Meinung

Hitler in der Provinz

Amelie Fried Foto: imago

Die Erschütterung sitzt tief. Am 10. Dezember 2013 lehnte der Gemeinderat des oberbayerischen Ortes Dietramszell mit acht zu acht Stimmen ab, sich von den Ehrenbürgerwürden für Paul von Hindenburg und Adolf Hitler zu distanzieren. Äußerungen wie »das sind doch Uraltgeschichten«, »das ist lachhaft«, »man kann die Geschichte nicht umschreiben« und »das Thema hätte man besser gar nicht auf die Tagesordnung gesetzt« machten die Runde.

Ich lebe mit meiner Familie seit 22 Jahren in Dietramszell. Anfangs fragten uns ein paar Leute, warum wir in dieses »braune Nest« gezogen seien. Wir bezogen das auf die Vergangenheit. Später hörten wir, bis in die 80er-Jahre hinein hätten einige Dietramszeller in einem Wirtshaus Hitlers Geburtstag gefeiert. Wir glaubten es nicht so recht. Nach dem jüngsten Gemeinderatsbeschluss mussten wir uns fragen, ob wir uns 22 Jahre lang etwas vorgemacht hatten.

Symbolisch Bald wurde deutlich, dass im Wesentlichen zwei Gründe zur Ablehnung geführt hatten: Einige wollten der Bürgermeisterin schaden, andere hielten sich an Formaljuristischem fest und verkannten die Bedeutung des symbolischen Aktes. Die Ehrenbürgerwürde sei mit dem Tod erloschen, hieß es, außerdem könne man frühere Entscheidungen nicht nachträglich revidieren.

Hier kommen wir der Sache näher: Die Vorgänger der jetzigen Räte waren häufig Verwandte. Die Frage stellt sich allerdings, welcher Grad an Geschichtsvergessenheit bei Inhabern eines politischen Amtes hinnehmbar ist. Abgesehen von den fragwürdigen persönlichen Motiven der acht Räte demonstriert dieser Vorgang einen Mangel an Verantwortungsbewusstsein, der mit der Pflicht eines Gemeinderates nicht vereinbar ist: Schaden von seiner Gemeinde abzuwehren. Unter dem Druck zahlreicher Proteste aus dem In- und Ausland wurde bei einer späteren Sitzung einstimmig nicht nur die Distanzierung beschlossen, sondern – von meinem Mann und mir in eindringlichen Appellen gefordert – die nachträgliche Aberkennung der Ehrenbürgerwürden.

Wir können nicht beurteilen, ob dieser Beschluss aus strategischen Gründen, aus Opportunismus oder Einsicht erfolgt ist. Was bleibt, ist das Erschrecken darüber, dass es in unserem Heimatort Menschen gibt, die es nicht für nötig hielten, sich vom schlimmsten Massenmörder der Menschheitsgeschichte zu distanzieren. Mit dieser Erkenntnis dort weiterzuleben, ist eine Herausforderung.

Die Autorin ist Schriftstellerin und Moderatorin und lebt in Dietramszell.

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026

Kommentar

Intifada-Party bei der Linken

Für Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, kommt der jüngste Antisemitismus-Skandal ihrer Partei zur Unzeit. Doch ihre Empörung wirkt unglaubwürdig

von Ralf Balke  01.09.2026

Karlsruhe

Mutmaßliche Unterstützer rechtsextremer Terrorgruppe angeklagt

Zwei Jugendliche stehen im Verdacht, die »Letzte Verteidigungswelle« unterstützt und einen Anschlag auf eine Asylunterkunft versucht zu haben. Die Bundesanwaltschaft will sie in Jena vor Gericht sehen

 01.09.2026

Helsinki/Genf

Finnland beendet UNRWA-Finanzierung

Die Regierung in Helsinki will die Hilfsgelder für die palästinensischen Gebiete nicht streichen, sondern künftig über Organisationen weiterleiten, die nicht von der Hamas unterwandert sind

 01.09.2026

Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD, spricht bei dem Wahlkampfauftritt in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern), 28. August

Berlin/Heidelberg

Verdacht der Volksverhetzung: Dachorganisation der Sinti und Roma zeigt Tino Chrupalla an

Es geht um eine Äußerung des AfD-Chefs bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern

 01.09.2026

Madrid

Ceuta-Ansturm: Spanien erhebt Vorwürfe in Richtung Moskau und Jerusalem

Der spanische Regierungschef beschuldigt Netzwerke mit »Verbindungen zu Russland und Israel«, mit Falschmeldungen den Massenandrang auf die Nordafrika-Exklave angeheizt zu haben

 01.09.2026

New York

Met-Gala: Ausstellung mit umstrittenem Designer Galliano abgesagt

Das Event sollte eine Ausstellung zu Ehren des Designers eröffnen. Doch nach der Ankündigung hagelte es wegen des jüngsten Antisemitismus-Vorfalls Kritik

 01.09.2026

Berlin

Grünen-Politiker antisemitisch beschimpft und angegriffen

Daniel Eliasson sagt, der Täter habe versucht, ihn ins Gesicht zu boxen und ihn als »scheiß Juden« beschimpft

 01.09.2026 Aktualisiert

Berlin

Neuer Antisemitismus-Eklat: Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an Linkspartei

Knapp drei Wochen vor der Wahl zum Berliner Angeordnetenhaus sorgt der jüngste Skandal nun auch bei den möglichen Koalitionspartnern SPD und Grünen für Unruhe

 01.09.2026