Libanon

Mütter im Krieg: Mit einem Neugeborenen im Zelt

Aufgrund des von der Hisbollah begonnenen Krieges flohen Tausende Libanesen aus ihren Wohnorten und lebten in Zeltstädten. Foto: picture alliance / Anadolu

Kauthar war hochschwanger, dann ist der Krieg im Libanon ausgebrochen. Plötzlich stand sie ohne Zuhause da. Dort wurde es zu gefährlich. Ihr Heimatort im Südlibanon stand aufgrund der konstanten Raketenangriffe der Hisbollah gegen Israel immer wieder unter Beschuss durch die Verteidigungskräfte des jüdischen Staates (IDF). Die Geburt rückte unterdessen mit jedem Tag fast bedrohlich näher. »Ich hatte schreckliche Angst«, sagt die 24-Jährige. »Wie bringt man ein Kind im Krieg zur Welt?«

Seit Anfang Februar standen Israel und die vom Iran unterstützte Terror-Miliz Hisbollah im Libanon erneut in einem offenen Krieg. In der vergangenen Nacht trat eine Waffenruhe in Kraft. Mehr als eine Million Menschen wurden durch die jüngste Eskalation im Libanon vertrieben. Nach Angaben des UN-Bevölkerungsfonds UNFPA sind darunter rund 620.000 Frauen und Mädchen. Die Vereinten Nationen schätzten Anfang April, dass darunter auch etwa 1500 Frauen sind, die in den nächsten 30 Tagen ein Kind gebären werden.

Als die Bombardierungen in ihrem Heimatort nahe der Küstenstadt Tyrus immer näher rückten, drängte Kauthar ihren Ehemann Mohammed, das Haus zu verlassen. »Es wird einfach zu gefährlich, ich halte es hier nicht mehr aus«, habe sie ihm gesagt. Im neunten Monat schwanger schlief sie zunächst mit Familienangehörigen in einem Zelt am Strand von Tyrus. Kurz vor der Geburt seien sie schließlich in die Hauptstadt Beirut geflohen.

Zwischen Planen und Paletten

Auch hier leben sie nun in einem Zelt. Es ist eine notdürftige Unterkunft. Eine Plane bedeckt das Standzelt. Ein solches sieht man in Deutschland vor allem an Verkaufsständen. Wenn es regnet, dann regnet es zum Teil ins Zelt hinein. Wenn die Sonne scheint, dann heizt sich die selbstgebaute Unterkunft wie eine Sauna auf. Auf Holzpaletten hat das junge Paar eine Matratze gelegt. Hier fingen die Wehen um zwei Uhr nachts an. Für ein paar Stunden seien sie ins Krankenhaus gegangen, doch man habe sie wieder nach Hause geschickt. »Im Zelt war die Situation für mich besser als im Krankenhaus«, sagt Kauthar.

Nach Stunden der Wehen sei sie zurück ins Krankenhaus gegangen. Dort habe sie schließlich ihr erstes Kind allein geboren. Ihre Schwiegermutter wartete während der Geburt sechs Stunden auf dem Gang auf sie.

Eigentlich wollte man sie im Krankenhaus nicht aufnehmen. Denn sie hat keine Papiere. Kauthar wurde nie von ihren Eltern nach ihrer Geburt registriert, einen Ausweis hat sie noch nie im Leben gehabt. Solche Fälle gibt es im Libanon viele. Mit Hilfe der UN konnten sie und ihr Ehemann schließlich den Krankenhausaufenthalt zahlen. 150 US-Dollar (etwa 130 Euro) mussten sie selbst beisteuern.

Geburtsverlauf und Gesundheitszustand

Zwei Tage blieb Kauthar im Krankenhaus, dann ist sie mit ihrem frisch geborenen Säugling zurück ins Zelt gekommen. Eine Hebamme gibt es hier nicht. Dazu kaum Privatsphäre und nur ein Gemeinschaftsbad.

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»Ich hatte gemischte Gefühle nach der Geburt«, sagt die 24-Jährige. Glück und Angst gleichzeitig. »Ich weine ständig und frage mich, wie ich mich in dieser Situation um meine kleine Tochter kümmern soll.« Sie selbst leide unter den Schmerzen der Geburt. Zu den Gemeinschaftstoiletten müsse sie Treppen hinaufsteigen. Das schaffe sie in ihrem Zustand kaum. Jeder Gang zum Bad bereitet ihr Schmerzen.

Die körperliche Erholung nach einer Geburt dauert in der Regel mehrere Wochen bis Monate. Dauer und Verlauf hängen maßgeblich von individuellen Faktoren wie Geburtsverlauf, Gesundheitszustand und der Belastung im Alltag ab.

Todesfälle bei Müttern und Neugeborenen

»Die Situation für Frauen und Mädchen im Libanon ist katastrophal«, sagt die UNFPA-Landesvertreterin für den Libanon, Anandita Philipose. Eine Schwangerschaft in den aktuellen Umständen des Landes sei lebensgefährlich geworden. »Viele haben den Zugang zu Ärzten und zur Schwangerschaftsvorsorge verloren«, sagt Philipose. Zu den größten Risiken zählten Todesfälle bei Müttern und Neugeborenen, unbehandelte Komplikationen, Medikamentenmangel, überlastete Krankenhäuser sowie Stress, Traumata und mangelnde Ernährung, die vorzeitige Wehen oder Fehlgeburten auslösen können.

Mütter benötigten saubere Erholungsräume, Nachsorge, Ernährung, Still-Beratung, Hygieneartikel und Ruhe. In Notunterkünften oder in Zelten auf den Straßen könnte diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Ein Gefühl der Würde sei hier kaum zu finden, sagt Philipose.

Mangelnde Hygiene führe zudem zu Infektionen. Auch der Mangel an Privatsphäre oder Räumen zum Stillen setze die Frauen neuen Gefahren aus, das Gewaltrisiko sei hoch. Die harten Bedingungen gefährdeten die Mütter genau wie ihre Kinder. Das Risiko schwerer psychischer Belastungen durch Vertreibung und Traumata sei enorm hoch.

Kauthar hat mit jedem Tag auf eine Waffenruhe gehofft. Doch auch jetzt möchte sie nicht im Libanon bleiben, sagt sie. Da ist sie sich mit ihrem Mann einig. Sie will ein Leben, in dem Kinder, Frauen und Schwangere respektiert werden. Sie will Bildung und Sicherheit für ihre kleine Tochter. (mit ja)

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