Ideologie

Jenseits von Jerusalem

Im Staub der Geschichte: Viele Araber machen nicht mehr Israel für ihr Elend verantwortlich, sondern die Herrscher im eigenen Land. Foto: dpa

Ein Ereignis, das nicht stattfindet, beherrscht selten die Schlagzeilen. Einige werden trotzdem bemerken, dass selbst bei den hitzigsten Großdemonstrationen in Tunesien und Ägypten niemand auf die Idee kam, amerikanische oder israelische Fahnen zu verbrennen; es wurden keine rachsüchtigen Slogans skandiert wie »Palästina wird siegen« oder »Tod Israel«. Daran wird auch der blutige Terroranschlag vergangene Woche in Jerusalem nichts ändern.

Was sollen wir davon halten, dass der ewige Konflikt zwischen Israel und Palästina so ins Abseits geraten ist? Ist er etwa nicht das Problem? Haben die Fundamentalisten gerade aus diesem Grund versucht, den Kampf gegen Israel ins Bewusstsein der Araber zurückzubomben?

Gedanken Sicherlich, das Verdrängte ist auch im Nahen Osten, in der arabischen Welt nicht verschwunden. Ein mit dem Davidstern übermaltes Porträt Hosni Mubaraks; die CBS-Reporterin Lara Logan geschlagen und als »Jüdin, Jüdin« beschimpft: Wir stellen uns vor, was alles hätte passieren können – und was alles nicht passiert ist –, wo doch die Millionen Revoltierenden frei waren in ihren Handlungen, in guten wie in schlechten Gedanken.

Seit der Staat Israel existiert, ist die Welt überzeugt, dass das Schicksal Jerusalems, der palästinensischen Flüchtlinge oder der besetzten Gebiete die zentrale Frage ist. Dieser gordische Knoten soll die Notwendigkeit von Diktaturen erklären, den Mangel an Freiheit in arabischen Ländern, er soll die anti-westliche Ausrichtung der sogenannten islamischen Welt rechtfertigen. Ganz zu schweigen von den kulturellen und frauenfeindlichen Blockaden im Maghreb und im Maschrek wie auch bei den Migranten in Europas Vorstädten.

Von Rechts und Links wurde uns eingetrichtert, dass ohne echten Frieden zwischen Jordan und Mittelmeer kein Fortschritt, keine Demokratie, keine Moderne möglich sei für die mehr als dreihundert Millionen Araber (und Berber), selbst nicht für eine Milliarde Muslime. Und was sehen wir jetzt? Genau das Gegenteil! Die Beziehungen zwischen Israel und Palästina sind auf dem Tiefpunkt. Und dennoch entflammt im selben Moment ein unerwartetes, unverhofftes Verlangen nach Freiheit die »arabische Straße«.

Al Dschasira Aber Vorsicht, bilden wir uns nicht ein, dass die Freudenrufe und Tränen alles vergessen machen oder dass zwischen den Zeiten der Angst und dem Siegesjubel die Menschen es sich erlauben, die Realität zu leugnen. Die Aufständischen müssen nur Al Dschasira einschalten und erfahren von Wikileaks über die Geheimverhandlungen der Autonomiebehörde und die Proteste der Hamas. Kairo weiß um Gaza und Tel Aviv, die Revolutionäre haben in voller Kenntnis der Dinge dem keine Dringlichkeit eingeräumt, was den »arabischen« Massen seit einem halben Jahrhundert angeblich so auf der Seele brennt.

Tunesier und Ägypter sind Anfang 2011 realistischer und klüger als die diplomierten Geopolitiker. Als die provisorische Regierung nach Mubaraks Sturz klarstellte, dass sie die internationalen Verträge und damit den Frieden mit Israel respektieren würde, rief keiner zu den Waffen, und die Muslimbrüder murrten nicht. Es gab sogar verschleierte Demonstrantinnen, die sich eine »ägyptische Demokratie wie in Israel« wünschten. Für alle ist die palästinensische Frage weit davon entfernt, Anfang, Ende und Lauf der Welt zu bestimmen.

Monopole Vor 20 Jahren schrieb ich, um die algerischen Demokraten, Journalisten und Frauen, die islamistischer Gewalt zum Opfer fielen, zu unterstützen, dass wir lernen müss- ten, bis drei zu zählen: Islamische Heilsfront plus Armee plus die zivilen Kräfte des Widerstands, die ihr Leben für die Freiheit und die Menschenrechte gaben. Nach zehn schrecklichen Jahren fand sich diese dritte Partei eingeklemmt zwischen der Polizei der Körper (der repressiven Macht und den ökonomischen Monopolen des Militärapparats) und der Polizei der Gedanken (den Bußpredigern in den Moscheen).

Ihr Kampf geht nun weiter. In Tunesien und Ägypten offenbart sich ein Graben zwischen den Generationen. Die Jungen zwingen – mithilfe von Google, Facebook und Twitter – zum ersten Mal die ganze Gesellschaft, bis drei zu zählen. Weder das Militär noch die Muslimbrüder haben sich bis zu diesem Tag die Ritter des Internets einverleibt, die die Öffnung zur Welt, die Freiheit der Kommunikation, die Gleichstellung der Geschlechter verlangen und die immense Armut anprangern, die sie umgibt.

Heißt dies, dass das Schicksal Palästinas ihnen gleichgültig ist? Ich glaube nicht, früher oder später werden sie sich daran erinnern. Aber es ist nicht mehr die Obsession der Obsessionen, die für alles Unglück verantwortlich ist, die Tyranneien entschuldigt und mit einem Gespinst aus Lügen die mentale und materielle Misere überdeckt.

Es ist an der Zeit, die Uhren neu zu stellen. Völker sind nicht dazu verurteilt, sich zu bekriegen. Nichts ist gesichert, weder die Demokratie im Innern noch die friedliche Koexistenz im Äußeren, aber es ist auch nichts mehr, wie wir gestern noch glaubten, im Voraus verloren.

Der Autor, Sohn deutsch-jüdischer Emigranten, gehört zu Frankreichs einflussreichsten Philosophen und Publizisten. Aus dem Französischen von Thekla Dannenberg.

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Berlin

Mahnmal für ermordete Zeugen Jehovas eingeweiht

Eine bronzene Stele am Goldfischteich im Tiergarten soll an die 15.000 Frauen und Männer erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden

von Linn Manegold  24.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  24.06.2026

Kontrolle

IAEA-Chef: Inspektionen im Iran werden kommen

Der Chef der UN-Atomwächter stellt klar: Die Überwachung von Atomanlagen ist Teil des US-iranischen Rahmenabkommens. Doch wann und wie IAEA-Fachleute im Iran tätig werden, bleibt vorerst unklar

 24.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  24.06.2026

Dresden

Sachsen erwägt Verbindungsbüro in Israel

Das sächsische Kabinett stehe seiner Anregung dazu positiv gegenüber, sagt der Beauftragte für jüdisches Leben, Thomas Feist

 24.06.2026

Abu Dhabi

Zugang für IAEA-Inspekteure: Marco Rubio widerspricht Teheraner Regime

Der US-Außenminister spricht auch die Situation in der Straße von Hormus an: »Kein Land darf Gebühren oder Maut für eine internationale Wasserstraße verlangen.«

 24.06.2026

Washington D.C.

US-Senat fordert Ende des Iran-Krieges und stellt sich gegen Trump

Die Resolution wird mit 50 zu 48 Stimmen angenommen. Vier republikanische Senatoren schließen sich fast allen Demokraten an

 24.06.2026

Nahost

Mehr als Tausend Schiffe sitzen im Persischen Golf fest

Die USA und der Iran haben sich nach dreieinhalb Monaten Krieg auf ein Rahmenabkommen geeinigt - doch für viele der im Persischen Golf festsitzenden Schiffe hat der quälende Stillstand kein Ende

 24.06.2026