Jerusalem

Mitten ins Herz

Entsetzen: Beim Anschlag auf die Synagoge in Har Nof wurden am Dienstag vier Rabbiner und ein Polizist ermordet. Foto: dpa

Um es vorneweg zu sagen: Ich bin entsetzt und fassungslos. Und ratlos. Mit dem Anschlag auf die Beter in der Jerusalemer Kehilat Bnei Tora hat der Terror eine neue Qualität erreicht. Wir stecken mitten in einem höchst gewalttätigen Konflikt. Und der ist noch lange nicht zu Ende.

Dabei geht es nicht so sehr um Politik, sondern vielmehr um Religion. Natürlich bildet die Politik den Hintergrund: Beide Seiten haben verstanden, dass es – zumindest in absehbarer Zeit – keine politische Lösung geben wird. Wer nach dem Gaza-Krieg, dem Raketenbeschuss auf Tel Aviv und den Flughafen Ben-Gurion noch an eine Zweistaatenlösung glaubt, ist kein Realist.

illusion Zumindest würde wohl kein vernünftiger politischer Beobachter hier annehmen, dass es territoriale Kompromisse oder politische Lösungen geben kann. Manche sagen es offen, andere nicht. Auch den Palästinensern ist klar: Im Moment gibt es mit Israel nichts mehr zu verhandeln. Lediglich Politiker in Europa oder den USA hängen dieser Illusion an.

Vielleicht tun sie das auch deshalb, weil viele Beobachter im Ausland im religiösen Sinne völlig ungebildet sind. Sie glauben, dass Religion für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Das Gegenteil ist der Fall: Politik wird für religiöse Zwecke missbraucht. Wir steuern in der Region auf eine Situation zu, die für jeden Einzelnen von uns sehr unangenehm werden kann.

Wer Beter mit Tefillin und Tallit beim Morgengebet ermordet, trifft das jüdische Volk mitten ins Herz. Die Angreifer sprechen nicht mehr von Israelis, sondern von Juden, die sie attackieren. Dienen der IS und sein Terror dabei als Inspiration? Auf jeden Fall weitet sich der Konflikt von einem regionalen zu einem religiösen aus.

tempelberg
Dabei wird der Tempelberg zum zentralen Symbol. Es gab in Israel schon immer jüdische Gruppierungen, die auf dem Har Habait beten oder gleich den Dritten Tempel errichten wollten. Aber das waren bislang immer nur Einzelne. Jetzt höre ich derartige Stimmen bereits aus der Knesset, ja sogar aus Regierungskreisen. Es sind politische Kräfte, die sich rechts von Netanjahu positionieren. In den vergangenen 20 Jahren wurde nicht annähernd so viel von dem jüdischen Anspruch auf den Tempelberg gesprochen wie in den vergangenen zwei Wochen.

Auf der anderen Seite stehen die Palästinenser, deren Präsident Mahmud Abbas lautstark verkündet, dass Juden den Tempelberg kontaminierten, Israel den Status quo verändern wolle und die Region damit in einen Religionskrieg stürze. Aber Abbas ist nicht das zentrale Problem, wie von Netanjahu behauptet. Er kann nicht für alles verantwortlich gemacht werden, obwohl er die Stimmung zweifelsohne mit anheizt. Das Problem ist eher die Ausweglosigkeit und fehlende politische Perspektive insgesamt.

rhetorik
Die Palästinenser rüsten verbal in erheblichem Maße auf. Da Israel sich schon bald wieder im Wahlkampf befindet, wird auch hier die Rhetorik schärfer. Hinzu kommen konkrete politische Schritte. Israel zerstört die Häuser der Terroristen. Die Hamas wird im Gegenzug die Familien finanziell entschädigen. Racheakte auf jüdischer Seite sind ebenso denkbar wie weitere Terroranschläge vonseiten der Palästinenser. All dies deutet auf eine gewisse Hilflosigkeit hin.

Um die Situation richtig einzuordnen: Das ist noch keine dritte Intifada. Es handelt sich noch nicht um eine organisierte Kampagne. Wir sprechen noch nicht von Dutzenden Anschlägen pro Tag, mit Hunderten Beteiligten und direkten Auseinandersetzungen mit israelischen Soldaten. Die gewaltsamen Ausschreitungen haben eher noch den Charakter kleinerer Scharmützel, aber noch nicht die Qualität eines Volksaufstandes.

sicherheitsexperten Doch das vereinfacht die Situation keineswegs. Sicherheitsexperten stellen fest, dass dieser Art von Terror nur schwer zu begegnen ist. Es sind keine Täter, die von größeren Organisationen gesteuert werden. Sie werden zwar von Hamas, Islamischem Dschihad und anderen angestiftet, aber noch machen sie sich allein auf den Weg. Doch leider werden immer mehr Palästinenser diesseits und jenseits der grünen Linie in den Konflikt hineingezogen, wie die gewaltsamen Ausschreitungen in Kafr Kana gezeigt haben.

Ich arbeite und lebe in der akademischen Welt. Es gehört zum Selbstverständnis kritischer Intellektueller, das Handeln der eigenen Regierung infrage zu stellen. Ein liberales und global denkendes Milieu richtet sich gegen Gewalt und rechtes Gebaren. Aber gleichzeitig ist jedem von uns auch bewusst, wo er lebt und mit wem er es auf der anderen Seite zu tun hat. Ein Dilemma. Die Konsequenz ist Ratlosigkeit. Die Situation ist ausweglos. Wir sind mittendrin, und der blutige Anschlag vom Dienstag wird nicht der letzte gewesen sein.

Einerseits war das ein weiterer Tabubruch, eine wiederholte Grenzüberschreitung, die für eine neue Qualität des Terrors steht. Andererseits fühle ich mich in die vorstaatliche Zeit von 1929 versetzt, als Juden aus religiösen Gründen ermordet wurden, was wiederum Racheakte auf deren Seite zur Folge hatte. Ein Drama. Ohne Aussicht auf ein baldiges Ende.

Der Autor ist Professor für Soziologie in Tel Aviv.

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