Kommentar

Gefährliche Stille

Esther Schapira Foto: imago/epd

Kommentar

Gefährliche Stille

Esther Schapira fordert, der Verunglimpfung von Journalisten endlich Einhalt zu gebieten

von Esther Schapira  15.07.2021 13:59 Uhr Aktualisiert

Schon wieder einer von uns. Fünf Schüsse. Am helllichten Tage mitten in Amsterdam. Dieses Mal wurde der Journalist Peter R. de Vries Opfer eines Anschlags. Seit Jahren kämpfte er gegen die organisierte Kriminalität und wusste um die damit verbundene Gefahr. 2016 war sein Kollege, der niederländische Blogger Martin Kok, getötet worden, 2017 Daphne Caruana Galizia in Malta, 2018 Jan Kuciak in der Slowakei und in diesem April Giorgos Karaivaz in Athen.

Wer investigativ unterwegs ist, und das ist unsere vornehmliche Aufgabe, hat viele mächtige Feinde. Diktator Lukaschenko ließ gleich ein ganzes Flugzeug entführen, um des Journalisten Roman Protassewitsch habhaft zu werden. Ihm droht in seiner Heimat Belarus die Todesstrafe. In nur zwölf von 180 Ländern bewertet »Reporter ohne Grenzen« die Pressefreiheit als gut – so wenige wie noch nie.

bedrohung Deutschland gehört nicht mehr dazu. Auch bei uns gibt es die Bedrohung durch organisierte Kriminalität und durch autoritäre Machthaber und ihre Gefolgsleute. Der im Exil lebende türkische Journalist Erk Acarer wurde gerade im Hof seines Wohnhauses in Berlin attackiert, vermutlich von Schergen Erdogans.

Der deutsche Abstieg in der Rangliste der Pressefreiheit aber ist vor allem auf die vielen Angriffe bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen zurückzuführen.

Der deutsche Abstieg in der Rangliste der Pressefreiheit aber ist vor allem auf die vielen Angriffe bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen zurückzuführen. Hier trägt Früchte, was seit Jahren mit rechter Hetze vorbereitet wird. Die Verbreitung von Fakten wird als Zumutung der »Lügenpresse« abgewehrt.

Holocaustleugner und Fremdenfeinde, Antisemiten und andere Verschwörungserzähler haben den Sprung in Parlamente und Institutionen geschafft. Richter gehören zu ihnen. Und Polizisten. Sie kratzen an den Pfeilern der Demokratie, an Legislative, Judikative und Exekutive.

»gesinnungscheck« Und sie attackieren die »vierte Gewalt« – wie der CDU-Spitzenkandidat in Südthüringen, der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der den Hass auf uns schürt mit seinem Geraune vom »Gesinnungscheck« für Journalisten.

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet schweigt dazu. Unerträglich und gefährlich. Freiheit zerbricht nicht an der Stärke ihrer Gegner, sondern an der Schwäche ihrer Verteidiger. Auch die Pressefreiheit.

Die Autorin ist Publizistin in Frankfurt.

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 02.10.2026

Sacramento

Kalifornien führt »jüdisch« als ethnische Kategorie ein

Gouverneur Gavin Newsom unterschrieb mehrere Gesetze, die für Juden in dem Bundesstaat relevant sind

 02.10.2026

Essay

Die Demokratie gegen ihre Abschaffung verteidigen

Warum die AfD als Partei verboten werden müsste – und weshalb das eben nicht undemokratisch ist

von Stephan Lehnstaedt  02.10.2026

Delft/Niederlande

Publikum beschimpft Angehörige eines Hamas-Opfers bei »NAZA«-Vorführung

Sabine Tassa, deren Ehemann und Sohn am 7. Oktober 2023 ermordet wurden, kritisiert die Doku. Das Publikum will nichts davon hören

 02.10.2026

Jerusalem

Herzog über mögliche Linken-Regierung in Berlin: »Das ist äußerst verstörend«

Im ausführlichen Interview mit der WELT spricht der israelische Präsident auch über den »Fly Dubai«-Angriff, den Iran und das britische Embargo gegen sein Land

 02.10.2026

Genf

Sharabi fordert UN-Menschenrechtsrat zur Anerkennung von Geiselmisshandlungen als Folter auf

»Mein Name ist Eli Sharabi. Ich bin ein Überlebender von Folter«, so der ehemalige Verschleppte vor dem Gremium

 02.10.2026