Jubiläum

Herzls Traum

»In Basel habe ich den Judenstaat gegründet«: Theodor Herzl im August 1897 während des Ersten Zionistenkongresses. Foto: picture-alliance / akg-images

Jubiläum

Herzls Traum

Vor 125 Jahren traf sich in Basel der Erste Zionistenkongress – und schuf die Grundlagen für den Judenstaat

von Michael Brenner  29.08.2022 10:12 Uhr Aktualisiert

Auf dem Weg zum Ersten Zionistenkongress nach Basel musste Theodor Herzl einige Hindernisse überwinden. Zunächst einmal plante der Begründer des politischen Zionismus den Kongress aufgrund der günstigen Verkehrsanbindung und der zentralen Lage eigentlich in München. Er hatte schon die Einladungen drucken lassen, als ihm klar wurde, dass die dortige Israelitische Kultusgemeinde wie auch der deutsche Rabbinerverband, der damals liberale und orthodoxe Rabbiner umfasste, das Treffen mit allen Mitteln verhindern würden. Schließlich betrachtete man sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, und wozu brauchten die Angehörigen einer Religionsgemeinschaft einen eigenen Staat?

Hinzu kam die religiöse Überzeugung der Orthodoxen, dass nur der Messias die Juden in ihre angestammte Heimat zurückführen kann – und gewiss kein säkularer Journalist, der seinen Sohn nicht beschneiden ließ und zu Hause einen Weihnachtsbaum stehen hatte. Am Ende wich Herzl nach Basel aus. So gibt es also heute keine München-Straße in Tel Aviv, sondern eine Rechov Basel.

Respekt Als Herzl in Basel angekommen war, stellte er fest, dass der vorgesehene Tagungsort ein verrauchter Bierkeller war, der dem feierlichen Anlass in keiner Hinsicht gerecht wurde. Denn die neue Bewegung musste erst um Respekt kämpfen. Aus diesem Grund schickte Herzl auch den zweiten Mann an der Spitze der Bewegung, den Schriftsteller Max Nordau, noch einmal zurück ins Hotel, als er am neuen Tagungsort, dem festlichen Stadtcasino, in einem einfachen Gehrock auftauchte statt im Frack, wie Herzl dies wollte, denn: »Die Feiertagskleider machen die meisten Menschen steif. Aus dieser Steifheit entstand sofort ein gemessener Ton.«

Als Autor von Bühnenstücken inszenierte Herzl auch den Zionistenkongress wie ein Theaterschauspiel.

Herzl verstand sich auf die Details. Als Autor von Bühnenstücken inszenierte er auch den Zionistenkongress wie ein Theaterschauspiel. Er wusste: Wenn der Zionismus eine respektable politische Bewegung werden wollte, musste er sich richtig in Szene setzen. Die Darsteller waren nicht die reichen Barone Rothschild und Hirsch, um deren Gunst er sich vergeblich bemüht hatte, sondern etwa 200 zumeist aus Osteuropa stammende Delegierte. Er nannte sie etwas despektierlich und liebevoll zugleich seine Armee von Schnorrern, doch es waren zumeist gebildete Personen aus der bürgerlichen Mittelschicht.

Der Kongress verabschiedete das Basler Programm, dessen Kernpunkt lautet: »Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.« Was genau eine Heimstätte sein würde, blieb offen. Wie stellte sich Herzl seinen Judenstaat – so der Titel seiner programmatischen Schrift von 1896 – vor? Von einem unabhängigen Staat war noch keine Rede, der Name »Israel« tauchte nicht auf. Er selbst nannte die neue Heimstätte das »Siebenstundenland«, und die von ihm selbst gezeichnete Fahne sah entsprechend aus: »Ich denke mir eine weisse Fahne mit sieben goldenen Sternen. Das weisse Feld bedeutet das neue, reine Leben; die Sterne sind die sieben goldenen Stunden unseres Arbeitstages.«

Menschheit Herzl hatte viel mehr als nur eine »Lösung der Judenfrage« im Sinn. Ihm ging es um ein »Experiment zum Wohle der ganzen Menschheit«. Es war ein »Musterstaat« voller sozialer Verbesserungen, wie er ihn 1902 in seinem Roman Altneuland detailliert ausmalte. Man fährt mit der Schwebebahn durch Haifa, erhält seine Informationen aus einer »Telephonzeitung« (fast wie im modernen Internet) und arbeitet sieben Stunden am Tag. Tagsüber kann man in einem Wiener Kaffeehaus eine Melange trinken, abends »in die Oper oder in das deutsche, englische, französische, italienische, spanische Theater gehen«.

In seinem Siebenstundenland sollte jeder die Sprache sprechen, die man gewohnt war. Nur kein Jiddisch, denn das war für Herzl wie für so viele deutschsprachige Juden keine Sprache, sondern ein »Jargon«. Hebräisch gesprochen wurde übrigens auch auf den Zionistenkongressen nicht. »Wir können doch nicht Hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiss genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu verlangen?«, schrieb er im Judenstaat.

Für alle, Juden und Nichtjuden, war Platz in Herzls »Siebenstundenland«.

Eines lag Herzl besonders am Herzen: Für alle, Juden und Nichtjuden, war Platz in seiner »Neuen Gesellschaft«, nur eine Gruppe blieb für ihn ausgeschlossen: jene Fanatiker, die einen Judenstaat wollten, in dem Nichtjuden keine gleichen Rechte genossen. Manche Politiker, die heute vor ihrem Herzl-Porträt in ihren Jerusalemer Büros sitzen, sollten sich ihren Herzl einmal genau durchlesen.

Der Zionistische Kongress wurde für Herzl und seine Mitstreiter übrigens ein Erfolg. Am Ende notierte er in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es Jeder einsehen.«

Herzl hatte sich knapp vertan. Im Mai 1948 rief David Ben-Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus. Über ihm hing ein überlebensgroßes Porträt Theodor Herzls.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur.

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  15.06.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Nahost

Hisbollah: Waffenruhe gilt auch für Libanon

Die geplante 60-tägige Waffenruhe zwischen den USA und Iran gelte auch für den Libanon, behauptet die Terror-Miliz. Doch eine Bestätigung gibt es dafür nicht

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Berlin

Streit um die Landesansprechperson für Antisemitismus

Recherchen des »Tagesspiegel« zufolge geht es bei der Suche nach einem Antisemitismusbeauftragten für die Berliner Hochschulen längst nicht mehr nur um die Belange der jüdischen Studierenden, sondern auch um Politik

 15.06.2026

Diplomatie

Macron will schnell Minen in Straße von Hormus räumen

Noch ist die Tinte nicht auf dem Abkommen zwischen den USA und Iran, doch Frankreichs Präsident signalisiert seine Bereitschaft »sehr schnell zu handeln«

 15.06.2026

Wirtschaft

Iran will Gebühren für Straße von Hormus verlangen

US-Präsident Donald Trump hat die Straße von Hormus für geöffnet erklärt. Aber Details eines US-Iran-Rahmenabkommens sind noch unklar. Im Iran fordern Stimmen Gebühren für die Durchfahrt der Meerenge

 15.06.2026

Meinung

Ein beschämender Deal

Israel und die USA haben den Iran zwar militärisch geschwächt. Dennoch haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht. Mit dem sich nun abzeichnenden Abkommen belohnt Präsident Donald Trump das mörderische Mullah-Regime

von Michael Roth  15.06.2026

Nahost

Die Stolpersteine beim Abkommen zwischen den USA und Iran

Die Umsetzung des Gaza-Abkommens steckt fest, Israel will seine Truppen aufgrund des Verhaltens der Terrororganisation Hisbollah nicht aus dem Libanon abziehen. Droht dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran das gleiche Schicksal?

 15.06.2026