Vatikan

Israels Mann beim Papst

Auf Augenhöhe: Mordechay Lewys Antrittsbesuch bei Benedikt XVI. im Jahr 2008 Foto: getty

Kurz nach seinem Amtsantritt als israelischer Botschafter beim Heiligen Stuhl hätte Mordechay Lewy eigentlich triumphieren können. Der Vatikan hatte angeblich auf Protest aus Israel hin den umstrittenen Seligsprechungsprozess für Papst Pius XII. gestoppt. Lewy wies Spekulationen über den Versuch, Einfluss auf die Entscheidung genommen zu haben, ausdrücklich zurück. Seligsprechungen seien interne Angelegenheiten des Vatikans.

pius Die umstrittene Ehrung des Papstes der Hitler-Zeit wurde tatsächlich auf Eis gelegt. Die Kurie war sich bewusst, dass bislang unveröffentlichte Dokumente aus dem Pontifikat von Pius XII. für Überraschungen sorgen könnten. Ein solches Risiko mag man in Rom nicht eingehen. Denn nicht nur unter Juden, sondern auch in Deutschland ist der Pacelli-Papst wegen seines Schweigens zur Schoa umstritten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er Juden während der Nazi-Besatzung in römischen Klöstern verstecken ließ.

Drei Jahre nach seinem Umzug nach Rom gilt Lewy als einer der angesehensten Botschafter der Stadt. Der in Israel geborene und zeitweilig in Berlin aufgewachsene Diplomat ist seit jeher gern gesehener Gast beim deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl. Mit komplizierten diplomatischen Beziehungen hat der 63-Jährige Erfahrung. Immer wieder verschlug es den Historiker mit Schwerpunkt Mittelalter an die israelischen Botschaften in Bonn und später Berlin.

Genugtuung In Rom zeigt Lewy sich verhalten optimistisch, dass der Heilige Stuhl sich in der Frage eines palästinensischen Antrags auf Aufnahme in die UN zurückhalten wird. »Für uns wäre es eine Genugtuung, wenn der Vatikan sich nicht dazu äußert, man muss sich nicht immer zu Wort melden«. Der Zustand der Beziehungen könne nicht besser sein, resümiert der Botschafter. Das Verhältnis sei ständig im Aufbau befindlich, »sozusagen eine Baustelle«, fügt er mit der ihm eigenen feinen Ironie hinzu. Über Jahrhunderte gewachsene Feindseligkeit lasse sich nicht im Handumdrehen überwinden.

Angesichts der historischen Belastungen sei jedoch bereits viel erreicht worden. Auch ohne die noch ausstehende Einigung über die Besteuerung kirchlichen Eigentums in Israel versteht sich Lewy gut mit seinen vatikanischen Gesprächspartnern. Nach dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Israel im Jahr 2000 wurde eine gemeinsame Kommission für den interreligiösen Dialog gegründet, die auch die diplomatische Ebene stärkt.

fürbitte Unter dem jetzigen Papst näherten sich beide Seiten noch weiter an. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Benedikt die Karfreitagsfürbitte für die Juden in der alten Liturgie neu formulierte und die Exkommunikation für den Holocaust-Leugner Richard Williamson aufhob.

Dabei weigerte sich der Heilige Stuhl bis in die 60er-Jahre, den Staat Israel anzuerkennen. Erst 1994 nahmen beide Seiten volle diplomatische Beziehungen auf. Seither wird über kirchlichen Besitz und dessen Besteuerung verhandelt.

Für Israel ein heikles Unterfangen, denn eine Einigung mit dem Vatikan wäre ein Präzedenzfall. Forderungen anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften würden umgehend folgen. Während eine gemeinsame Kommission an Fortschritten in der Steuerfrage arbeitete, wäre es im vergangenen Jahr vor dem Papstbesuch in der römischen Synagoge beinahe zu einem Zerwürfnis gekommen.

Durch die Anerkennung der für eine Seligsprechung erforderlichen »heroischen Tugenden« von Pius XII. löste Benedikt XVI. heftige Empörung unter römischen Juden aus. Eine Absage der Visite in letzter Minute hätte jedoch zu einer dramatischen Verschlechterung der Beziehungen geführt. Schließlich ist das diplomatische Verhältnis zwischen Israel und dem Vatikan im Unterschied zu anderen bilateralen Beziehungen eine Folge der Kontakte zwischen Juden und Katholiken, nicht zwischen Staaten.

nuntiatur »Asymmetrisch« nennt Lewy das Verhältnis, weil es dabei vor allem um Katholiken in Israel, mithin um interne israelische Angelegenheiten geht. Der Heilige Stuhl wird überdies durch einen Nuntius vertreten, dessen Residenz nicht Botschaft sondern Nuntiatur heißt. Er ist nicht nur für politische Kontakte zuständig, sondern darüber hinaus als Erzbischof ein hoher kirchlicher Würdenträger.

»Juden sind sich häufig nicht bewusst, wie sensibel Katholiken gegenüber Beleidigungen und Misstrauen der jüdischen Seite sind«, erklärt Lewy periodisch auftretende Verstimmungen. Mit der Konzilserklärung »Nostra aetate« ließ die katholische Kirche traditionellen Antijudaismus vor rund 40 Jahren offiziell hinter sich. Doch nicht überall werde die darin enthaltene Forderung nach einem Dialog mit den Juden umgesetzt, moniert der Botschafter, der zugleich Experte für mittelalterliches Mönchtum in Europa und Pilgerwesen in Jerusalem ist. Dies gelte vor allem im Nahen Osten, wo die nationale vielfach die katholische Identität der Kirchen überlagere.

zusammenarbeit »Traditionelle Maßstäbe reichen nicht aus, um dieses einzigartige Verhältnis zu begreifen«, erklärt Mordechay Lewy das komplexe Geflecht aus religiösen und politischen Beziehungen sowohl zwischen den Ländern als auch zwischen den Religionen. Juden und Christen blickten auch heute noch auf eine 2.000 Jahre alte »traumatische Geschichte« zurück.

Israels Lage im Nahen Osten stelle darüber hinaus ein strukturelles Problem für die Beziehungen dar. »Israel schätzt den Papst wegen seiner äußerst freundschaftlichen Haltung gegenüber den Juden«, stellt Lewy fest.

Dabei sind beide Seiten nicht uneingeschränkt zufrieden miteinander. Israel wünscht sich mehr Engagement und Zusammenarbeit im Kampf gegen den Antisemitismus weltweit.

Immerhin verzichtet Rom in letzter Zeit zunehmend darauf, aus israelischer Sicht übermäßig Partei für die Palästinenser zu ergreifen, zu denen die christliche Minderheit in Israel gehört. Der Vatikan hofft seinerseits seit Langem auf einen Abschluss der Verhandlungen mit Israel über Finanzfragen.

Eine Zwei-Staaten-Lösung mit international garantiertem Zugang zu den heiligen Stätten der drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in Jerusalem ist überdies aus römischer Sicht im Friedensprozess unerlässlich. Ein Abschluss der Verhandlungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl ist nicht in Sicht. Allein durch die schrittweise Aussöhnung sind beide Seiten dem Hauptziel der Beziehungen näher denn je.

Mehr Informationen über Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl finden Sie unter www.vatican.mfa.gov.il

Kommentar

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