Vision

Gut gemacht, Israel!

Ein kleines Vögelchen hat es uns gezwitschert, die Kristallkugel hat uns den Blick freigegeben: Der nächste Nahostkrieg wird am 18. März pünktlich um 5.28 Uhr in der Frühe beginnen. Dann werden ein Dutzend Düsenjäger in Israel abheben, raus aufs Mittelmeer fliegen, dort die Kurve kriegen und auf dem kleinen Umweg über Ägypten und Saudi-Arabien den Iran ansteuern. Sie werden sich in der Luft auftanken lassen und versuchen, mit ein paar gut gezielten Bomben die Atomanlagen in Natanz und Buschehr plattzumachen. Auf dem Rückweg werden die Israelis auf die Schnelle in Saudi-Arabien zwischenlanden und ihre Tanks auffüllen lassen.

Und nun haben wir leider ein kleines Problem: Das kleine Vöglein beißt den Schnabel fest zusammen, was die militärische Seite der Angelegenheit betrifft. Auch unsere Kristallkugel beschlägt auf der Stelle, sobald wir Details in Augenschein nehmen wollen. Wir können den Lesern der Jüdischen Allgemeinen also nicht mit Auskünften dienen, ob die israelische Luftwaffe alle ihre Ziele treffen wird oder ob das Unternehmen vom 18. März in einem militärischen Desaster endet.

Postmodern Allerdings braucht man gar keinen prophetischen Singvogel, um Folgendes zu kapieren: Die Islamische Republik Iran wird auf den israelischen Luftangriff nicht mit Seufzen und Augenrollen reagieren. Sie wird alle Hunde des Krieges laut kläffend von der Leine lassen. Soll heißen: Terroranschläge auf jüdische und amerikanische Einrichtungen in ganz Europa, wütende Revolten schiitischer Milizen im Irak, massive Raketenangriffe der Hisbollah auf Nordisrael, auch die Hamas wird nicht lange stillhalten. Aber es gibt noch andere, noch schlechtere Nachrichten. Denn die postmodernen Kriege der Gegenwart werden nicht mehr auf dem Schlachtfeld allein gewonnen. Mindestens ebenso wichtig ist, was über die Fernsehschirme flimmert und was sich im Internet breitmacht. Und hier fängt unser kleines Vögelchen plötzlich wieder an zu trällern, und unsere Kristallkugel wird mit einem Mal sehr klar.

Voilà: Nur Stunden nach der israelischen Attacke wird die Generalvollversammlung der UN eine Protestresolution verabschieden. Hillary Clinton, Amerikas Außenministerin, wird ihre Augenbrauen hoch ins Haar ziehen. Präsident Barack Obama tritt vor die Presse und teilt mit, das Weiße Haus sei »nicht glücklich« über Jerusalems Entscheidung. FAZ, Süddeutsche, Corriere della Sera und New York Times werden in wortreichen Leitartikeln übereinstimmend bedauern, dass der jüdische Staat leider wieder einmal völlig »überreagiert« habe. Experten werden auf sämtlichen Podien behaupten, die Israelis hätten halt mit der iranischen Bombe leben müssen – und rasenden Applaus dafür ernten.

Humus Die deutsche Friedensbewegung wird Mahnwachen mit Kerzen und Leintüchern halten. Auf den Leintüchern werden, mit germanischen Runen verziert, die Worte stehen: »Israel – lerne aus der Geschichte und liebe deine Feinde!« Die skandinavischen Länder werden geschlossen ihre diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem abbrechen und beschließen, künftig keinen jüdischen Humus mehr einzuführen. Der Deutsche Bundestag wird sich höflich, aber einstimmig von Israel distanzieren. Der Außenminister wird in die Kameras sagen, zu einer Freundschaft gehöre, dass man einem Freund gelegentlich auch ein paar deutliche Worte ins Gesicht sage – zum Beispiel: »So nicht, Israel!«

Kurzum, es wird mitten im Raketenhagel so aussehen, als habe der jüdische Staat keinen Freund mehr auf der Welt. Aber dann – im Zeitalter von Wikileaks lässt sich ja nichts verbergen – werden immer mehr verstörende Geheimnisse durchsickern. So wird man erfahren, dass der ägyptische Präsident gleich nach dem israelischen Luftangriff bei Premier Netanjahu angerufen und ihn, vor Rührung schniefend, der Dankbarkeit seiner gesamten Nation versichert hat. Der jordanische König war gleich nach ihm an der Strippe. Der saudische Monarch, der gerade in Washington auf Staatsbesuch weilte, ließ sich prompt zur Residenz des israelischen Botschafters kutschieren, fiel ihm hinter verschlossener Tür um den Hals und bedeckte ihn mit feuchten Küssen. Der Emir von Kuwait soll per FedEx einen Blumenstrauß und koschere Pralinen geschickt haben.

All dies wird man auf Blogs und in Internetgazetten nachlesen und auf wackeligen YouTube-Videos verfolgen können. Aber am Ende wird die Republik Indien öffentlich zu dem Konflikt Stellung nehmen. Die Präsidentin der größten Demokratie der Welt, ihre Exzellenz Pratibha Devisingh Patil, wird sagen, dieser Krieg sei so tragisch wie jede bewaffnete Auseinandersetzung, aber Israel habe der menschlichen Zivilisation mit seinem Militärschlag einen großen Dienst erwiesen: »Das iranische Regime hat mit dem Feuer gespielt.« Und nach dieser Stellungnahme wird die deutsche Friedensbewegung furchtbar betroffen sein.

Shelly Meyer

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