Frankreich

Nicht anschlussfähig und offen antisemitisch

War viele Jahr das Gesicht des französischen Rechtsextremismus: Jean-Marie Le Pen (1928-2025) Foto: IMAGO/Photo News

Manchmal gibt es Details in einer Biografie, die so sprechend sind, dass man nur staunen kann. 60 Jahre lang konnte Jean-Marie Le Pen nur auf seinem rechten Auge sehen. Auf dem linken war er blind, seit einem Unfall beim Aufbauen eines Wahlkampfzeltes. Tatsächlich hat Jean-Marie Le Pen in seinem langen politischen Leben stets nach rechts geschaut. Nun ist er mit 96 Jahren gestorben, wie seine Familie mitteilte.

Der Begründer des rechtsextremen Front National hat eine Geisteshaltung in den öffentlichen Diskurs eingebracht, die in Europa lange verpönt war - die heute aber fröhliche Urständ feiert. Europafeindlichkeit, Nationalismus und Fremdenhass sind in Mode gekommen. Den Polit-Opa, 2011 von seiner eigenen Tochter Marine Le Pen (56) aufs Altenteil geschoben, dürfte es gefreut haben.

Die ganz großen Ämter sind Jean-Marie Le Pen verwehrt geblieben. Fünfmal trat er für die französische Präsidentschaft an, erzielte seit 1988 stets zweistellige Achtungserfolge und zog 2002 sogar in die Stichwahl gegen den Amtsinhaber Jacques Chirac ein. Immer aber war er das rechte Schreckgespenst, der Buhmann, man wollte sagen der Bürgerschreck - gäbe es da in der Wählerschaft des Front National nicht auch erkleckliche Teile eines rechtskonservativen Bürgertums.

Bretonischer Bollerkopf

Geboren am 20. Juni 1928 als Sohn einer Näherin und eines Fischers, wurde Le Pen 1942 zum Kriegswaisen: Sein Vater fuhr mit seinem Boot auf eine Mine. Le Pens bretonische Herkunft und seine Jahre als Fremdenlegionär mögen das ihre zu der vierschrötigen Bollerköpfigkeit beigetragen haben, die den studierten Juristen in seiner langen Karriere auszeichnete. Sie machte es zwar vergleichsweise einfach, ihm in der Sache zu widersprechen. Sie war aber eben auch gepaart mit der fast sprichwörtlichen Beharrlichkeit, vulgo Sturheit der Bretonen.

Irgendwann war den notorischen Provokationen, dem Antiklerikalismus, der ätzenden Islamkritik und dem offenen Antisemitismus Le Pens durch deren Plattheit die Spitze genommen. Nicht weniger als 25 mal wurde er rechtskräftig wegen Rassismus verurteilt. Auch für Frankreichs Bischöfe war seit den 80er Jahren jeder Kontakt mit der Le-Pen-Partei ein »No go«. Die eigene Tochter drängte den Parteigründer schließlich beiseite und zielte mit laizistisch-republikanischen Aussagen verstärkt auf eine bürgerliche Rechte. Ein »neuer« Front National: auch scharf, auch rechtspopulistisch, aber geschickter, »anschlussfähiger«.

Doch die Geschichte wiederholte sich: Marine und ihre Nichte Marion Maréchal (35), Lieblingsenkelin Jean-Maries und von dem Rapper Youssoupha als »Enkelin des Teufels« besungen, kratzten schon an den Toren der Macht. Am Ende aber musste sich die FN-Chefin bei den Präsidentenwahlen 2017 (und 2022) dem Überraschungsaufsteiger Emmanuel Macron geschlagen geben. Die interne Arbeitsteilung der Le-Pen-Blondinen zerbrach ebenso wie die Einheit der Partei.

2018 benannte Marine Le Pen den Front National in »Rassemblement National« (Nationale Sammelbewegung, RN) um - ein Anklang an die fast gleichnamige rechtsextreme Partei RNP, die unter dem Vichy-Regime für eine Kollaboration mit den deutschen Besatzern eintrat.

Genug von der Politik hatte er auch nach seinem Rauswurf aus der FN immer noch nicht. 2016 gründete Jean-Marie Le Pen die nationalistische und rechtsextreme Partei Les Comites Jeanne (CJ) und schloss sich mit ihr der europäischen Rechtspartei Allianz für Frieden und Freiheit (APF) an. Im Juli 2019 endete seine 35-jährige Karriere als EU-Parlamentarier, mit 91 Jahren. Im Corona-Jahr 2021 heiratete er seine langjährige zweite Ehefrau Jany Paschos (92) auch kirchlich.

Nährboden des neonationalistischen Populismus in Europa ist die Ablehnung der EU als vermutete Agentin einer Globalisierung, die nationale Identitäten vernichte.

Le Pens Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft in Frankreich und zu ihrem Dachverband CRIF war zeitlebens von Spannungen geprägt. In den 80er Jahren hatte der Front National-Chef noch versucht, Kontakte zu knüpfen. So wurde er im Februar 1987 zu einem Treffen mit dem damaligen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, und Vertretern jüdischer Gemeinden nach New York eingeladen. »Als Le Pen davon erfuhr, war er überglücklich«, berichtete viele Jahre später ein Mitstreiter des FN-Vorsitzenden, der im noblen Four Seasons Hotel dabei war.

Einer 2012 erschienenen Biografie zufolge hielt Jean-Marie Le Pen im Four Seasons eine dezidiert pro-israelische Rede und sprach sich für die Schließung des PLO-Büros in Paris aus. Er erhielt am Ende viel Beifall, wenn man dem Bericht Glauben schenken darf, und Bronfman bot Le Pen sogar an, ihn zum Flughafen zu begleiten.

Doch kurze Zeit später war es mit der Harmonie dann schon wieder vorbei: »Die großen internationalen Organisationen, wie die jüdische Internationale, spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Schaffung eines antinationalen Geistes«, behauptete Le Pen im Jahr 1989.

Er nannte die Nazi-Gaskammern ein »Detail der Geschichte«

Zuerst 1987 und anschließend mehrere Male sagte den wohl berühmtesten Satz von ihm: »In einem 1000 Seiten starken Buch über den Zweiten Weltkrieg nehmen die Konzentrationslager zwei Seiten und die Gaskammern zehn bis fünfzehn Zeilen ein, was man als Detail bezeichnen kann.« Wegen Aufstachelung zum Rassenhass wurde Le Pen später dafür verurteilt. 2015 nach seiner Meinung gefragt, beharrte er auf seiner Aussage: »Ich gehe nicht auf allen Vieren, ich bin ein aufrechter Mensch. Ich meine alles, was ich sage, aber ich sage nicht alles, was ich meine«, sagte er der Tageszeitung »Le Monde«.

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Seine Tochter Marine distanzierte sich öffentlich von ihrem Vater - doch der verteidigte sie dennoch bis zum Schluss. Als Marine Le Pen 2016 erneut nicht zum traditionellen Abendessen des CRIF geladen wurde, wütete ihr Vater und sprach von »biologischem Rassismus« des jüdischen Dachverbands. Dafür handelte er sich umgehend dine Retourkutsche von CRIF-Präsident Roger Cukierman ein. »Wir müssen unnachgiebig in der Ablehnung der Erben von Jean-Marie Le Pen sein«, sagte dieser.

Zeitlebens unnachgiebig war auch der so Gescholtene. Als im Jahr 2012 der Journalist Mickaël Szames bei einer Veranstaltung des Front National hinausgeworfen wurde, witzelte Le Pen anschließend in der ihm eigenen Art, man habe Szames ja nicht ansehen können, dass er jüdisch sei. »Das war weder auf seinem Presseausweis noch auf seiner Nase zu sehen, wenn ich das so sagen darf.«

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