckmantel des Patriotismus blüht eben auch Nationalismus, dieses Sich-über-andere-Erhöhen, das zur Menschenverachtung führt.

Flaggenkult und ähnliche Zeremonien sind harmlos, wenn es um den Staatsbesuch von Politikern geht, also um Gedankenaustausch und nicht um Krieg. Auch bei Fußballspielen oder anderen Sportveranstaltungen geht es nicht um Vernichtung des Gegners, sondern um ein Kräftemessen nach bestimmten Regeln und auf einem definierten Spielfeld.

Aber Flaggen werden zu einem Stoff, der dem organisierten Mord vorausgeht, wenn es darum geht, ohne Regeln aufeinander einzuschlagen, die anderen zu besiegen oder zu töten. Der Nahe Osten mit seiner nicht enden wollenden Gewaltspirale in den letzten sechs Jahrzehnten ist ein trauriges Beispiel dafür.

gerechtigkeit
Es ist bedenklich, dass 100 Jahre nach Sarajevo die Frage nach dem Patriotismus wieder aktuell wird. Dass ernst zu nehmende Personen wie der Bundespräsident oder die Verteidigungsministerin dafür werben, sich im Namen einer wie auch immer definierten Gerechtigkeit auch mit kriegerischen Mitteln für ein unbestimmtes Gutes einzusetzen, muss nachdenklich stimmen.

Wer heute die euphorischen Bekenntnisse jüdischer Patrioten zu Beginn des Ersten Weltkriegs und ihre Lobgesänge aufs Vaterland liest, vergegenwärtigt sich fast automatisch, dass der Weg vieler dieser Patrioten in Auschwitz endete. Man kommt nicht umhin, festzustellen, dass es die wenigen kritischen Stimmen waren, die letztlich Recht behielten.

Wann wird die Welt endlich begreifen, dass es die Botschaft der Hebräischen Bibel ist, dass alle Menschen am sechsten Tag von Gott geschaffene »Söhne Adams« – Benej Adam – sind? Und dass es darum geht, eine Welt zu schaffen, in der immer weniger Patriotismus und immer mehr Menschenliebe herrscht? Dass wir also nicht Europa gegen andere abschirmen sollen, sondern gemeinsam eine Welt schaffen, in der wir mit Respekt mit- oder nebeneinander wohnen – ohne Grenzen, die uns trennen?

Das schien 1945 in einer durch blinden Nationalismus zerstörten Welt so unmöglich zu sein wie beispielsweise ein jüdischer Staat nach der Schoa. Frieden mit Israel oder ein Naher Osten ohne trennende Grenzen – das scheint heute in einer in Teilen am Abgrund stehenden islamischen Welt unmöglich. Aber Utopien sind dazu da, geträumt zu werden, damit sie Wirklichkeit werden können. Wenn wir heute Patrioten sind, dann jüdische Patrioten, die von einer Welt ohne Grenzen träumen.

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

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