Einspruch

Mit dem Nazi-Großonkel gegen Israel

Wiebke Hollersen Foto: STEPHAN PRAMME

Einspruch

Mit dem Nazi-Großonkel gegen Israel

Wiebke Hollersen wundert sich, wie die angebliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen gegen ihre Opfer in Stellung gebracht wird

von Wiebke Hollersen  02.05.2024 14:57 Uhr

Es gibt einen Mythos, an den wir nichtjüdische Deutsche gern glauben. Er besagt, dass wir unsere Vergangenheit vorbildlich aufgearbeitet haben. Wir haben zwar alle einen Opa, der als Wehrmachtssoldat immer danebengeschossen hat, und jeder Fünfte von uns nimmt an, dass seine Vorfahren Juden vor den Nazis versteckt haben. Das passt nicht ganz zu dem, was wir im Geschichtsunterricht gelernt haben, aber ein paar Widersprüche stören uns nicht. Als Aufarbeitungsweltmeister.

Das war schon lange lächerlich, inzwischen aber wird es gefährlich. Das zeigt ein Text von Eva Ladipo, einer deutschen Autorin, der im britischen »Guardian« erschienen ist. Ladipo stammt nicht von durchschnittlichen deutschen Mitläufern ab. Ihr Großvater beutete als Chef einer Rüstungsfabrik sowjetische Zwangsarbeiter aus. Sein Bruder war im Führungsstab der Wehrmacht und ein in Nürnberg verurteilter Kriegsverbrecher, mitverantwortlich für den Tod Hunderttausender. General Walter Warlimont. Beide saßen nach 1945 lächerlich niedrige Strafen ab: zwei und sechs Jahre.

Das ist alles geschichtsvergessen. Gefährlich wird es, weil es um die Gegenwart geht.

Wie grandios die Aufarbeitung in Deutschland gescheitert ist, kann man allein daraus ablesen, dass Ladipo, die Politikwissenschaften studiert hat, das Leben in Freiheit und Wohlstand, das ihre Nazivorfahren in der Bundesrepublik schnell genossen, nicht für einen Skandal hält. Sie verliert kein Wort über die Armut, in der Schoa-Überlebende und ehemalige Zwangsarbeiter bis heute leben. Sie nennt die Urteile gegen ihre Vorfahren nicht Justizversagen, sondern: Zeichen der Versöhnung.

Das ist alles geschichtsvergessen. Gefährlich wird es, weil es um die Gegenwart geht. Sie habe nie über ihre Familie schreiben wollen, teilt Ladipo mit, nun müsse sie. Wegen Gaza! Deutschland dürfe im Nahen Osten nicht mehr »eine Seite« unterstützen. Man hört es seit dem 7. Oktober 2023 oft: Deutschland müsse die »richtigen« Schlüsse aus seiner Vergangenheit ziehen.

Gemeint ist immer, was auch Ladipo fordert: keine Waffen mehr an Israel, nicht mehr mit Israel in der UN stimmen. Die vermeintlich vorbildliche Aufarbeitung im Land der Täter wird gegen die Opfer in Stellung gebracht. Wenn es hilft, ziehen die Aufarbeitungsweltmeister dafür auch die großen Nazis aus der eigenen Familie heran. General Warlimonts letzter Einsatz richtet sich gegen Israel.

Die Autorin ist Reporterin der »Berliner Zeitung«.

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.07.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Ehrenamtspreis für jüdisches Leben geht nach Köln und Berlin

Bereits zum vierten Mal wird der Ehrenamtspreis für jüdisches Leben verliehen. In diesem Jahr werden Projekte geehrt, die vor allem auf einen niederschwelligen Zugang setzen

von Birgit Wilke  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

Faktencheck

Henry Kissinger wollte die »weiße Rasse« nicht beseitigen

Dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger werden immer wieder völlig frei erfundene Zitate zugeschrieben. Etwa, dass er die »weiße Rasse« durch multikulturelle Gesellschaften habe ersetzen wollen

 14.07.2026

Washington D.C.

Trump droht mit Angriff: Was über »Pickaxe Mountain« bekannt ist

Den Berg, der eine Atomanlage beherbergt, bezeichnet der US-Präsident als mögliches Ziel für einen »großen, fetten« Angriff

 14.07.2026

Osnabrück/Doha

Iron-Dome-Deal zwischen Israel und VW droht an Katar-Veto zu scheitern

Ein Verteidigungsdeal mit Israel und Hunderte Arbeitsplätze am VW-Standort Osnabrück sind in Gefahr, da der katarische Staatsfonds blockiert

 14.07.2026

Washington D.C.

USA-Iran-Rahmenabkommen: Was hat Trump überhaupt erreicht?

Groß war der Jubel des US-Präsidenten, als er mit der Führung im Iran ein vages Rahmenabkommen erzielte. Knapp einen Monat später stellt sich jedoch die Frage: Was ist davon noch übrig?

von Franziska Spiecker, Khang Mischke  14.07.2026