Naziterror

Nach den Morden

Für die Gesellschaft: Auf einer Demonstration in München werden politische Konsequenzen gefordert. Foto: Reuters

Für Wolfgang Nossen ist die Sache klar: »Wenn man alle Gesetze richtig anwenden würde, dann wären wir nicht da, wo wir jetzt stehen.« Der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen fordert als Reaktion auf die mutmaßlichen Morde der aus Jena stammenden Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) vor allem ein konsequenteres Vorgehen gegen rechtsextreme Straftäter.

Einen womöglich ersten Schritt hat der Bundestag am Dienstag mit der einstimmig beschlossenen Resolution zur Mordserie des Zwickauer Neonazi-Trios getan. Darin heißt es: »Wir sind zutiefst beschämt, dass nach den ungeheuren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes rechtsextremistische Ideologie in unserem Land eine blutige Spur unvorstellbarer Mordtaten hervorbringt.«

Die Abgeordneten fordern, dass die Morde mit »aller Konsequenz zügig aufgeklärt werden«. Das sei man den »Opfern, ihren Familien und Freunden« schuldig. Alle seien gefordert zu handeln – »überall dort, wo Rechtsextremisten versuchen, gesellschaftlichen Boden zu gewinnen«. Die Bundesregierung will die Hinterbliebenen der Neonazi-Mordopfer mit 10.000 Euro entschädigen.

übergriffe Wie sehr sich die rechtsextreme Szene in Thüringen etablieren konnte, hat Nossen selbst erlebt: Zehn Jahre lebte er in einer Wohnung im jüdischen Zentrum in Erfurt, das immer wieder Ziel von Angriffen und Sachbeschädigungen wurde. Er kann von zahlreichen antisemitischen Übergriffen und Schändungen jüdischer Friedhöfe in Thüringen berichten. »Seit 20 Jahren verlange ich immer wieder, dass man schärfer gegen die rechte Szene vorgeht«, sagt Nossen hörbar verärgert. »Aber alles nutzt nichts, wenn man die Gesetze nicht anwenden will.«

Er vermutet, dass die Neonazi-Szene in Thüringen immer wieder entscheidende Informationen von einzelnen Mitarbeitern aus den Sicherheitsbehörden bekommen hat – so auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die von Jena aus 1998 trotz eines gültigen Haftbefehls in den Untergrund gegangen sind. »Wenn es denen gelang zu entkommen, heißt es, dass sie einen Tipp hatten.« Und Unterstützung: Mittlerweile werden mindestens vier weitere Personenen verdächtigt, dem Trio geholfen zu haben. Vorletzten Sonntag wurde in der Nähe von Hannover Holger G. festgenommen, der dringend verdächtigt wird, den drei Haupttätern seinen Reisepass und Führerschein zur Verfügung gestellt zu haben.

Der Frankfurter Publizist Michel Friedman sieht die fortwährenden Handlungsspielräume der gewaltbereiten Neonazi-Szene in einem allgemeinen menschen- feindlichen Klima. Aus diesem Grund hätten Polizei, Politik und Justiz die Gefahr zu lange verdrängt, sagte Friedman jetzt der Frankfurter Rundschau: »Es gibt – wie weiland bei der RAF – eine Sympathisantenszene. Rassistische Untertöne sind in allen Schichten der Gesellschaft vernehmlich.«

Diese Beobachtung knüpft unmittelbar an den »Thüringen-Monitor« an, eine jährliche repräsentative Untersuchung von Einstellungen der Thüringer Bevölkerung durch Politikwissenschaftler der Universität Jena, die zuletzt im vergangenen Monat veröffentlicht wurde. Der Auslöser für die von der Thüringer Staatskanzlei in Auftrag gegebenen Studien war ein Anschlag auf die Erfurter Synagoge im April 2000. Dieses Jahr nun sprechen die Autoren von »einer Zunahme der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der Thüringer Bevölkerung«.

NPD-Verbot Während die rechtsextremen Einstellungen also zunehmen, hatte die organisierte rechtsextreme Szene und die NPD als ihr parlamentarischer Arm laut »Thüringen-Monitor« in den vergangenen zwei Jahren mit einer »gedämpften Organisations- und Mobilisierungsfähigkeit« zu kämpfen. Gleichwohl hat sich nach den Erkenntnissen über die Thüringer Naziszene eine Diskussion über ein erneutes NPD-Verbotsverfahren entwickelt.

Ähnlich wie Wolfgang Nossen kritisiert Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dass die bisherigen Warnungen des Zentralrates von der Politik nicht ernst genug genommen worden seien. Mit Blick auf den NSU spricht er von einer neuen Dimension von Rechtsterrorismus. »Wir brauchen einen resoluten Ruck gegen Rechts«, sagte Graumann. An einem NPD-Verbot führe nun »absolut kein Weg mehr vorbei«. Der Zentralratspräsident forderte, »dieses politische Flaggschiff der Rechtsextremisten muss endlich politisch und juristisch versenkt werden«.

Debatte

Zentralrat der Juden positioniert sich zum Thema AfD-Verbot

 05.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Terrorismus

In diesem Land gibt es keinen Platz für Islamisten. Sie sollten konsequent abgeschoben werden

Eine Klarstellung

von Jessie Katz  05.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026