Meinung

Gegen böse Tiere und streikende Lokführer

Rabbiner Walter Rothschild Foto: Mike Minehan

Sechs Tage sollst du arbeiten», steht in den Zehn Geboten, «und am siebenten Tag sollst du ruhen.» Von Streiks wurde nicht gesprochen. Ein Arbeitstag soll eigentlich ein Arbeitstag sein, ein Ruhetag ein Ruhetag. Doch während ich diese Zeilen schreibe (ich bin Freiberufler, ich darf nicht streiken), hören viele von uns besorgt die Nachrichten an. Welche Züge werden in den nächsten Tagen durchs Land fahren – und welche wegen streikender Lokführer auf Abstellgleisen warten?

Schon vor zwei Wochen musste ich darüber nachdenken, einen Tag früher von Berlin zu meinen Gemeinden nach Schleswig-Holstein aufzubrechen und dort zu übernachten, weil es unsicher war, ob ich die Fahrt an einem Vormittag schaffen könnte; schon einmal musste ich sehr kurzfristig (und sehr teuer) um Mitternacht ein Flugticket kaufen, weil um 22 Uhr entschieden wurde, meinen Fernzug am folgenden Tag zu annullieren; schon mehrmals habe ich (gegen meinen Willen) online nach Fernbus-Verbindungen gesucht. Ich habe schon eine bitterböse E-Mail an die Gewerkschaft der Lokführer geschrieben, um sie zu fragen, was ich eigentlich mit ihrer Sache zu tun habe. Natürlich gab es keine Antwort.

partikularinteressen Was mich ärgert: Es geht hier überhaupt nicht um soziale Gerechtigkeit, um Arbeitsplätze und faire Löhne, sondern nur um Partikularinteressen. Bei der Gewerkschaft der Lokführer wollen einige große Platzhirsche angeblich auch eine «Gewerkschaft der Speisewagenkellner und der Zugschaffner» aufbauen. Obwohl die schon eine Gewerkschaft haben.

Was sollen die Pioniere der Gewerkschaftsbewegung nur denken? Die Helden (und viele von ihren waren jüdisch, wenn auch nicht sehr religiös) kämpften für die Rechte der Arbeiterklasse, für Lohn und Brot und Gerechtigkeit. Für einen Arbeitstag von «nur» 14 Stunden, für eine Woche Urlaub im Jahr. Für Schutz gegen gefährliche Maschinen, für Altersrente, für Witwenrente, falls die Brotverdiener durch harte Arbeit, Tuberkulose oder Betriebsunfälle früh starben. Wie man in England sagt: «Wären sie noch am Leben, würden sie sich in ihren Gräbern umdrehen!»

Ich kann nur hoffen, dass die Lokführer sich eines Besseren besinnen. Sonst muss man eine neue Version von «Tefillat Haderech» schreiben: «O Ewiger, halte von uns Reisenden Feinde, böse Tiere und übereifrige Gewerkschafter fern, damit wir in Frieden an unser Ziel kommen können.»

Der Autor ist Landesrabbiner in Schleswig-Holstein und lebt in Berlin.

Video

Aufruf zur Solidarität nach Angriff auf Restaurant

Nach dem Anschlag auf das israelische Restaurant »Eclipse« gehen die Ermittler von einem antisemitischen Motiv aus. Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Münchens ist vor Ort und appelliert an die Gesellschaft

von Jan Feldmann  10.04.2026

Halle

Fall Liebich: Tschechische Polizei will Auslieferungsantrag

In Deutschland und später auch europaweit war seit August 2025 nach der verurteilten Rechtsextremistin gesucht worden. Nun wurde sie in Tschechien gefasst. Wie es jetzt weitergehen soll

 10.04.2026

Weimer

Gericht untersagt Demo vor Buchenwald-Gedenkstätte

Die Initiative »Kufiyas in Buchenwald« darf nicht vor der Gedenkstätte protestieren. Was das Verwaltungsgericht Weimar zur Verknüpfung von Holocaustgedenken und aktuellen Konflikten sagt

 10.04.2026

Iran-Krieg

Hält die Waffenruhe?

In Pakistan wollen die USA und der Iran ab heute über eine dauerhafte Friedenslösung beraten. Doch vorab gibt es bereits Streit über wichtige Punkte

 10.04.2026 Aktualisiert

Bayern

Anschlag auf israelisches Lokal in München

Drei Einschläge an den Fenstern, laute Knalle: Unbekannte beschädigen ein israelisches Lokal in München. Der Staatsschutz ermittelt

 10.04.2026 Aktualisiert

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime gewaltsam begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Washington

Berichte: Iran bricht Kontakt mit US-Seite ab

Wenige Stunden vor Ablauf seines Ultimatums droht US-Präsident Trump dem Iran mit harschen Worten. Laut Berichten zieht Teheran daraus Konsequenzen

 07.04.2026

New York

Russland und China stimmen gegen UN-Resolution zur Straße von Hormus

Seit dem Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran ist die Meerenge für die Handelsschifffahrt weitgehend blockiert. Eine UN-Resolution zur Entschärfung der Lage ist nun gescheitert

 07.04.2026

Washington

Trump: »Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht untergehen«

Mit Drohungen hat der US-Präsident bereits in den Tagen vor Ablauf seiner Frist versucht, den Druck auf den Iran zu erhöhen. Nun legt er noch einmal nach

 07.04.2026