Trauer

Hildegard Hamm-Brücher ist tot

HIldegard Hamm-Brücher (1921–2016) Foto: dpa

Begonnen hat alles mit fünf Wahlplakaten und etwas selbst gekochtem Plakatierkleister: Im Frühjahr 1948 zieht Hildegard Hamm-Brücher mit 27 Jahren für die FDP in den Münchner Stadtrat ein.

Die Stadt ist zerbombt, die Demokratie im Aufbau und die Stadträtin unerfahren, aber sie will, dass in Deutschland nie wieder Unrecht und Terror regieren. Dieser Vorsatz wird sie begleiten, von den Anfängen in München bis in die Bundespolitik in Bonn und durch ihr gesamtes politisches Leben.

Grossmutter Als Hildegard Brücher wird sie 1921 in Essen geboren, als drittes von fünf Geschwistern. Schon mit elf Jahren wird sie Vollwaise. Während der Kriegsjahre 1940 bis 1945 studiert sie Chemie in München. Sie erlebt, wie sich ihre jüdische Großmutter aus Angst vor Deportation das Leben nimmt.

An ihrer Universität rufen die Mitglieder der »Weißen Rose« zum Widerstand gegen die Nazis auf und bezahlen dafür mit dem Leben. Ihr Doktorvater schützt und fördert sie, obwohl sie nach den Rassengesetzen als »Halb-Jüdin« gilt.

Drei Tage vor ihrem 24. Geburtstag endet der Zweite Weltkrieg, und die junge Frau empfindet die vergangenen Erlebnisse als einen persönlichen Lebensauftrag für die Zukunft. Theodor Heuss, der spätere Bundespräsident, weist ihr auf Schwäbisch den Weg: »Mädle, Sie müsset in die Politik.«

Der Stadtrat in München ist nur der erste Schritt. Hamm-Brücher wird Landtagsabgeordnete in Bayern, später Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium. In der Regierungszeit von Willy Brandt ist sie Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft und während Helmut Schmidts Kanzlerjahren die erste Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Dem Bundestag gehört sie von 1976 bis 1990 an.

Männersache Dies alles zu einer Zeit, als Politik noch als Männersache gilt. Sie schilderte einst in einem Buch, wie das gönnerhafte Verhalten der männlichen Kollegen schnell in persönliche Beleidigungen umschlug, sobald sie es wagte, ihre Meinung zu vertreten. Als »Kampfhenne« schmäht sie etwa CSU-Mann Franz Josef Strauß.

Die Liberale setzt sich dafür ein, Demokratie in Deutschland auszubauen und immer wieder zu verbessern, indem sie die Beteiligung von Frauen fördert. Sie spricht sich dafür aus, Bürger in demokratische Prozesse stärker einzubeziehen. Getreu der Einsicht »Demokratie muss man üben« fördert sie auch Bürgerinitiativen. Mit ganzer Kraft tritt sie für eine »aktive Bürgergesellschaft« ein. Als Mitglied der bayerischen Landessynode hilft sie entscheidend mit, gegen männliche Widerstände die »Frauenordination«, den vollgültigen Zugang der evangelischen Theologinnen zum Pfarramt, durchzufechten.

»Grande Dame« Kritisch betrachtet Hildegard Hamm-Brücher den politischen Betrieb und kommt zu dem Schluss, dass sie statt mit Machtspielerei und Dominanz auch mit Haltung und Beständigkeit wirken kann. Die Gewissensfreiheit des Abgeordneten ist ihr heilig – mehr als die Partei. 2002 zieht sie daraus die Konsequenz und verlässt nach 54-jähriger Mitgliedschaft die FDP, als deren »Grande Dame« sie gilt.

Die anti-israelischen Aussagen von Jürgen Möllemann wollte sie nicht mittragen, mit dem verstorbenen Außenminister und FDP-Chef Guido Westerwelle wurde die überzeugte Liberale nie so richtig warm. 1994 hatte sie als Liberale noch für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert – ihre eigene Partei opfert ihre Kandidatur vor dem dritten Wahlgang aber dem Koalitionsfrieden mit der Union: Roman Herzog wird neuer Bundespräsident.

In den vergangenen Jahren wurde es ruhig um die Ehrenbürgerin der Stadt München, ihre oft spitzen Wortmeldungen wurden weniger. Die Gesundheit machte Hamm-Brücher inzwischen zu schaffen. Die »vielen Zipperlein« erschwerten das Leben im Alter, hat sie vor drei Jahren über sich selbst gesagt. Nun ist die streitbare Demokratin im Alter von 95 Jahren in München gestorben.

zentralrat Der Zentralrat der Juden hat die Nachricht vom Tode Hildegard Hamm-Brüchers mit großer Betroffenheit aufgenommen. Zentralratspräsident Josef Schuster sagte am Freitag in Berlin: »Die langjährige FDP-P0litikerin hat sich über Jahrzehnte hinweg für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt und sich gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit engagiert.«

Nach mehr als 50 Jahren Mitgliedschaft in der FDP habe sie ein starkes Zeichen gesetzt und ihre Partei wegen der israelfeindlichen Aussagen Jürgen Möllemanns verlassen, erklärte Schuster. »Hildegard Hamm-Brücher wird mit ihrem Einsatz für Versöhnung und Verständigung unvergessen bleiben.« (mit ja)

Kommentar

Antisemitismus und Israelfeindlichkeit werden die SPD nicht retten

Die Sozialdemokraten sollten sich nicht an Zohran Mamdani oder Pedro Sánchez orientieren, sondern an einer alten Wahrheit von Bill Clinton

von Stefan Laurin  28.04.2026

New York

Wadephul auf Werbetour bei den Vereinten Nationen

Der deutsche Außenminister führt angesichts der Kriege im Iran und der Ukraine Gespräche bei der UNO. Es geht aber auch um eine für Deutschland wichtige Wahl Anfang Juni

von Jörg Blank, Anne Pollmann  28.04.2026

Toronto

Angriff vor Synagoge, Judaica-Geschäft beschädigt

Ein Gemeindemitglied wird geschlagen, ein Judaica-Geschäft beschädigt

 28.04.2026

Hamburg

Ausstellung zeigt Arbeiten an Ruine des Israelitischen Tempels

Die Finanzbehörde der Hansestadt will das bedeutende Kulturdenkmal dauerhaft erhalten und öffentlich zugänglich machen

 28.04.2026

Berlin

Festakt zur Umbenennung in Margot-Friedländer-Platz

Der Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhauses wird zum 7. Mai umbenannt

 28.04.2026

Terror

Verfassungsschutz warnt vor Gefahr durch proiranische Extremisten in Europa

Politiker schlagen Alarm. Konstantin von Notz von den Grünen spricht von einer »neuen Dimension der Bedrohung«

 28.04.2026

Berlin

Gericht stoppt Extremismus-Einstufung von »Jüdischer Stimme«

Das Berliner Verwaltungsgericht stellt zwar fest, der Verein verneine das Existenzrecht Israels und zeige teilweise Verständnis für Gewalt gegen den jüdischen Staat, urteilt aber gegen seine Einstufung als extremistisch

 28.04.2026

Washington D.C.

Marco Rubio: In Teheran herrscht Dysfunktion

Der amerikanische Außenminister wirft der iranischen Regierung mangelnde Verlässlichkeit vor

 28.04.2026

Vereinte Nationen

Welche Chancen hat diese Frau?

Erstmals könnte eine Frau neue UN-Generalsekretärin werden. Mit im Rennen ist Rebeca Grynspan aus Costa Rica. Sollte sie gewählt werden, wäre sie auch die erste jüdische Person im Amt

von Michael Thaidigsmann  28.04.2026