Berlin

Josef Schuster: Situation der Juden in Deutschland spiegelt Lage der Demokratie

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Foto: picture alliance / Ipon

Zum heutigen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, hat Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, eine Mahnung veröffentlicht: Die Erinnerungskultur sei nicht nur eine moralische Pflicht, sondern ein Schutzschild gegen antidemokratische Tendenzen, erklärt er in einem Beitrag auf dem Portal »t-online.de«. »Die Lage der Juden in Deutschland spiegelt die Lage unserer Demokratie«, schreibt Schuster und stellt klar: »Der Antisemitismus ist ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen.«

Der Zentralratspräsident erinnert daran, dass Auschwitz nicht nur ein Ort, sondern ein Symbol sei. Die Befreiung des Vernichtungslagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 habe einen Anblick offenbart, »der sich bis heute dem menschlichen Verstand entzieht«. Der industrielle Massenmord der Nationalsozialisten habe die Vernichtung des europäischen Judentums zum Ziel gehabt – und dennoch gebe es heute in Deutschland wieder jüdisches Leben. Dass es hier mehr als 100 lebendige jüdische Gemeinden gebe, sei »einem verhältnismäßig kleinen Kreis von Menschen« zu verdanken, betont Schuster.

In seinem Appell verweist Schuster auf die Gründungsleistung der Überlebenden. Diese hätten 1945, »mitten in den Trümmern ihrer vormaligen Existenz«, beschlossen, an eine jüdische Perspektive in Deutschland zu glauben. »Sie wollten sich ihre Heimat nicht nehmen lassen«, so der Zentralratspräsident. Trotz Ausgrenzung, Entrechtung und Entmenschlichung seien sie zurückgekehrt und hätten ihren Platz in der Gesellschaft beansprucht – nicht am Rand, sondern »sichtbar in ihrer Mitte«. Diese Überlebenden hätten die Erinnerungskultur geprägt und seien »Träger der demokratischen Erneuerung Deutschlands«.

Deutschland am Wendepunkt

Doch Schuster warnt: Diese demokratische Kultur sei nie selbstverständlich gewesen. »Dass diese Erneuerung, die demokratische Kultur unseres Landes, zu keinem Zeitpunkt eine Selbstverständlichkeit war, spüren wir heute«, schreibt er. Er sieht Deutschland an einem Wendepunkt: Die Überlebenden des NS-Terrors gingen von uns, während Judenhass »auf deutschen Straßen« wieder präsent sei. Seit mehr als zwei Jahren habe Antisemitismus »öffentlichen Raum« ergriffen, »unverhohlen« und zunehmend radikal – und das nicht nur am Rand, sondern »auch in der Mitte unserer Gesellschaft«.

Für den Zentralratspräsidenten ist Antisemitismus eine »Brückenideologie« für Extremisten aller Richtungen: »Rechtsextremisten, Linksextremisten und Islamisten gleichermaßen« hätten den Judenhass in ihre Weltanschauung eingebettet. »Antisemitismus ist ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen«, schreibt Schuster. Die Lage der Juden sei daher ein direktes Spiegelbild der demokratischen Stabilität. »Die Werte der liberalen Demokratie sind in der Defensive«, warnt er. »Das Fundament der liberalen Demokratien bröckelt – weltweit, auch in Deutschland.«

Lesen Sie auch

Die Erinnerung an die Schoa verblasse, so Schuster weiter, und damit schwinde zugleich das Fundament der Demokratie. Aktuelle Studien zeigten, dass viele junge Menschen kaum noch Bezug zur Schoa hätten: »Wenn wir an diesem 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedenken, geht dieses Ritual an mindestens jedem achten jungen Menschen in Deutschland spurlos vorbei.« Fast jeder dritte junge Mensch könne mit dem Begriff »Auschwitz« nichts anfangen, so Schuster. Er warnte davor, dass immer mehr Menschen einen Schlussstrich unter die Erinnerung forderten und »vergessen wollen«. Das sei »weit mehr als nur ein Versagen unseres Bildungssystems«, sondern ein Symptom einer Entwicklung, die er als »Entkleidung unseres Erinnerns von jeglicher tatsächlichen Bedeutung« bezeichnete.

»Gegenentwurf zum NS-Terror«

Schuster sieht die Gefahr, dass die jüdische Gemeinschaft aus dem öffentlichen Leben verdrängt wird, wenn die Gesellschaft nicht gegensteuert. »Schon jetzt sind die Kräfte beträchtlich, die uns als jüdische Gemeinschaft aus dem öffentlichen Leben verdrängen und der Sichtbarkeit, welche die Überlebenden des NS-Terrors erstritten hatten, berauben wollen«, fügt er hinzu. Diese Kräfte würden weiter erstarken, »wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die bedrohlichen Entwicklungen zu stoppen.«

Als »Gegenentwurf zum NS-Terror« bezeichnet Schuster das Grundgesetz, das die demokratische Identität Deutschlands präge. Es sei »identitätsstiftend für die aufrechten Demokraten unseres Landes«, und seine Geltung sei niemals selbstverständlich gewesen. »Es war das Verdienst einer Generation von Überlebenden«, so Schuster, die nun endgültig von uns gehe und »große Fußstapfen« hinterlasse.

Der Schlüssel, um autokratischen Umtrieben zu widerstehen, liege in einer lebendigen Erinnerungskultur, so Schuster. »Wenn wir unsere demokratische Kultur gegen autokratische Umtriebe und die Versuchungen der Unfreiheit verteidigen wollen, müssen wir als Gesellschaft erkennen: Der Schlüssel dazu liegt auch heute in einer lebendigen Erinnerungskultur«, macht Schuster klar. Er betonte zugleich, dass weder Erinnerung noch Demokratie »politisch verordnet« werden könnten.

Schuster ruft in dem Beitrag auf t-online.de zu Zivilcourage auf und verwies auf den früheren Zentralratspräsidenten Paul Spiegel, der 2000 vom »Aufstand der Anständigen« gesprochen habe. »Es ist höchste Zeit, dass aufrechte Demokraten heute erneut aufstehen und Zivilcourage beweisen«, schrieb Schuster. Gegen die Entkernung der Erinnerungskultur und zum Schutz der Demokratie sei der persönliche Einsatz jedes Einzelnen entscheidend. »Diesen Einsatz schulden wir den Überlebenden des NS-Terrors«, erklärte er. »Wir schulden ihn ihrem Glauben an die Zukunft, den sie nie verloren haben.«im

Dokumentation

»Seit zweieinhalb Jahren bebt die Erde«

In Erfurt sprach der Zentralratspräsident über den Status quo Jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Dabei ging Schuster auch auf das Programm »Demokratie leben« und die Kritik an Familienministerin Karin Prien ein

 25.03.2026

Krieg

Iran lässt wenige Schiffe durch Straße von Hormus

Die iranischen Behörden lassen nur wenige Schiffe durch die für den Energiehandel wichtige Wasserstraße. Viele Reedereien meiden die Route angesichts von Angriffen und fehlender Versicherungen

 25.03.2026

London

»Ihm gefiel die Angst«: Frauen berichten von Epstein-Skandal

Über Jahre betrieb Jeffrey Epstein einen Missbrauchsring mit einer hohen Zahl an Opfern. In einem Fernsehinterview berichten fünf Frauen von ihren schlimmen Erfahrungen

 25.03.2026

Meinung

EU-Parlament: Fällt die Brandmauer?

Nach einem Medienbericht haben sich Vertreter der konservativen EVP-Fraktion im EU-Parlament mit rechtsextremen Kräften zur Migrationspolitik abgestimmt. Diese Enthüllung wirft viele Fragen auf

von Michael Thaidigsmann  25.03.2026

Krieg gegen Iran

Hoffnung auf Verhandlungen

Raketenalarm in Tel Aviv, Angriffe auf Teheran: Trotz neuer Vermittlungsversuche und Forderungen an den Iran bleibt eine schnelle Waffenruhe wohl unwahrscheinlich

 25.03.2026

Berlin

»Ich bin für dich Ron!«

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinden Deutschlands, ehrte Israels Botschafter Ron Prosor für dessen Engagement für die kurdischen Gemeinden. Wir dokumentieren die Laudatio im Wortlaut

von Ali Ertan Toprak  25.03.2026

Berlin

Kurdische Gemeinde zeichnet Ron Prosor aus

Der israelische Botschafter wurde beim Neujahrsfest für sein Engagement für die kurdische Gemeinschaft ausgezeichnet

 25.03.2026

Kassel

Schmerzensgeld-Klage nach Antisemitismus auf documenta

Vor Gericht kam es zu keiner Einigung – wie geht es nun weiter?

 25.03.2026

Dokumentation

»Dieser Krieg ist nach meinem Dafürhalten völkerrechtswidrig«

Bundespräsident Steinmeier verurteilte im Auswärtigen Amt den Krieg Israels und der USA. Wir dokumentieren seine Rede

von Frank-Walter Steinmeier  25.03.2026