London/Washington

Giuffres Vermächtnis: Epstein-Opfer warten auf Gerechtigkeit

Virginia Giuffre Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

»Innerlich schreit man, weiß aber nicht, wie man es rauslassen soll«, sagt Virginia Giuffre in einem ihrer vielen Interviews - ihr Blick entschlossen, ihre Worte unerschrocken. »Man wird zu einer gefühllosen Gestalt«. Am Ende gehorche man einfach. Denn das sei oft einfacher, als über das Geschehene zu sprechen, sagt die damals 36-Jährige 2019 dem »Miami Herald«. Sie spricht über Jeffrey Epstein.

Mit dem Mut, irgendwann doch über die an ihnen begangenen Verbrechen zu sprechen, zwang Giuffre gemeinsam mit anderen Frauen einen der weitreichendsten Fälle massiver sexueller Gewalt an die Öffentlichkeit. Giuffre gilt als eines der prominentesten Opfer des Missbrauchsskandals um den Sexualstraftäter. Vor knapp einem Jahr, am 25. April 2025, schockierte ihr plötzlicher Tod Menschen weltweit. Auf ihrer Farm in Westaustralien nahm sich Giuffre im Alter von 41 Jahren das Leben.

Jahrelang hatte der 2019 in Haft gestorbene jüdische Investor einen Missbrauchsring betrieben. Hunderte Frauen und Mädchen fielen diesem zum Opfer - die genaue Zahl der Betroffenen ist bis heute unklar.

Machtmissbrauch und Menschenhandel

Wenige Monate nach Giuffres Tod zeichnen die schier unzähligen Akten, Fotos und Videos ein verstörendes Bild von Gewalt, Machtmissbrauch und Menschenhandel. Epstein pflegte beste Kontakte in die High Society, Berühmtheiten gingen bei ihm ein und aus. Zu neuen Anklagen kam es in den USA aber nicht. In anderen Ländern kam es auf politischer Ebene vereinzelt zu Rücktritten und Festnahmen. Unter anderem in Großbritannien, Polen und Frankreich wird ermittelt. Besteht ein Jahr nach Giuffres Tod die Chance auf Gerechtigkeit?

Wie Giuffre machten im Laufe der Zeit immer mehr Frauen ihre Missbrauchserfahrungen publik, ihr Feldzug gegen mächtige Männer ermutigte dabei viele. Dem britischen Ex-Prinzen Andrew Mountbatten-Windsor warf sie vor, sie mehrmals vergewaltigt zu haben - und brachte ihn letztendlich zu Fall. Der jüngere Bruder von König Charles III. verlor im Laufe der Zeit alle Titel und Ehren. Mountbatten-Windsor bestreitet die Vorwürfe, Berichten zufolge einigten sich beide auf einen millionenschweren Vergleich.

Lange hatten viele Betroffene und ihre Anwälte die Veröffentlichung sämtlicher Ermittlungsakten zu Epstein gefordert. Auf die schrittweise Publikation folgte dann jedoch primär Ernüchterung: Die Erkenntnisse waren durch die vielen Schwärzungen beschränkt. Dafür wurden teils Namen und sogar Kontaktdaten von Opfern veröffentlicht - »versehentlich«, wie die damalige US-Justizministerin Pam Bondi sagte.

Tätern und Komplizen

Eine von ihnen ist Annie Farmer. Ihr Geburtsdatum und ihre Telefonnummer sind Berichten zufolge in den Akten zu sehen gewesen. »Es fällt schwer, sich auf die neuen Informationen zu konzentrieren, die ans Licht gekommen sind, weil das Justizministerium den Überlebenden durch diese Art der Enthüllung so großen Schaden zugefügt hat«, sagte sie zuletzt der BBC.

Laut der Präsidentin der US-Organisation »National Organization for Women« (Now), Kim Villanueva, ist das gefährlich. »Es entsteht der Eindruck, dass man keinen Schutz erhält, wenn man sich meldet«, sagte Villanueva der BBC. Now hatte sich immer wieder für die Freigabe der Akten eingesetzt.

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Opfer seien nicht genug geschützt worden, während die Namen von Tätern und Komplizen unkenntlich gemacht worden seien, kritisierte auch der demokratische Kongressabgeordnete Jamie Raskin. Einige der Opfer hätten sich öffentlich zum Missbrauch geäußert, viele jedoch nicht. »Viele hatten ihre Peinigung geheim gehalten, sogar vor Familie und Freunden« - das Justizministerium habe dennoch ihre Identitäten mit der Welt geteilt.

Mehrmals vergewaltigt

Auch bei Juliette Bryant gelangten sensible E-Mails an die Öffentlichkeit, erzählt sie dem Sender Sky. Bryant hatte ähnlich wie Giuffre, Farmer und viele andere Frauen immer wieder über den ihr widerfahrenen Missbrauch berichtet. Als junge Studentin und angehendes Model sei sie 2002 von Epstein rekrutiert worden, mehrmals habe er sie vergewaltigt.

»Der einzige Grund, warum die Epstein-Akten öffentlich zugänglich sind, warum wir von diesem Fall wissen, ist, dass die Überlebenden immer wieder ihre Stimme erhoben haben«, sagt die auf sexualisierte Gewalt spezialisierte Medienforscherin Lindsey Blumell der Deutschen Presse-Agentur. Dabei dürfe man allerdings nicht vergessen, dass es traumatisierend sein könne, »diese Erfahrungen immer wieder durchleben« zu müssen.

Für Bryant ist auch die stetige Präsenz des Falls nur schwer auszuhalten. Egal, wo sie hinschaue, überall sehe sie Epstein, sagte sie dem Sender Sky weiter. In manchen Momenten werde ihr davon »körperlich übel«. Epsteins Gesicht sei »ständig präsent, und es gibt keinen Weg, dem zu entkommen.«

Bislang kaum Verurteilungen

Aus Sicht der Expertin hat sich zumindest im Laufe der Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung des Falls viel geändert. In der Berichterstattung der frühen und mittleren 2000er-Jahre sei Virginia Giuffre oft noch als »Masseurin« dargestellt worden, erklärt Blumell. Inzwischen habe sich das gebessert.

Nun sei man jedoch an einem Punkt angelangt, an dem es genug Berichte über die unzähligen Straftaten gebe. »Einige Konsequenzen müssen für diejenigen folgen, die beschuldigt wurden«, sagt Blumell. Bisher seien zu wenige Leute für ihre Taten belangt worden, meint auch Now-Chefin Villanueva.

Epstein war 2008 wegen der Prostitution Minderjähriger verurteilt worden und musste wenige Monate ins Gefängnis. Einer weiteren Verurteilung nach den Enthüllungen zum enormen Ausmaß der Verbrechen entging der Multimillionär durch seinen Tod in der Zelle. Seine Gehilfin Ghislaine Maxwell wurde 2022 zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Die Hoffnung auf Konsequenzen, das war auch für Giuffre stets ein wesentlicher Antrieb. Ganz heilen werde sie jedoch nie, sagt sie 2019 dem »Miami Herald«. »Es gibt Teile von mir, die sich nie wieder zusammensetzen lassen.« Doch darüber zu sprechen sei wichtig, egal, wie lange der Missbrauch her ist. Denn am Ende würden die Täter ihre Strafe bekommen, war sich Giuffre damals sicher: »Denn wir Mädchen werden nicht einfach hier sitzen und zulassen, dass das immer weiter passiert.« (mit ja)

The OpenAI logo is displayed on a mobile phone screen in this photo illustration, as artificial intelligence tools continue to expand across consumer and business applications in Brussels, Belgium, on February 28, 2026. (Photo by Jonathan Raa/NurPhoto)

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