Seerecht

Juristischer Schiffbruch

Jetzt auch zu Lande: Holzschiff bei einer Demonstration im Westjordanland Foto: Flash 90

Eine exakte Wissenschaft ist die Jurisprudenz nicht. Das gilt umso mehr für den Bereich des Völkerrechts. Daher ist es umstritten, wie das Vorgehen der israelischen Armee gegen das türkische Schiff »Navi Marmara« im Mittelmeer rechtlich zu bewerten ist. Der UN-Menschenrechtsrat hält die israelische Aktion für völkerrechtswidrig und fordert eine »unabhängige« Untersuchung. Das Völkerrecht »ist kein klar definierter Kodex, sondern eine Ansammlung zum Teil widersprüchlicher Dokumente, die sehr unterschiedliche Interpretationen zulässt«, sagt Martin Chan, Politikwissenschaftler an der Universität Bremen.

seerechtskonvention Für das Seerecht gälten allerdings sehr klare und eindeutige Kriterien, meint Chan, nämlich jene, die in der Seerechtskonvention der Vereinten Nationen niedergelegt seien. Diese verböten das Kontrollieren eines Schiffes, das sich in internationalen Gewässern bewegt, es sei denn, es bestünde begründeter Verdacht, »dass das betreffende Schiff in Piraterie, Sklavenhandel oder unbefugtes Senden verwickelt ist«. Dies sei im Fall der Mavi Marmara nicht der Fall gewesen, so Chan, mithin sei die israelische Aktion illegal, mehr noch: »eine kriegerische Aktion gegen einen nichtkriegsführenden Staat«.

prisenrecht Doch ganz so klar ist der Fall keineswegs. Das sogenannte Prisenrecht, Teil des Völkergewohnheitsrechts, schränkt die Freiheit der Meere ein. Es erlaubt kriegführenden Staaten, eine Blockade über Häfen und Küsten zu verhängen, die vom Feind gehalten werden. Neutrale Schiffe, die diese Küsten dennoch zu erreichen versuchen, werden dann zu Blockadebrechern, die von dem Staat, der die Blockade verhängt hat – in diesem Falle Israel –, kontrolliert werden dürfen. Und zwar auch außerhalb der eigenen Hoheitsgewässer. (Innerhalb dieser wäre es ohnehin legal und bedürfte des Prisenrechts nicht.) Im Falle des Widerstands gegen die Kontrollmaßnahmen ist die gewaltsame Durchsetzung des Prisenrechts erlaubt. Israels Vorgehen gegen die Navi Marmara wäre somit völlig legal gewesen.

blockaderecht Dies gilt jedoch nur für den Fall, dass die Blockade des Gazastreifens selbst zulässig und Israel kriegführender Staat ist. »Da die Hamas die herrschende Partei im Gazastreifen ist und Israel sich in einem bewaffneten Kampf mit dieser herrschenden Partei befindet, ist die Blockade legal«, sagt Philip Roche, Seerechts-Experte der internationalen Anwaltskanzlei Norton Rose, der Nachrichtenagentur Reuters. Ähnlich sieht es der berühmte Strafverteidiger Alan Dershowitz. Er weist in einem Artikel für die New York Daily News darauf hin, dass Israel die Blockade erst verhängt hat, nachdem es sich aus Gaza zurückgezogen hatte und daraufhin von der Hamas mit Raketen beschossen wurde. Für Dershowitz können in diesem Fall »keine vernünftigen Zweifel« an der Legalität der Blockade bestehen. Und besteht eine Blockade zu Recht, dann sei es auch legal, sie in internationalen Gewässern durchzusetzen, so Dershowitz.

kriegszustand Mehr noch: »Der Versuch, eine militärische Blockade zu durchbrechen, ist selbst ein kriegerischer Akt.« Der Status der an Bord befindlichen Zivilisten sei nicht ganz klar, jedoch: »In dem Moment, als Personen angefangen haben, Waffen zur Hand zu nehmen und israelische Soldaten anzugreifen, verloren sie ihren Status als unschuldige Zivilisten«, hält Dershowitz fest. Nach dieser Interpretation beging Israel mitnichten einen kriegerischen Akt gegen eine »nichtkriegsführende Partei«.

Doch wie es im Völkerrecht eben so ist – die verschiedenen Interpretationen bleiben nebeneinander stehen, da es eben keine übergeordnete Instanz gibt, die nach einem festgelegten Gesetzeswerk entscheidet. Und so sind es deprimierenderweise die weltweite öffentliche Meinung sowie Macht- und Mehrheitsverhältnisse, von denen letztlich abhängt, wer Recht erhält und wer nicht.

Urteil

Buchhandlungspreis: Gericht untersagt Weimer Extremismus-Äußerung

Die Buchhandlungspreis-Affäre lässt Kulturstaatsminister Weimer nicht los. Die unter Extremismusverdacht geratenen Buchhandlungen wehren sich

 30.04.2026

Washington D.C.

Größter US-Flugzeugträger soll Nahen Osten verlassen

Erstmals seit Jahrzehnten sind wieder drei US-Flugzeugträger im Nahen Osten - das verkündete das US-Militär vergangene Woche. US-Medien zufolge dürfte sich das aber schon bald wieder ändern

 30.04.2026

Washington D.C.

Trump drängt erneut auf Begnadigung Netanjahus

»Bibi ist ein Premierminister im Krieg. Mit so etwas im Nacken kann er nicht arbeiten«, sagt der amerikanische Präsident

 30.04.2026

Ralf Fischer

Kollegah: Judenhass in Reimform

Warum schweigen alle zu dem offenen Antisemitismus von Felix Blume aka Kollegah?

 30.04.2026

Einspruch

Im Dschungel gestolpert?

Maria Ossowski bedauert den Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson

von Maria Ossowski  30.04.2026

Dominik Krause

Grün und pro Israel

Am 1. Mai tritt der 35-Jährige ein Amt als Oberbürgermeister Münchens an. Wofür steht er? Ein Porträt

von Chris Schinke  30.04.2026

Glosse

Tipps und Tricks für Judenhasser

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Eine Handreichung

von Daniel Neumann  30.04.2026

Düsseldorf

Auschwitz-Museum: Rüttgers erhält Auszeichnung »Light of Remembrance«

Die Auszeichnung würdigt herausragende Beiträge zur Aufklärung über das NS-Konzentrationslager Auschwitz und den Holocaust

 30.04.2026

Terror

Gruppierung Ashab al-Jamin bekennt sich zu Angriff in London

Nach einem weiteren Angriff auf jüdische Einrichtungen in London taucht ein neues Bekenntnis auf. Die Terrorgruppe HAYI spricht von einer Attacke auf »Zionisten«

 30.04.2026