Dialog

Gemeinsame Zukunft

Buber-Rosenzweig-Medaille: Die Auszeichnung wird seit 1968 zum Auftakt der »Woche der Brüderlichkeit« verliehen. Foto: dpa

Die diesjährige Woche der Brüderlichkeit steht unter dem Motto »Freiheit – Vielfalt – Europa«. Die Juden und Europa? 1939, wenige Tage nach Hitlers Überfall auf Polen, schloss der Philosoph Max Horkheimer in New York einen Aufsatz mit dem Titel »Die Juden und Europa« ab, der von tiefstem Pessimismus durchtränkt war: »Die Hoffnung der Juden, die sich an den Zweiten Weltkrieg heftet, ist armselig. Wie er auch enden mag, die lückenlose Militarisierung führt die Welt weiter in autoritär-kollektivistische Lebensformen.«

In den späten 60er-Jahren notierte der innerlich zerrissen nach Deutschland zurückgekehrte Horkheimer: »Wir jüdische Intellektuelle, die dem Martertod unter Hitler entronnen sind, haben nur eine einzige Aufgabe, daran mitzuwirken, dass das Entsetzliche nicht wiederkehrt und nicht vergessen wird.«

lebendes mahnmal
Ist das auch künftig die Aufgabe des Judentums, Europa ein lebendes Mahnmal zu sein? Und das angesichts der Tatsache, dass die Lage der Juden in Europa gegenwärtig überaus kritisch ist? Beunruhigende Nachrichten kommen nicht nur aus der Ukraine, wonach sich unter den Aufständischen auf dem Maidan von Kiew Antisemiten befinden, sondern auch Statistiken aus Frankreich, nach denen mehr und mehr Juden wegen des tätlich gezeigten Judenhasses islamistischer Jugendlicher das Land verlassen und nach Israel emigrieren.

Gleichwohl ist das Bild zwiespältig: So übersteigt schon heute die Zahl in Berlin lebender jüdischer Israelis die Anzahl der registrierten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Andererseits sind sich Demografen angesichts einer weiterhin wachsenden Anzahl interkonfessioneller Ehen und einer Überalterung der Juden unschlüssig, ob ein europäisches Judentum überhaupt eine Zukunft hat. Demografische Berechnungen sind Glückssache – sie haben nur dann Bestand, wenn alles so weitergeht, wie es bisher weitergegangen ist.

vergangenheit Womöglich ist es in dieser Situation sinnvoll, sich der Vergangenheit zu versichern – einer Vergangenheit, die weiter zurückreicht als die Schoa, weiter auch als die gar nicht so glanzvollen Zeiten der »deutsch-jüdischen Symbiose« im späten 18. und 19. Jahrhundert. Immerhin lebten Juden lange vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer auf europäischem Boden: Im jüdisch-christlichen Gespräch steht dafür der Brief des Apostels Paulus an die Römer, also an eine Gemeinde jesusgläubiger Juden und Nichtjuden, denen Paulus eindringlich rät, sich der ungekündigten Erwählung Israels bewusst zu bleiben.

Vermutlich – hier streiten die Exegeten – wurde dieser Brief etwa im Jahr 50 verfasst. Jüdisches Leben in Rom ist zudem schon aus vorchristlicher Zeit bezeugt. Aber auch im Norden des römischen Reiches, in Köln, ist eine jüdische Ansiedlung durch Steuerlisten aus dem frühen 4. Jahrhundert belegt. Und so sehr es zutrifft, dass seit der Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend europäische Fürsten und Bürger der in Europa gelegenen Länder Juden immer wieder drangsaliert, vertrieben und umgebracht haben, so falsch wäre es, Europa grundsätzlich als einen schon immer judenfeindlichen geografischen Raum anzusehen.

koexistenz Das wäre nicht einmal dann richtig, wenn man »Europa« als »christliches Europa« begriffe und die Jahrhunderte währende friedliche Koexistenz von Juden, Muslimen und Christen in den Königreichen Granada, Kastilien und Aragon wegen ihrer muslimischen Hegemonie nicht zu Europa zählte. Schließlich: Bei allen diskriminierenden Handlungen christlicher Herrscher und der Kirche lebten jüdische Gemeinden in den europäischen Ländern im ersten Jahrtausend der Zeitrechnung mehr oder minder unbehelligt, jedenfalls nicht ghettoisiert.

Im öffentlichen Gespräch hat man sich daran gewöhnt, von der jüdisch-christlichen Kultur Europas zu sprechen, ohne jemals genauer zu sagen, was das eigentlich heißen soll. Gemeint ist vermutlich, dass Europa in seinen Werten, Überzeugungen und Künsten wesentlich christlich geprägt ist, man aber inzwischen verstanden hat, dass sich vom Christentum nicht sinnvoll sprechen lässt, ohne auf seine jüdischen Wurzeln hinzuweisen.

heimat
Was der Beitrag jüdischer Gemeinschaften zu dem in Krisen und Widersprüchen entstehenden europäischen Haus, zu der hochkomplexen europäischen Gemeinschaft sein kann und sein wird, ist heute noch nicht abzusehen. Zu wünschen wäre jedenfalls, dass die Juden Europas in dieser entstehenden politischen Gemeinschaft ihre Heimat, ihr Vater- und Mutterland erkennen, eine Heimat, für deren Verfassung und Vielfalt sich einzusetzen lohnt.

Das Judentum steht als Religion und Philosophie mit den Propheten der Hebräischen Bibel und den Noachidischen Gesetzen der Rabbinen für die Verwirklichung universellen Rechts und universeller Menschenwürde auf der ganzen Erde, der ganzen globalisierten Welt ein. Ein »sacro egoismo« ist dem Judentum, wie schon Martin Buber sagte, fremd. Universelles Recht, das Recht auf Rechte für alle Menschen – das ist es, wofür Jüdinnen und Juden beim Bau des europäischen Hauses eintreten können.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und Publizist.

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