Antisemitismus

Nationale Strategie beschlossen

Ist seit 2018 Bundesbeauftragter für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus: Felix Klein Foto: IMAGO/IPON

An diesem Mittwoch wurde die erste Nationale Strategie gegen Antisemitismus mit der griffigen Abkürzung NASAS präsentiert. Mit Weltraumfahrt hat das Papier zwar nichts zu tun. Doch für Felix Klein, den Bundesbeauftragten für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, ist es dennoch ein »Meilenstein«.

In dem 50-seitigen, vom Kabinett abgesegneten Strategiepapier stellt Klein zahlreiche Vorhaben zur Bekämpfung von Judenhass in all seinen Ausprägungen vor.

Es gehe darum, Empathie für die Betroffenen zu schaffen, eine angemessene Vertretung ihrer Belange herzustellen und »echte Inklusion und Partizipation im Sinne der Überwindung der Trennung in jüdische und nichtjüdische Mitglieder der Gesellschaft« zu erreichen. Einerseits, so das Papier, nähmen Juden die Bedrohung des Antisemitismus zusehends am eigenen Leib wahr. Andererseits sei das Bewusstsein für das Problem im nichtjüdischen Teil der Gesellschaft unterentwickelt.

Leitfaden Die NASAS richtet sich nicht nur an Bundesebene und die betreffenden Stellen und Behörden dort. Sie will auch ein Leitfaden sein für andere politische Ebenen, ja sogar für die gesamte Zivilgesellschaft. Von dieser forderte Klein mehr Engagement. Mit dem Papier will er Ideen und Anleitungen geben, wie mit Judenhass richtig umgegangen werden kann.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Besonders im Blick hat er dabei die digitale Welt: Die Betreiber sozialer Netzwerke müssten die Meldung antisemitischer Inhalte erleichtern und mehr Verantwortung zeigen. Vor allem Israelfeindlichkeit sei bei vielen Menschen unterschiedlicher Couleur ein gemeinsamer Nenner. »Ich halte es für sehr bedenklich, dass die antisemitische BDS-Bewegung in Wissenschaft, Kunst und Kultur immer mehr Zuspruch findet«, sagte Klein in Berlin.

Ein demokratischer Staat sei darauf angewiesen, dass die Gesellschaft menschenfeindliche Inhalte bekämpfe, betonte der Antisemitismusbeauftragte. Die NASAS biete den Akteuren der Zivilgesellschaft auf verschiedenen Feldern Handlungsanleitungen und könne als »Werkzeug« verstanden werden.

SICHTBARKEIT Insgesamt fünf Handlungsfelder hat Klein definiert. Er will die Forschung und Datenerfassung zum Antisemitismus verbessern und Juden dabei stärker einbeziehen. Im Bildungsbereich soll künftig zielgruppengerecht aufgeklärt und sensibilisiert werden. Auch das »kritische Geschichtsbewusstsein« will Klein stärken – nicht nur innerhalb staatlicher Einrichtungen, sondern darüber hinaus in Schulen, Vereinen und Unternehmen.

Für Felix Klein, den Bundesbeauftragten für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, ist das Papier ein »Meilenstein«.

Auch beim Thema »repressive Antisemitismusbekämpfung und Sicherheit« sieht er noch Verbesserungsmöglichkeiten, denn: »Mit welchen Sanktionen wir Antisemitismus begegnen, ist für die Polizei ebenso wichtig wie für einen Sportverein.« Das fünfte Handlungsfeld der NASAS befasst sich mit der Stärkung und dem »Sichtbarmachen« von jüdischem Leben in Deutschland.

Dafür will Klein vor allem jüngere Menschen besser erreichen – und er will Juden dabei helfen, in Deutschland »nachhaltige und vielfältige Strukturen auf- und auszubauen«. In der vergangenen Woche hatte der Bundestag beschlossen, im Haushalt 2023 die staatlichen Zuschüsse für jüdische Einrichtungen und Vorhaben um mehr als 20 Millionen Euro zu erhöhen.

israel Auch die Vermittlung von Informationen zur Geschichte des Zionismus und des Staates Israel sowie der Bedeutung, die Israel für Juden hat, ist Klein wichtig. Die Bundesregierung wolle der »Singularisierung« Israels entgegentreten.

Eine klare Position bezieht das Papier auch bei staatlichen Zuschüssen für israelfeindliche Projekte. Eine finanzielle Förderung von Organisationen, die das Existenzrecht Israels infrage stellten oder zum Boykott des Landes aufriefen, sei künftig ausgeschlossen.

Ende vergangenen Jahres hatte die Europäische Kommission in Brüssel ihre eigene Strategie gegen Antisemitismus beschlossen. Darin enthalten war auch die Aufforderung, alle 27 EU-Mitgliedsstaaten mögen bis spätestens Ende 2022 nationale Strategien verabschieden.

Deutschland hat diese Verpflichtung nun erfüllt. Viel mehr als eine Zusammenstellung schon beschlossener und geplanter Maßnahmen ist die NASAS aber nicht. Felix Klein ist dennoch von der Wichtigkeit des Papiers überzeugt. Es diene dazu, »laufende Maßnahmen und Programme zu überprüfen und anzupassen«. Mit der neuen Strategie könne »bestimmt werden, was fehlt, um optimale Bedingungen für die Prävention und Bekämpfung von Judenhass zu schaffen und Jüdinnen und Juden bestmöglich einzubeziehen und zu unterstützen«, betonte er.

LOB Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, begrüßte dies: »Die Betonung der Betroffenenperspektive ist für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ein wichtiges Zeichen zur richtigen Zeit. Gerade die antisemitischen Vorfälle auf der documenta und der Umgang mit ihnen haben auf eklatante Weise gezeigt, wie jüdische Stimmen überhört werden.« Schuster lobte außerdem, dass bei der Antisemitismusbekämpfung die Notwendigkeit gesehen werde, noch bestehende Gesetzeslücken zu schließen.

Bildung sei eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen das Gift Antisemitismus, fügte der Zentralratspräsident hinzu. Es brauche zudem weiter »ein klares, uneingeschränktes Bekenntnis zur Erinnerungskultur und der Verantwortung, die aus der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands erwächst«.

Der Wille der Bundesregierung, sich für die Härtefälle der Altersarmut bei jüdischen Zuwanderern einzusetzen, sei ebenfalls anzuerkennen, erklärte Schuster nach der Vorstellung der Strategie. Die nun geplante Stiftung reiche dafür aber nicht aus.

Das European Leadership Netwerk (ELNET) - eine Organisation, die sich für bessere Beziehungen zu Israel einsetzt - lobte das Strategiepapier der Bundesregierung ebenfalls und nannte es »einen wesentlichen Schritt« zur wirksamen Bekämpfung von Judenhass. »Antisemitismus vergiftet unsere tolerante und weltoffene Gesellschaft, widerspricht unserem Grundverständnis von Demokratie und Menschenrechten«, sagte ELNET-Geschäftsführer Carsten Ovens.

EJC Auch beim Europäischen Jüdischen Kongress (EJC) stieß die Strategie auf positive Resonanz. Dies sei »ein wichtiger Moment in der Geschichte des modernen Deutschland, besonders da wir einen besorgniserregenden Anstieg des Antisemitismus in dem Land sehen«, erklärte der Leiter der Organisation mit Sitz in Brüssel, Ariel Muzicant, am Donnerstag.

Muzicant verwies darauf, dass die Bundesregierung ihren Entschluss ein Jahr nach der EU-Strategie für die Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens in Europa fasste. Es sei zu hoffen, dass andere EU-Mitgliedstaaten dem Beispiel Deutschlands folgten und ebenfalls eine eigene Strategie gegen Antisemitismus vorlegten und umsetzten, so der EJC-Präsident. (mit kna)

Israel

Die halbe Wahrheit

Deutschlands Medien und der Gaza-Krieg: Wie aus ungeprüften Zahlen der Terrororganisation Hamas plötzlich Gewissheiten werden – ganz ohne kritische Einordnungen

von Philipp Peyman Engel  05.02.2026 Aktualisiert

Doha

Merz sagt Partnern am Golf engere Rüstungszusammenarbeit zu

Lange Zeit haben Bundesregierungen nur sehr restriktiv den Export von Rüstungsgütern an autokratische Staaten genehmigt. Dies ändert sich nun, wie der Bundeskanzler in Katar deutlich macht

 05.02.2026

Interview

»Es wird vergessen, wie es anfing«

Ricarda Louks Tochter Shani wurde am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen ermordet. Hier spricht sie darüber, wie sie den Verlust verarbeitet, was ihr Kraft gibt und warum sie über den Umgang Deutschlands mit den Opfern enttäuscht ist

von Mirko Freitag  05.02.2026

Nahost

Natürliches Bündnis?

Nach der Offensive der syrischen Armee in Rojava nähern sich die Kurden Israel an. Eine Expertin erklärt die Hintergründe

von Sabine Brandes  05.02.2026

Washington D.C.

Neue Terrorismus-Anklagen nach Mord an Botschaftsmitarbeitern

Gegen den 31-jährigen Elias Rodriguez aus Chicago sei eine erweiterte Anklageschrift mit insgesamt 13 Punkten eingereicht worden, sagt Bundesstaatsanwältin Jeanine Pirro

 05.02.2026

Sydney

Drohungen gegen Israels Präsidenten: 19-Jähriger angeklagt

Die Bundespolizei teilt mit, Darcy Tinning habe gedroht, Isaac Herzog mit einer Pistole zu erschießen

 05.02.2026

New York

Antisemitische Drohung an Schule: 17-Jähriger festgenommen

»Fuck the Jews«: Laut NYPD hatte der Teenager an der Renaissance Charter School in Jackson Heights E-Mails verschickt, in denen er Gewalt gegen jüdische Mitschüler androhte

 05.02.2026

Dresden

Sächsischer Landtag: Einmütige Zustimmung für Yad-Vashem-Außenstelle

Kultusminister Conrad Clemens (CDU) spricht von einem Auftrag. Angesichts offener antisemitischer Anfeindungen und wachsender Angriffe auf demokratische Werte sei Erinnerungskultur dringlicher denn je

 05.02.2026

Teheran

»Widerwärtiger Charakter«: Irans Außenminister attackiert Merz

Der Iran betrachtete Deutschland einst als einen zuverlässigen Partner. Die Kritik an der Bundesregierung wird jedoch immer heftiger. Und richtet sich mittlerweile gegen den Bundeskanzler persönlich

 05.02.2026