Bundeswehr

Mehr Juden täten gut

Der Berliner Rabbiner Avraham Daus auf dem jüdischen Friedhof Weißensee vor Bundeswehrsoldaten Foto: dpa

Von rechtsextremen Netzwerken in der Bundeswehr wird berichtet, von Verherrlichung der Wehrmacht, und zwei Offiziere wurden wegen Terrorverdacht verhaftet. »Die Bundeswehr soll ein Spiegelbild der Gesellschaft sein«, sagt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden. »Aber derzeit ist, abgesehen von den jüdischen Soldaten, das Judentum kein Thema in der Bundeswehr.«

Daher meldet sich der Zentralrat mit einer ungewöhnlichen Anregung zu Wort: jüdische Militärseelsorger. Die würden sich nicht nur um die jüdischen Soldaten kümmern, sondern im Rahmen des lebenskundlichen Unterrichts auch Wissenswertes über das Judentum vermitteln – und so Judenhass entgegenwirken. »Die Bundeswehr wird zunehmend auch für junge Juden in Deutschland als Arbeitgeber attraktiv, und dies sollte die Bundeswehr als Chance sehen.« Schuster weiter: »Militärrabbiner wären ein starkes Zeichen für die Verankerung der Bundeswehr in der Gesellschaft.«

Auch Gideon Römer-Hillebrecht, Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten (BjS), findet die Armee attraktiv: »Unter den gegebenen Bedingungen ist für Juden vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte ein Platz in einer deutschen Armee, ohne eine verachtete oder geduldete Minderheit zu sein.«

Klima Als Michael Fürst 1968 als einer der ersten Juden in der Bundeswehr als Zeitsoldat diente, war das Klima noch anders. Ein Ausbilder bezeichnete sich offen als Antisemit; heute, da ist der Landesvorsitzende der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen sicher, »gibt es keinen Zweifel, dass so jemand sofort entlassen wird«.

Schon vor zwei Jahren schrieb Michael Berger, damaliger BJS-Vorsitzender, in seinem Buch Für Kaiser, Reich und Vaterland: »Nur wenig hat die Bundeswehr noch mit der durch die Wehrmachtsgeneration geformten, ethnisch und religiös weitestgehend homogenen Truppe der 1950er- bis 1980er-Jahre gemein.« Heute kämen die Soldaten aus mehr als 80 Ländern.

Derzeit tun in der Bundeswehr 168.287 Soldaten Dienst. Dazu kommen noch rund 10.000 freiwillige Wehrdienstleistende. Der BjS schätzt die Zahl jüdischer Berufssoldaten auf etwa 150 bis 200. Genaue Daten gibt es nicht. »Die Angabe der Religionszugehörigkeit erfolgt auf freiwilliger Basis«, heißt es im Verteidigungsministerium. Wer sich als »jüdischer Soldat« registrieren lässt, hat das Recht, an den jüdischen Feiertagen vom Dienst freigestellt zu werden. Auch eine Verlegung in eine Stadt, in der es eine jüdische Gemeinde gibt, ist möglich.

Allerdings: Die Seelsorge fehlt. Während es katholische und evangelische Militärpfarrer gibt, die auch allgemeinen Unterricht erteilen, verfügen die jüdischen Bundeswehrangehörigen über keine derartige Betreuung. Immerhin gibt es für Rabbinerstudenten des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs die Möglichkeit, freiwillige Praktika bei der evangelischen und katholischen Militärseelsorge zu absolvieren. »Sie sind durchweg sehr positiv verlaufen«, sagt der Rektor des Kollegs, Rabbiner Walter Homolka, der selbst Oberstleutnant der Reserve ist.

Rekruten Auch Bernhard Fischer ist Oberstleutnant der Reserve. Derzeit trägt er wieder Uniform, und er rät jüdischen Jugendlichen, zu dienen – wenn sie denn grundsätzlich die Bundeswehr bejahen. Das gehöre zur bundesrepublikanischen Demokratie, auf deren Rechtsstaatlichkeit man sich verlassen könne. »Ein Großteil der Rekruten ist sich heute des ›schwarzen Teils‹ unserer Geschichte bewusst.« Fälle von Rechtsradikalismus und Antisemitismus würden innerhalb der Bundeswehr »sachgerecht geahndet«, versichert Fischer.

Fischers Sicht wird vom Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels, betätigt. Kein Extremismus dürfe Fuß fassen, »weder Fremdenfeindlichkeit noch Antisemitismus noch Nazitendenzen oder irgendeine andere Art von Extremismus«, sagt der Sozialdemokrat. »Die Bundeswehr hat hier zu Recht den Anspruch, besser zu sein als die gesamte Gesellschaft.«

Die Frage ist nur, ob ihr das gelingt. Zwar sind die Zahlen über »meldepflichtige Ereignisse« objektiv gering. 2016 registrierte der Wehrbeauftragte 63 Fälle, vor allem »Sieg Heil«-Rufe, das Zeigen des Hitlergrußes und Verbreitung von NS-Propaganda in sozialen Netzwerken.

sorgen Aber die jüngsten Enthüllungen sorgen bei jüdischen Soldaten für große Befürchtungen. Seit die Bundeswehr faktisch eine Berufsarmee ist, sagt Michael Fürst, würden sich bei der Truppe auch Rekruten tummeln, die die militärische Führung dort nicht haben wolle. Für Fürst, der auch Ehrenvorsitzender des BjS ist, muss das Problem über verstärkte politische Bildung angegangen werden.

Auch die Traditionspflege der Bundeswehr ist in die Diskussion geraten: Immer noch gibt es Kasernen, die nach Wehrmachtsoffizieren benannt sind. Und bei einer jüngst vom Generalinspekteur angeordneten Untersuchung kam heraus, dass etliche Wehrmachtsdevotionalien Verehrung finden.

Doch es gibt inzwischen auch – freilich nur wenige – Kasernen, die den Namen jüdischer Soldaten tragen. In Berlin etwa erinnert das Offizierskasino eines Lazarettregiments an den Oberstabsarzt Julius Schoeps. Und in Grünau/Neuburg sitzt ein Luftwaffengeschwader in der Wilhelm-Frankl-Kaserne. Dem Kampfflieger, den man »Makkabäer« nannte, gelang es als erstem, nachts eine gegnerische Maschine abzuschießen. Als 23-Jähriger starb Frankl bei einem Luftkampf im April 1917 über Frankreich.

Diplomatie

Jens Spahn reist nach Israel

Der Unions-Fraktionschef wird am Mittwoch unter anderem Gespräche in der Knesset führen

 03.02.2026

Vorwurf

Büttner kritisiert linken Antisemitismus

Linke glaubten häufig, sie könnten keine Antisemiten sein, sagt Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter. Dieses Selbstbild werde jedoch von der Realität widerlegt

 03.02.2026

Wiesbaden

Letzte Geisel identifiziert - Hessen holt Israel-Flagge ein

Zur Klarheit über das Schicksal aller Verschleppter sagt Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU): »Wir hoffen, dass das ein weiterer Schritt zur Befriedung des Nahostkonflikts ist.«

 03.02.2026

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

USA

Trump will eine Milliarde Dollar von Elite-Uni Harvard

Der Präsident wirft der Fakultät antisemitisches Verhalten vor. Ein Bericht der »New York Times« bringt neuen Schwung in den Streit

 03.02.2026

Teheran

Regime fürchtet Eskalation: US-Schlag könnte Machtapparat ins Wanken bringen

Externer Druck könnte einen erneuten landesweiten Aufstand begünstigen, heißt es aus dem Umfeld hochrangiger Entscheidungsträger im Iran

 03.02.2026

USA

Massiver Anstieg antisemitischer Straftaten in New York

Im Vergleich zum Vorjahresmonat verdoppelt sich die Zahl der durch Judenhass motivierten Taten fast

 03.02.2026

Washington D.C./Teheran

Können Gespräche zwischen den USA und Iran eine Eskalation verhindern?

In den kommenden Tagen könnte es in Istanbul zu hochrangigen Gesprächen über das iranische Atomprogramm kommen. Regionalmächte vermitteln zwischen dem Teheraner Regime und den USA

 03.02.2026

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026