Restitutionsgesetz

Mehr Rechtssicherheit

1998 verpflichteten sich 44 Staaten auf der Washingtoner Konferenz auf »gerechte und faire Lösungen« für die Rückgabe von Raubgut. Foto: GettyImages

Diebstahl ist nach dem Strafgesetzbuch strafbar. Auch der Hehler macht sich schuldig. Der staatliche Raub von jüdischem Besitz war ebenso Teil des Vernichtungskomplotts gegen die Juden im nationalsozialistischen Deutschland wie die Beteiligung der Bevölkerung daran. Nachbarn bezogen den frei gewordenen Wohnraum. Ausgebombte bedienten sich preiswert am Eigentum der Vertriebenen und Ermordeten. Schnäppchenjäger freuten sich an Alltagsgegenständen, die sie erworben hatten.

Was nicht als entartete Kunst verbrannt und zerstört worden war, wanderte in die Depots der Museen. Schätzungsweise 600.000 Kultur- und Kunstwerke jüdischer Kunstsammler, Galeristen und Familien gelangten auf diese Weise in den öffentlichen Besitz, unzählige Bücher und Bildbände in von Steuerzahlern finanzierte Bibliotheken. Vieles ist bis heute nicht zurückgegeben. Von den ungezählten Alltagsgegenständen aus jüdischem Besitz, die in den Wohnzimmern und Küchen der Privatprofiteure verschwanden, nicht zu sprechen.

selbstverpflichtung Jahrzehnte nach der Schoa erst kam wirklich Bewegung in die Rückgabe der Hehlerware aus jüdischem Besitz. 1998 verpflichteten sich 44 Staaten auf der Washingtoner Konferenz auf »gerechte und faire Lösungen« für die Rückgabe von Raubgut. Auch die Bundesrepublik Deutschland verpflichtete sich zu einer Restitution wenigstens aus öffentlichen Sammlungen. Die Rückgabe von Raubgut aus Privatbesitz ist nicht mehr juristisch durchsetzbar, weil verjährt.

Aber die Selbstverpflichtung Berlins wird seit 20 Jahren nicht umgesetzt. Erst der sogenannte Schwabinger Kunstfund der Sammlung Gurlitt brachte Bewegung in ein Gesetzgebungsverfahren »zur erleichterten Rückgabe von abhandengekommenem Kulturgut« mit einem im August 2015 beendeten Referentenentwurf, der der Jüdischen Allgemeinen vorliegt. Begründung: Die »Verjährung des Herausgabeanspruchs« sei nur schwer zu ertragen, weil damit das nationalsozialistische Unrecht dauerhaft fortbestehe.

Im damals von Heiko Maas geführten Justizministerium war unter anderem vorgesehen, die verfolgungsbedingten Kulturgüter auch rückwirkend von der üblichen Verjährungsfrist auszunehmen.

Gleichzeitig sollte die Beweislast umgekehrt werden. Wer sich als rechtmäßiger Besitzer von »arisierten« Kunstgegenständen ausgibt, sollte belegen müssen, dass der Erwerb im »guten Glauben« erfolgte. Wie üblich wurde die Gesetzesvorlage in die mitzuständigen Ministerien zur Prüfung und Kommentierung gegeben.

Ministerien Seitdem ist aber nichts geschehen. Auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken antwortete die Bundesregierung im Dezember 2015: »Über den Referentenentwurf (…) wird derzeit zwischen den Ressorts diskutiert. Der weitere Zeitplan steht noch nicht fest.«

So weit und doch nicht gut. Drei Jahre danach scheint der Referentenentwurf still und leise in einer der Ministeriumsschubladen ad acta gelegt oder diskret entsorgt worden zu sein. »Das kann doch nicht sein«, empört sich der 62-jährige FDP-Abgeordnete für Berlin, Hartmut Ebbing, der seit Ende 2017 im Bundestag sitzt.

Im Bundesfinanzministerium in der Wilhelmstraße gibt man sich ahnungslos und verweist an die Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM): Monika Grütters sei die richtige Ansprechpartnerin. Dort wiederum heißt es, das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV) sei für dieses Thema zuständig.

Aus parlamentarischen Kreisen ist dagegen zu erfahren, dass genau diese Ministerien die Gesetzesinitiative offenbar blockieren. Das in der letzten Legislaturperiode noch vom heutigen Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble geführte Bundesfinanzministerium habe vor unübersehbaren Folgekosten bei den Entschädigungen für die Besitzer von Raubgut oder deren Vorbesitzer gewarnt und ihr Veto eingelegt. Ähnlich hätten die zuständigen Referenten im BKM argumentiert.

anfrage Neuen Schwung in die Diskussion über die Rückgabegesetzgebung für Raubkunst dürfte jetzt eine von Ebbing initiierte Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion von Ende August bringen. Die Liberalen verlangen von der Bundesregierung Auskunft, ob die »intensive Beratung mittlerweile abgeschlossen« sei, oder es Gründe gebe, die »Veröffentlichung des Referentenentwurfs« weiter zu verzögern.

In ihrer Antwort vom 6. September räumt die Bundesregierung auch ein, vor möglichen Folgekosten zurückzuscheuen aufgrund einer »rückwirkenden gesetzlichen Änderungen des Zivilrechts im Bereich des Verjährungsrechts« und des damit verbundenen Besitzrechts. Die widerrechtliche Aneignung vor mehr als 80 Jahren bliebe damit unangetastet. Dabei könnte alles so einfach sein – wenigstens bei der Verständigung zwischen zwei Ressorts. Denn inzwischen hat sich die Zusammensetzung der neuen Bundesregierung in der 19. Wahlperiode entscheidend geändert. Anders als noch in der vorigen Legislaturperiode wird das Bundesfinanzministerium inzwischen ebenso sozialdemokratisch geführt wie das Justizministerium.

Sparfuchs Wolfgang Schäuble allein kann also nicht mehr der »Bremser« sein. Zudem sitzen die beiden Sozialdemokraten Katarina Barley und Olaf Scholz gemeinsam am Kabinettstisch mit dem vormaligen Justiz- und heutigen Außenminister Heiko Maas, unter dessen Ägide 2015 der Referentenentwurf zur »erleichterten Durchsetzung der Rückgabe von abhandengekommenem Kulturgut« initiiert und gefertigt wurde.

»Die Bundesregierung hat auch die moralische Verpflichtung, endlich eine nachhaltige rechtliche Regelung für den Umgang mit NS-Raubkunst zu finden und somit für Rechtssicherheit zu sorgen«, fordert Hartmut Ebbing.

Diplomatie

Iran und Ukraine: So verlief das Gespräch zwischen Trump und Putin

Die Hintergründe

 09.03.2026

Nahost

Trump: Iran-Krieg »so gut wie beendet«

Seit gut einer Woche dauert der Iran-Krieg nun an. US-Präsident Trump hatte zuletzt eine Dauer von vier bis fünf Wochen Dauer in Aussicht gestellt. Die Offensive könnte wohl auch deutlich kürzer ausfallen

 09.03.2026

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Hildburghausen

Zahlreiche Rechtsrock-Konzerte im thüringischen Brattendorf

Ein Gasthaus im südthüringischen Brattendorf ist zu einem Treffpunkt der Neonazi-Szene geworden

 09.03.2026

Moskau

Putin sichert Mojtaba Chamenei Russlands Unterstützung zu

Russland sieht sich traditionell als enger Partner des Iran. Der Kremlchef wünscht dem neuen Obersten Führer Mut, Gesundheit und Kraft

 09.03.2026

Beirut

Israel setzt Angriffe im Libanon fort

Immer wieder erschüttern Explosionen die Vororte der libanesischen Hauptstadt. Ein Ende der durch neue Angriffe der Hisbollah verursachten Eskalation ist nicht in Sicht

 09.03.2026

Gaziantep

Türkei: NATO fängt Geschoss im türkischen Luftraum ab

Trümmer des Geschosses fallen auf türkischen Boden. Es ist nicht das erste Mal

 09.03.2026

Berlin

Zweifel an Angriff auf Neuköllner Schulleiter – Ermittlungen richten sich nun gegen ihn selbst

Ein Überwachungsvideo vom U-Bahnhof Rathaus Neukölln wirft Fragen auf. Angaben von Hudhaifa Al-Mashhadani hatte angegeben, angegriffen worden zu sein

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026