Aufbruch

Mit frischer Kraft

Volle Konzentration und viel Energie braucht es, um die jüdische Gemeinschaft in Deutschland weiter zu stärken. Foto: imago

Der Zentralrat der Juden in Deutschland besteht seit genau 60 Jahren. Wahrlich ein Grund zum Feiern. Die Leistung, die unsere Organisation seit ihrer Gründung erbracht hat, ist bewundernswert. Weder durch Widrigkeiten noch durch die schiere Größe der Aufgabe ließ man sich davon abhalten, eine heterogene, in der älteren Generation vom Grauen der Schoa geprägte, lange Jahre an sich selbst zweifelnde jüdische Gemeinschaft zu vertreten und ihre Existenzgrundlage zu stärken. Und das in einem so vorbelasteten Land wie der Bundesrepublik. Auch der Aufnahme jüdischer Kontingentflüchtlinge im wiedervereinigten Deutschland – ein Segen für uns alle, aber auch eine Herausforderung sonder- gleichen – widmete der Zentralrat seinen ganzen Enthusiasmus.

Ich darf dieses Lob aussprechen, ohne mich dem Verdacht der Selbstbeweihräucherung auszusetzen. Im selben Jahr wie der Zentralrat zur Welt gekommen, kann ich für mich nicht in Anspruch nehmen, beim Bau der Grundfesten dabei gewesen zu sein. Als neuer Präsident übernehme ich die Nachfolge so herausragender Persönlichkeiten wie Heinz Galinski, Ignatz Bubis, Paul Spiegel und Charlotte Knobloch, von denen ich viel gelernt habe. Sie alle haben den Status und die Statur des Zentralrats mitgeprägt, sie und eine lange Reihe anderer bedeutender Mitstreiter.

Energie Die jüdische Gemeinschaft zu stärken, für ihre Kontinuität zu sorgen und sie kraftvoll zu vertreten – das werden auch in den kommenden Jahren unsere Aufgaben und Ziele sein. Zum Beispiel bei der Integrationspolitik, die eine Herzensangelegenheit ist. Selbstverständlich wird der Zentralrat weiterhin mit aller Energie für die berechtigten und wichtigen sozialen Belange der Zuwanderer kämpfen. Doch manche Probleme wie Wohnraum, Sprachkenntnisse oder die Gewöhnung an die neue Umgebung sind heute zumeist weniger akut.

Jetzt gilt es, mit frischer Energie jüdisches Wissen und jüdische Identität zu stärken, das religiöse Leben zu fördern. Das bedeutet selbstverständlich auch: mehr Jugend- und Bildungsarbeit. Um unserer Zukunft willen brauchen Kinder mehr Lehrpersonal, mehr jüdischen Unterricht, aber auch mehr Abenteuer, die sie mit ihren jüdischen Freunden erleben können. Mit aller Kraft müssen wir versuchen, die Köpfe und die Herzen der jungen Menschen zu gewinnen.

Die »jüdische Landschaft« ist zudem in religiöser Hinsicht bunter geworden. Wir haben alle Schattierungen des Judentums, von liberal bis ultraorthodox. Dank dieser erfreulichen Entwicklung gibt es die Möglichkeit, eine neue jüdische Gemeinschaft aufzubauen, die nicht nur größer, sondern auch pluralistischer sein kann. Allerdings dürfen Vielfalt und neue Vitalität kein Nährboden für den Spaltpilz werden. Als Juden in Deutschland wollen wir in Zukunft weiterhin mit einer Stimme sprechen. Bei uns muss zusammenbleiben, was politisch zusammengehört.

Mir ist bewusst, dass die Wahl des ersten nach der Schoa geborenen Zentralratspräsidenten in der nichtjüdischen Umwelt gelegentlich fast schon herbeigesehnt wurde – in der Hoffnung, dass die Erinnerung an den Holocaust bei uns selbst nachließe. Das wird sie aber nicht. Wir Juden haben ein viel zu gutes Gedächtnis. Wie könnte da gerade die Schoa in Vergessenheit geraten? Wie könnten wir das Andenken an sechs Millionen Angehörige unseres Volkes unter den Teppich der Geschichte kehren?

Chancen Der Zentralrat wird keinen Schlussstrich ziehen. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass die Stafette der Erinnerung weitergetragen wird. Allerdings darf die Schoa keine jüdische Ersatzidentität werden. Wir sind nicht die bloßen Geschöpfe von Katastrophen und wollen uns nicht über die Opfer-Rolle definieren. Vielmehr müssen wir Gegenwart und Zukunft mit den zahlreichen positiven Dimensionen und Chancen gestalten, die das Judentum zu bieten hat. Unser Kurs lautet: Mit frischer Kraft voraus!

Das muss auch unser Auftreten in der Öffentlichkeit prägen. Wir sollten ein positives Bild vom Judentum vermitteln. Denn es bedeutet Substanz und Sinn, Wissen und Werte, Tradition und Temperament, Leidenschaft und Lebenslust, und das seit mehr als 100 Generationen.

Und da ist natürlich noch Israel. Gerade in einer Zeit, in der das Land sich sowohl existenziellen Gefahren als auch einem weltweit immer lauter aufheulenden Chor von Hetze und Hass gegenübersieht, kann und wird der Zentralrat nicht schweigen. Damit kein Missverständnis aufkommt: Kritik an der Politik Jerusalems wird auch von Israels Freunden, in der jüdischen Welt und im Land selbst geäußert. Aber wer diesem Staat seine Existenzberechtigung abspricht, ihn pauschal diffamiert und dämonisiert, ja sogar alle Juden in Generalhaftung nimmt, der überschreitet eine rote Linie. Spätestens dann hat der Antisemitismus die Oberhand gewonnen. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder gesagt und werden es weiterhin sagen, sooft es nötig ist. Laut und vernehmlich.

Was wir und der Zentralrat jetzt und künftig vor allem brauchen, ist Aufbruchstimmung. Dazu gehört Leidenschaft, Fantasie und Begeisterung. Dann werden wir gemeinsam bestimmt erfolgreich sein.

Der Autor ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

London

Ed Miliband wird neuer britischer Außenminister

Wer ist der neue, jüdische Chefdiplomat Großbritanniens?

 21.07.2026

Budapest

Judit Polgár lehnt Angebot der Präsidentschaft ab

So begründet die Schachlegende ihr Nein

 21.07.2026

Washington D.C./Ramallah

USA zweifeln an erklärtem Ende des palästinensischen Terror-Renten-Systems

Das US-Außenministerium lässt sich von einer unabhängigen Überprüfung, die die Palästinenser in Auftrag gegeben hatten, nicht überzeugen

 21.07.2026

Nahost

Zehnte Nacht in Folge mit Luftschlägen gegen Iran

Während der neuen Angriffswelle berichteten iranische Medien von Explosionen in mehreren Städten und Regionen im Süden des Landes

 21.07.2026

Krieg

USA starten neue Angriffswelle gegen Iran

Die Vereinigten Staaten greifen das Mullah-Regime die zehnte Nacht in Folge an

 20.07.2026

CSD

Berlin: Antisemitismus in der queeren Szene nimmt zu

Erst nach parlamentarischen Anfragen veröffentlicht der Senat eine schon seit Monaten fertige Untersuchung zu Judenhass in der LGBTIQ-Community

von André Anchuelo  20.07.2026

Bericht

Brandenburg zählt 461 antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr

Sachbeschädigung, Bedrohung und Gewalt: In Brandenburg gibt es immer wieder antisemitische Vorfälle. Laut einem neuen Jahresbericht stagnieren diese Fälle auf einem hohen Niveau - doch die Enthemmung nehme zu

von Benjamin Lassiwe  20.07.2026

Photo by Al-Aqsa TV/UPI Photo via Newscom picture alliance

Gaza

Khalil al-Hayya wird neuer Hamas-Führer

Knapp zwei Jahre nach der Tötung ihres Anführers Yahya Sinwar durch die israelische Armee hat die radikalislamistische Hamas mit Khalil al-Hayya offenbar einen neuen Chef

 20.07.2026

New York/Jerusalem

Scharfe Kritik an Mamdani nach Ankündigung, Netanjahu festnehmen zu lassen

Aus dem Büro des israelischen Ministerpräsidenten heißt es, Mamdani solle ich lieber »auf die Behebung des Schadens konzentrieren, den seine Politik New York zugefügt hat«

 20.07.2026