Staatsbesuch

Kaddisch im Bundestag

Man schätzt sich: Merkel und Peres Foto: ddp

Staatsbesuch

Kaddisch im Bundestag

Schimon Peres’ Rede zum Schoa-Gedenktag und seine Tage in Berlin

von Detlef David Kauschke  04.02.2010 00:00 Uhr

Noach Flug steht am Mittwochabend vergangener Woche in der israelischen Botschaft, und blickt durchs Fenster nach draußen, auf Schnee und Eis: »Es war sehr kalt in Berlin. Aber dafür war der Empfang überall sehr, sehr warm.« Der 85-jährige Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees hatte als einer von mehreren Schoa-Überlebenden den israelischen Präsidenten Schimon Peres bei seinem dreitägigen Aufenthalt in Deutschland begleitet.

Es war ein Besuch voller Gesten und Gefühle, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Peres, der selbst einen Großteil seiner Familie in der Schoa verlor, gedachte am Gleis 17, dem Mahnmal am Berliner Bahnhof Grunewald, gemeinsam mit Bundespräsident Horst Köhler der Opfer. Bei Gesprächen mit Köhler und Kanzlerin Angela Merkel ging es um die besonderen Beziehungen beider Staaten, den Nahost-Friedensprozess und die nukleare Bedrohung aus dem Iran. Merkel forderte Teheran auf, seine internationalen Verpflichtungen zu erfüllen: »Die Zeit läuft aus«, sagte sie nach dem Treffen.

Hebräisch Höhepunkt des Besuchs war am Mittwoch, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, die halbstündige Rede vor dem Deutschen Bundestag, die der 86-jährige Friedensnobelpreisträger in Hebräisch hielt. Er erinnerte darin an seinen Großvater, Rabbi Zwi Meltzer, der im weißrussischen Wiszniewo von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Peres bezeichnete den Holocaust als »ewiges Warnzeichen, als Verpflichtung zur Heiligkeit des Lebens«. Zugleich drückte er seine Hoffnung auf eine Welt ohne Kriege und Antisemitismus aus. Eindrücklich warnte er noch einmal vor den Gefahren eines atomar bewaffneten Irans. Begonnen hatte Peres seine Rede mit dem Kaddisch, »zu Ehren und im Andenken an die sechs Millionen Juden, die zu Asche wurden«. Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte später in einem Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, dass der Staatspräsident auf eindrucksvolle Art »Persönliches und Politisches« miteinander verbunden habe. Stargeiger Daniel Hope, der zum Schluss der Gedenkstunde das »Kaddish« von Maurice Ravel vortrug, meinte: »Es war unglaublich bewegend. Ich musste mit den Tränen kämpfen.« Beeindruckt zeigten sich auch die jungen Teilnehmer der deutsch-israelischen Begegnung, wie Hadar Shuman, 17, aus Beer Schewa: »Es war so ergreifend, unseren Präsidenten hier in Berlin Hebräisch reden zu hören.«

Historisch Bundespräsident Horst Köhler sagte dieser Zeitung: »Das war eine Rede, die sich der historischen Ereignisse und der Tragödie widmete, aber auch eine vorwärtsweisende Rede. Es ist deutlich geworden, dass wir den Auftrag haben, aus dem Holocaust heraus für eine bessere Welt zu kämpfen.« Israel habe die deutsche Unterstützung aus der Verantwortung der Vergangenheit heraus. »Und ich bin sehr froh, dass der Präsident von Deutschland mitnehmen kann, dass alle Kräfte sich hinter dieser Vorstellung vereinen.« Ähnlich äußerte sich Außenminister Guido Westerwelle bei der Verleihung des Walther-Rathenau-Preises an Peres: »Israel und Deutschland teilen gemeinsame Werte und fun-
damentale außenpolitische Interessen.«

Dass sie offensichtlich anderer Meinung ist, demonstrierte Sahra Wagenknecht, die designierte Vizevorsitzende der Links-Partei. Gemeinsam mit mindestens einer Fraktionskollegin war sie demonstrativ sitzen geblieben, während sich die übrigen Bundestagsabgeordneten zu Ehren des israelischen Staatspräsidenten erhoben hatten. Dessen ungeachtet zog Peres vor seiner Weiterreise zum Weltwirtschaftsforum in Davos ein positives Fazit: »Ich denke, dass wir alle in den vergangenen Tagen nicht nur die Tiefen der Schoa gefühlt, sondern auch die Höhen der Freundschaft erlebt haben.«

Nahost

US-Militär will ab sofort Straße von Hormus blockieren

Donald Trump möchte verhindern, dass der Iran Gebühren von Schiffen durch die Meerenge verlangt. Jetzt will das US-Militär die Kontrolle der Straße von Hormus übernehmen

 13.04.2026

Gedenken

Brandenburg erinnert an KZ-Befreiung

Weit über 300.000 Menschen waren unter dem NS-Regime in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück inhaftiert. Zehntausende von ihnen kamen dort zu Tode. Zum Gedenken an die Befreiung werden diesmal noch fünf Überlebende erwartet

 13.04.2026

Nahost

Hinrichtungen im Iran auf 35-Jahres-Rekordhoch

Im Iran wurden 2025 laut Iran Human Rights mindestens 1.639 Menschen hingerichtet – ein Höchststand seit 35 Jahren. Menschenrechtsorganisationen fordern Konsequenzen

 13.04.2026

Urteil

Mustafa A. soll Lahav Shapira nicht aus Antisemitismus fast tot geschlagen haben

Der 25-Jährige wurde ursprünglich zu drei Jahren Haft verurteilt. Jetzt hat ein Berufungsgericht die Strafe abgemildert. Das Opfer der Tat nennt die Entscheidung »traurig«

 13.04.2026 Aktualisiert

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Ungarn

So reagiert die europäische Presse auf Orbans Abwahl

Nach 16 Jahren endet die Orban-Herrschaft in Ungarn. Internationale Medien werten den Ausgang der Wahl als Dämpfer für Putin und Trump – und als Warnsignal für die politische Rechte

 13.04.2026

Gedenken

Zwischenrufe bei Weimer-Rede in Buchenwald

Schon im Vorfeld hatte es Kritik am Auftritt des Kulturstaatsministers beim Buchenwald-Gedenken gegeben. Auch vor Ort gab es Gegenwind. Das sagt Weimer selbst dazu

 13.04.2026

Thüringen

»Kufiyas in Buchenwald« wollen schon am Samstag demonstriert haben

Die Gruppe »Kufiyas in Buchenwald« durfte am Sonntag laut Gerichtsbeschluss nicht an der KZ-Gedenkstätte demonstrieren. Nach eigenen Angaben haben sie einen anderen Weg gefunden

 13.04.2026

Terror

Israel: Wir wollen ein echtes Friedensabkommen mit dem Libanon

Israel und der Libanon wollen erstmals seit Jahrzehnten direkte Gespräche auf politischer Ebene führen. Premier Netanjahu fordert als Ziel ein Friedensabkommen, das über Generationen halten soll

 13.04.2026