Pop-Kultur Festival

Müller und der BDS

Philipp Peyman Engel ist Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen. Foto: picture alliance / dpa

Der syrische Rapper Abu Hajar hat nicht lange gezögert. Als der Musiker vergangene Woche erfuhr, dass die Israelische Botschaft das Berliner Pop-Kultur Festival mit 500 Euro unterstützt, sagte er seinen Auftritt kurzerhand ab. »Mit der deutschen Schuld habe ich nichts zu tun«, sagte Hajar, der 2014 als Flüchtling nach Deutschland kam. »Wir können das nicht akzeptieren, auf so einem Festival aufzutreten, weil das würde heißen, dass man die Israelis weißwäscht.«

Mit dieser Ansicht steht der Musiker nicht alleine da. Vier weitere arabische Bands sagten ihren Auftritt beim heute Abend beginnenden Festival ebenfalls ab. Mittlerweile schlossen sich dem Boykott à la »Spielt nicht bei Juden!« auch einige britische und amerikanische Acts an.

Boykott Vorangegangen war den Absagen ein Aufruf der israelfeindlichen BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions). »Wie damals im Kampf gegen das Apartheidregime in Südafrika darf ein Unterdrücker-Staat niemals an einem Kulturfestival beteiligt sein, das für Freiheit, Menschenrechte und Inklusion steht«, erklärten die Aktivisten. Die Gruppe »Jewish Antifa Berlin« ging noch einen Schritt weiter und forderte alle Künstler zur Absage auf. Das Sponsoring »durch eine rassistische und kriegstreiberische Regierung« dürfe nicht akzeptiert werden.

Musikgruppen, die der Kampagne nicht nachgeben wollen, berichten über massiven Druck und Einschüchterungen durch BDS. Die israelische Sängerin Riff Cohen wurde aufgefordert, ihren Auftritt abzusagen. Die Begründung: weil sie Israelin, also Vertreterin des »zionistischen Unterdrückers« sei. Eine Absage sei angesichts der »israelisch-faschistischen« Politik unumgänglich.

Von den Organisatoren des Festivals war zu der Causa bislang nicht viel Substanzielles zu hören. »Ich will das nicht werten«, sagte Festivalleiterin Katja Lucke zu den Israel-Boykotten der Bands. »Wir glauben daran, dass Diskurs und Dialog der einzige Weg sind, mit den Konflikten in dieser Welt umzugehen.« Aber immerhin seien lediglich einige Musikgruppen dem BDS-Aufruf gefolgt. Im Verhältnis zu den teilnehmenden 120 Künstlern sei dies ein verhältnismäßig kleiner Boykott. Mehrere Interviewanfragen der Jüdischen Allgemeinen, auch bezüglich dieser Aussagen, blieben unbeantwortet.

schweigen Viel wichtiger jedoch sind die Reaktionen des politischen Berlins. Kultursenator Klaus Lederer nannte den Boykott zwar »widerlich« und begrüßte die Unterstützung des Festivals durch die israelische Botschaft. Doch außer der – für einen Linken-Politiker übrigens bemerkenswerten – Äußerung sucht man andere Wortmeldungen in der rot-rot-grünen Koalition bislang vergeblich. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller? Fehlanzeige!

In anderen Städten dagegen ist die Bekämpfung des israelfeindlichen BDS längst Chefsache. Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker bezeichnet die Kampagne nicht nur als antizionistisch, sondern auch als antisemitisch. »In Frankfurt ist BDS nicht willkommen!«, stellte er klar. Oberbürgermeister Peter Feldmann positioniert sich ebenso deutlich wie regelmäßig gegen BDS.

Ähnlich sieht es in München aus. Hier wird der Stadtrat – das kündigte das regierende Bündnis aus SPD und CSU an – demnächst keine städtischen Räume mehr für BDS zur Verfügung stellen. Auch Veranstaltungen von BDS-Unterstützern gegen Israel und mit israelbezogenen Antisemitismus sollen künftig nicht mehr gefördert werden.

Das indes hat sich offenkundig noch nicht bis in die Hauptstadt herumgesprochen. Hier gilt anscheinend auch beim Thema Antisemitismus die »Is mir egal!«-Haltung, die die Berliner Verkehrsbetriebe vergangenes Jahr in einem Werbespot auf den Punkt gebracht hatte. Die allerdings mag vielleicht auf Berlin-Touristen als arm, aber sexy wirken. Beim Thema Antisemitismus ist sie bloß scheinheilig und verlogen.

Robert F. Kennedy Jr. spricht an einem Rednerpult vor einer Wand mit dem Schriftzug MAHA

USA

Kennedy verteidigt Rede über Araber und lobt Juden

Der US-Gesundheitsminister weist Rassismusvorwürfe zurück und fragt, warum die Welt Juden hasse und Islamisten umarme

 01.11.2026

Mehrere Männer bei einer Pressekonferenz der Polizei in Frankfurt, einer spricht in ein Mikrofon

Nach Eskalation

Einsatzleiter: Neue Gewalt-Dimension nach Demo in Frankfurt

Der Einsatzleiter der Polizei berichtet von einer »neuen Dimension der Gewalt«: Aus dem Pro-Palästina-Spektrum heraus sei es zu »immer massiveren Störungen und Angriffen auf Polizeikräfte« gekommen

 01.11.2026

Berlin

SPD-Prominente warnen vor Koalition mit der Berliner Linken

In einem offenen Brief sprechen sich Karl Lauterbach, Sigmar Gabriel, Franziska Giffey und Hunderte weitere Sozialdemokraten gegen Rot-Grün-Rot aus – vor allem wegen des Umgangs der Linken mit Antisemitismus

 01.11.2026

Mohsen Rezaei wirft bei einer Wahl im Iran seinen Stimmzettel in eine Urne

Iran-Krieg

Iran knüpft Gespräche mit den USA an sieben Bedingungen

Teheran stellt weiter Maximalforderungen für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit den USA. Im erneuten Kriegsfall droht Teheran mit dem Einsatz neuartiger Waffen

 01.11.2026

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht bei der Kiel Security Conference

Antisemitismus in Deutschland

Kramp-Karrenbauer warnt vor Bündnissen mit Linken oder AfD

In Berlin hat die Linke die Wahl gewonnen, in Sachsen-Anhalt die AfD. Die frühere CDU-Chefin meint, das Leben vieler Menschen würde sich massiv verändern, wenn diese die Regierung übernähmen

 01.11.2026

Elif Eralp reißt beim Landesparteitag der Linken in Berlin einen Blumenstrauß in die Höhe

Regierungsbildung in Berlin

Koalitionsgespräche von Rot-Grün-Rot in Berlin vor dem Start

Trotz bundesweiter Kontroversen hat die Berliner Linke Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen zugestimmt. Nach dem Wochenende geht es los

 01.11.2026

Überwachungskameras an der Fassade der Synagoge in Hagen, links ein Davidstern

Antisemitismus

Judenfeindliche Straftaten mit islamistischem Motiv auf Rekordniveau

Seit 2023 steigen die Zahlen rasant an. Behörden in Deutschland registrieren immer mehr antisemitische Straftaten. Viele haben einen islamistischen Hintergrund

 01.11.2026

Vanessa Emde zwischen Teilnehmern einer Kundgebung vor dem Linke-Parteitag in Berlin

Regierungsbildung in Berlin

Linker Protest gegen Linke-Führung – Abgeordnete Emde dabei

Vanessa Emde steht wegen ihrer israelfeindlichen Positionen in der Kritik und könnte aus der Berliner Linksfraktion ausgeschlossen werden. Nun taucht sie auf einer Kundgebung am Parteitagsort auf

 01.11.2026

Als Batman verkleidete Person vor brennender Mülltonne in Frankfurt

Gewalt eskaliert

Krawalle und Plünderungen in Frankfurt

Nachdem die Polizei eine zunächst friedliche Demonstration junger Menschen auflöst, eskaliert die Lage auf der Zeil – in der Menge waren auch »Viva Palästina«-Rufe zu hören

 01.11.2026