Weltkirchenrat

Luthers Erben

»Von den Juden und ihren Lügen«: Martin Luthers religiös motivierte Judenfeindschaft ist noch nicht verschwunden. Foto: imago

Der antiisraelische Antisemitismus, die Diskriminierung des Staates Israel und die politische Mobilisierung gegen ihn, die gesellschaftlich und medial verbreitet wird, ist heute auch in christlichen Kreisen und nicht zuletzt im Weltkirchenrat angekommen. Die alte, religiös begründete christliche Judenfeindschaft wirkt hier nach.

Denn ihr Vorwurf an die Juden als Kollektiv gipfelte darin, dass die Juden, weil sie Jesus nicht als ihren Messias anerkennen, die Erlösung und das Heil der Menschheit insgesamt, also das Kommen des Gottesreichs, aufhalten. Das ganze Elend der Weltgeschichte wurde den angeblich ungehorsamen, ungläubigen und von Gott verworfenen Juden zur Last gelegt.

dämonisierung Doch dieser wahnhafte negative religiöse Mythos, der nichts Geringeres als eine Dämonisierung der Juden ist, ist nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa nicht mehr salonfähig. Dachten wir jedenfalls. Wir haben lernen müssen, dass zwar in vielen Kirchen die christliche Mitschuld am Holocaust eingeräumt und eine Erneuerung der Lehre über das jüdische Volk erarbeitet wurde. Dieser Prozess der Umkehr hat die Judenfeindschaft in den Kirchen jedoch nicht zum Verschwinden gebracht.

Tatsächlich ist die alte religiöse Feindschaft inzwischen als Feindschaft gegen Israel wiedergekehrt. Wir reden hier nicht von Kritik an israelischer Politik, sondern von der Delegitimierung, der Dämonisierung und der Anwendung doppelter Standards im Blick auf Israel.

absolutheitsanspruch Der Weltkirchenrat hat bei seiner Gründung im Jahr 1948 Antisemitismus als Sünde gegen Gott und die Menschen verurteilt. Zugleich hat er allerdings bis heute ein Problem mit dem im selben Jahr gegründeten Staat Israel. 1956 stellt der Weltkirchenrat fest: »Ferner glauben wir – trotz des verständlichen Wunsches vieler Juden, ein eigenes Land zu haben –, dass es ihr Beruf ist, als das Volk Gottes zu leben und nicht nur eine Nation wie andere auch zu bilden.« Der traditionell religiöse christliche Absolutheitsanspruch wird in politische Vorschriften transformiert. Der Weltkirchenrat schreibt dem jüdischen Volk vor, in welcher Form kollektiver Identität es existieren darf. Er wendet auf das jüdische Volk und seinen Staat Maßstäbe an, die für alle anderen Völker und Staaten dieser Welt nicht gelten.

Seither steht der Weltkirchenrat an vorderster Front derer, die Israels Politik fortgesetzt verurteilen, dessen Feinde jedoch von Kritik verschonen. Dieser Gebrauch doppelter Standards und die Einseitigkeit der Parteinahme für die palästinensische Seite des Konflikts gehen Hand in Hand damit, dass man sich im Weltkirchenrat das Narrativ der Feinde des Staates Israel zu eigen gemacht hat. Wie sie stellt er die Legitimität des politischen Handelns des Staates Israel nahezu ständig öffentlich infrage, ignoriert jedoch mit Absicht die Realität der anhaltenden militärischen, terroristischen und propagandistischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel.

sündenbock Die Gelegenheit, diese Position zu revidieren, wurde zuletzt in der Abschlusserklärung einer Tagung des Weltkirchenrats in Beirut vom Mai 2013 versäumt. Auf dieser Konferenz wurde der palästinensisch-israelische Konflikt als Ursache der krisenhaften Vorgänge und gewalttätigen Bürgerkriege bezeichnet, die mit dem sogenannten »Arabischen Frühling« verbunden sind. Das ist an sich schon eine wahnhafte Wahrnehmung der Realität. Die Erneuerung der Beschuldigungen gegen Israel im Abschlussdokument legen aber zudem noch nahe, dass nach Meinung des Weltkirchenrats auch hier »Israel« als der letztlich Schuldige anzusehen ist, also als der Sündenbock zu dienen hat.

Die aus Feindschaft gegen den Staat Israel rührende politische Mobilisierung gegen den jüdischen Staat hat mittlerweile in vielen Kirchen weltweit Formen eines erbitterten Kampfes angenommen. Eine christliche Gruppe wie etwa die, die sich ironischerweise »Pax Christi« nennt, beteiligte sich sogar an einer Aktion, die von einer gewaltbereiten Organisation in dschihadistischer Absicht durchgeführt wurde.

boykott Weltweit propagieren Gruppen und Funktionäre in christlichen Kirchen und Organisationen einen Boykott gegen israelische Produkte. Für diese Initiativen, die fatal an die Nazi-Parole »Kauft nicht bei Juden!« erinnern, und für Hochglanzbroschüren, die den Staat Israel zum »Schurken im Stück« erklären, werden reichlich Kirchensteuern und Spenden ohne Scham ausgegeben.

Wie damals fühlt man sich auch heute zu Strafaktionen gegen die Juden, jetzt in Gestalt des Staates Israel, berechtigt, ja geradezu verpflichtet. Er gilt jetzt als »unser Unglück«, gar als »Gefahr für den Weltfrieden«. Was diese »Ritter des guten Gewissens«, um eine treffliche Prägung von Jacques Derrida aufzunehmen, jedoch nicht erkannt haben, ist, dass sie die Glaubwürdigkeit ihrer Kirchen damit verspielen und weitere Mitglieder aus ihnen vertreiben.

Die Autoren sind evangelische Theologie-Professoren für Neues Testament.

Bremen

Acht Meter breite Parolen an Schulen gesprüht

Unbekannte haben zwei Schulzentren im Bremer Stadtteil Walle mit großflächigen Farbschmierereien beschädigt. Sie schrieben unter anderem »FCK ISRAEL« und »Free Palestine«

 18.06.2026

Rias-Antisemitismusbericht

Bitterer Alltag

Manchmal sind es Gesten, manchmal Pöbeleien, manchmal übelste Drohungen und Gewalt: Jüdinnen und Juden erleben in Deutschland täglich Feindseligkeit. Was tut die Gesellschaft?

von Verena Schmitt-Roschmann  18.06.2026

G7-Gipfel

Trump unterzeichnet Rahmenabkommen zwischen USA und Iran in Versailles

Überraschend unterschrieb der US-Präsident Donald Trump das Abkommen mit dem Iran bereits am Mittwoch an dem historischen Ort

 18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

G7-Gipfel

Trump verteidigt Iran-Abkommen und kritisiert Israels Vorgehen

Zwar habe der jüdische Staat das Recht, sich zu verteidigen. Gleichzeitig gehe das Land nach seiner Auffassung mitunter unverhältnismäßig vor, so der amerikanische Präsident

 18.06.2026

Meinung

Letzte Chance für die Linke

Viele Juden haben »Die Linke« schon abgeschrieben. Doch nach wie vor gibt es dort Mitglieder, die den Antisemitismus innerhalb der Partei bekämpfen. Hoffentlich setzen sie sich auf dem Bundestreffen in Potsdam durch

von Mascha Malburg  18.06.2026

Berlin

Linksjugend spricht von »israelischen Konzentrationslagern« und »israelischem Genozid im Namen des Judentum«

Mitglieder des Jugendverbands der Linkspartei stießen schon mehrfach mit Positionen zu Israel auf Kritik. Wenige Tage vor dem Bundesparteitag gibt es neue antisemitische Ausfälle

 18.06.2026

Berlin

Neuer Vorstoß zur Änderung von AfD-Unvereinbarkeitsliste

Wer in bestimmten Organisationen ist, darf nicht AfD-Mitglied sein. Einige in der Partei sind gegen diese Unvereinbarkeitsliste in ihrer jetzigen Form und starten einen neuen Vorstoß, sie zu ändern.

 18.06.2026

Nahost

Was steht im Iran-Rahmenabkommen?

Nach langer Ungewissheit verbreitet ein hochrangiger US-Beamter den Text, auf den sich der Iran und die US-Regierung geeinigt haben sollen. Doch wer ihn wann unterzeichnet, bleibt unklar

 17.06.2026