Antisemitismus

»… geben wir euch keine Ruhe!«

Die verrußte Wand der Wormser Synagoge Foto: ddp

Antisemitismus

»… geben wir euch keine Ruhe!«

Nach dem Brandanschlag auf ihre Synagoge macht sich unter Wormser Juden Angst breit

von Katrin Richter, Martin Krauss  18.05.2010 10:05 Uhr

Die alten Backsteine an der Synagoge in Worms sind pechschwarz. Rußflecken ziehen sich rund um das Gebäude aus dem 12. Jahrhundert. Über einer Holztür ist ein Fenster eingeworfen. Das sind die Spuren des Brandanschlags, der in der Nacht vom vergangenen Sonntag zum Montag auf das Gotteshaus verübt wurde.

»Wir alle sind sehr schockiert«, sagt Stella Schindler-Siegreich, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, zu der auch Worms gehört. »Ich war am Montag fast den ganzen Tag vor Ort – auch abends, als sich viele Wormser zu einer spontanen Mahnwache versammelt hatten, um uns zu unterstützen.«
Etwa 100 Menschen waren zur Synagoge gekommen, um ihrer Trauer und Empörung Ausdruck zu verleihen. Das berührt die Gemeindevorsitzende noch immer und lässt sie hoffen. Aber auch ein anderer Gedanke belastet Schindler-Siegreich: Wie wird es weitergehen mit der Sicherheit?

Dunkle Ecke Bis jetzt vertrat die Gemeindevorsitzende eher ein offenes Konzept. »Ich möchte kein jüdisches Leben hinter Mauern führen« – das ist das Motto der 62-Jährigen. Doch am Abend der Kundgebung sprach sie auch mit Gemeindemitgliedern. »Sie haben Angst und fragen nach Überwachungskameras und einer besseren Ausleuchtung – denn nachts ist die Gegend um die Synagoge schon eine dunkle Ecke«, sagt sie. »Unsere Gemeindemitglieder fürchten sich vor Antisemitismus.« Schindler-Siegreich ahnt, dass sich etwas ändern muss. Bis auf Weiteres schützen 30 zusätzliche Polizisten die Synagoge und andere jüdische Einrichtungen vor Ort.

Außerhalb von Rheinland-Pfalz hat der Brandanschlag wenige Reaktionen hervorgerufen. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, kritisiert dies scharf: »Ich hätte einen Aufschrei erwartet«, sagt sie der Jüdischen Allgemeinen. Der Anschlag wirke wie eine »Randnotiz in der öffentlichen Debatte«. Zwar verurteilte der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, die Tat umgehend »aufs Schärfste«, und der Wormser Oberbürgermeister Michael Kissel gab zusammen mit dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz, Peter Waldmann, und Stella Schindler-Siegreich eine Erklärung ab, in der sie den Brandanschlag »ein niederträchtiges, verabscheuungswürdiges Verbrechen« nennen. Aber nach weiteren Reaktionen sucht man vergebens.

Touristen Dabei wiegt, wie die Orthodoxe Rabbinerkonferenz erklärt, »die Symbolik dieser Untat besonders schwer«. Es sei schließlich wenige Tage vor Schawuot, wenn die Juden »unter anderem für die heiligen Märtyrer der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde Worms, welche zu dieser Zeit während des ersten Kreuzzuges blutig ausgelöscht wurde«, beten. Im Mittelalter war Worms neben Mainz und Speyer eines der Zentren des Judentums, heute leben noch 135 Juden in der Stadt. Die Synagoge wird nur noch einmal monatlich für Gottesdienste genutzt, ansonsten können Touristen sie besuchen.

Alles, was die Polizei bislang ermitteln konnte, lässt eine organisierte Tat vermuten: An acht Stellen des historischen Bethauses hatten ein oder mehrere Unbekannte in der Nacht auf Montag versucht, Feuer zu legen, und einen Molotowcocktail geworfen. Dieser sei jedoch im Fenster stecken geblieben und nicht in der Bibliothek gelandet, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus-Peter Mieth. Eine Anwohnerin hatte gegen 1.30 Uhr den Knall der zersplitternden Fensterscheibe gehört und sofort die Polizei informiert. Die Feuerwehr konnte den Brand schnell löschen.

Authentisch? In der unmittelbaren Umgebung der Synagoge wurden fünf Exemplare eines Bekennerschreibens gefunden, in dem es in fehlerhaftem Deutsch heißt: »Sobald ihr nicht den Palästinensern Ruhe gibt, geben wir euch keine Ruhe!!!« Das Papier werde zurzeit geprüft, sagte Klaus Weinmann, der Sprecher der Polizei Worms. Ob das Gestammel wirklich authentisch ist, konnte bis Redaktionsschluss noch nicht ermittelt werden.

In den Tagen vor dem Anschlag waren in Worms sehr viele Flyer mit rechtsextremen Inhalten aufgetaucht, wie Bernd Oliver Sünderhauf vom Kritischen Kollektiv Worms berichtet. »Zudem wurde Worms in letzter Zeit für die rechte Szene – sowohl NPD als auch Kameradschaften – zum beliebten Rekrutierungsgebiet.« Vor wenigen Wochen erst hat sich ein NPD-Kreisverband gegründet, und es gibt Gerüchte, dass sich auch eine noch militantere »Kameradschaft Worms« formieren wolle.

Berlin

Söder warnt SPD und Grüne vor Koalition mit Linkspartei

Nach der Wahl in Berlin mit dem Sieg der Linkspartei ist noch immer unklar, wer künftig regieren wird. Der CSU-Chef hat eine klare Erwartung für den Umgang mit dem Wahlsieger

 25.09.2026

Kassel/Heidenau

Stadt stoppt Stolpersteine – Künstler: War zu erwarten

Der Stadtrat von Heidenau bei Dresden lässt keine neuen Stolpersteine im Straßenraum zu. Der Initiator der Gedenksteine, Gunter Demnig, warnt vor Unsichtbarkeit der NS-Opfer und will weitermachen

 25.09.2026

Berlin

Schuster: Seit Hamas-Angriff kaum Kontakte zu muslimischen Verbänden

Er hat muslimische Freunde. Doch offizielle Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinde und muslimischen Verbänden gibt es kaum noch. Der Zentralratspräsident kritisiert dies und hofft auf Besserung

 25.09.2026

USA

Rennpferd muss wegen Hitler-Bezug umbenannt werden

Der Jockey Club erhält eine formale Beschwerde, woraufhin der Name des Tieres verboten wird. Wie hieß das Pferd? Und wie heißt es jetzt?

 25.09.2026

New York

Susan Sarandon bei Demo gegen Israel festgenommen

Zwei Proteste gegen Israel fanden während der Rede von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor der UNO statt. Bei einer davon wurde zum Mord an ihm aufgerufen

 25.09.2026

New York

Netanjahu vor der UNO: »Israel hat keinen anderen Weg als zu gewinnen«

Der israelische Ministerpräsident spricht über Iran, Katar, die Türkei. Er konfrontiert Kritiker seines Landes, inklusive Bürgermeister Zohran Mamdani

 25.09.2026

Berlin

Berliner Linken-Chefin: »sehr überrascht« über Kritik

Seit der Berlin-Wahl am Sonntag wird bundesweit heftig über Antisemitismus bei der Linkspartei diskutiert. Sieht die Landesvorsitzende Kerstin Wolter ein strukturelles Problem in ihrer Partei?

 25.09.2026

Nach der Wahl

Berliner SPD will mit Linken und CDU sondieren

Die Sozialdemokraten wollen mit dem Wahlsieger Linke und der CDU über eine mögliche Regierungsbildung sprechen. Parteichef Krach nennt eine »rote Linie«

 25.09.2026

New York

Berichte: Iran legt Sieben-Tage-Plan zur Beendigung des Kriegs vor

Die USA und der Iran verhandeln mit Hilfe von Vermittlern über die Zukunft der Straße von Hormus. Nun will die iranische Seite einen Vorschlag ins Spiel gebracht haben

 25.09.2026