Gesellschaft

Frage an den Glauben

Besser gemeinsam: Der ultraorthodoxe Yehuda Aronsson (r.) und der säkulare Israeli Ran Milon lernen zusammen Tora, Literatur und Mathematik. Foto: Flash 90

Wir haben gerade genug Religion in uns, um einander zu hassen, aber nicht genug, um einander zu lieben», bemerkte Jonathan Swift vor 300 Jahren. Hat sich dies mittlerweile geändert? Aufklärung, rationales Gedankengut und Säkularisierung haben in den Jahrhunderten seit Swift gewiss ihre Spuren hinterlassen, und dennoch ist sein Satz heute leider so aktuell wie damals.

Im Nahen Osten beherrschen islamische Fundamentalisten große Landstriche, in Indien und Burma hetzen fanatische Hindus gegen Muslime, in Afrika und Lateinamerika erleben evangelikale Kirchen enormen Zuwachs, in den Vereinigten Staaten stürmen christliche Fanatiker Abtreibungskliniken, und selbst das säkulare Europa kann sich dem Einfluss des religiösen Fundamentalismus nicht verschließen.

Der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks hat darauf hingewiesen, dass erst das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Religion werden wird. Dabei sollten wir darauf achten, dass es kein Siegeszug der intoleranten Fanatiker wird, denn, so Sacks: «Religion ist wie Feuer: Sie kann uns wärmen, aber sie kann auch verbrennen.»

mehrheit Auch das Judentum hat die Kraft, zu wärmen, und die Fähigkeit, zu verbrennen. Jahrhundertelang wurde die Letztere eingedämmt durch die nichtjüdische Mehrheit, in der man sich bewegte. Mit der Gründung eines jüdischen Staates jedoch sind die Juden und damit auch die jüdische Religion erstmals wieder in der Lage, über das Schicksal anderer religiöser Minderheiten zu bestimmen. Dies bietet eine große Chance, aber auch eine immense Gefahr. Will man, dass auch andere sich am Feuer der jüdischen Religion erwärmen, oder will man sich selbst einmal an der Zerstörungskraft dieses Feuers versuchen?

Als der Staat Israel gegründet wurde, gehörten die orthodoxen Juden zu einer kleinen Minderheit. Der Staat war säkular und sozialistisch geprägt. Die Zugeständnisse, die David Ben Gurion und seine Kollegen den Religiösen etwa in Form der Ehegesetzgebung und der Befreiung vom Wehrdienst machten, waren als Symbole für eine winzige Minderheit gedacht, die man vor dem Aussterben retten wollte. Niemand rechnete damals mit einem Aufleben der Orthodoxie.

Die ultraorthodoxen Juden (Charedim), die bis vor 20 Jahren unter drei Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels stellten, bilden heute bereits sieben Prozent und können in weiteren 20 Jahren ein Fünftel der jüdischen Bevölkerung Israels ausmachen. Dies ist nicht verwunderlich, sieht man sich die Geburtenraten an. Die säkulare Bevölkerung Israels wird, wenn nicht eine überraschende Wende eintritt, in wenigen Jahren eine Minderheit unter den Israelis bilden. Bereits heute kommt die Mehrzahl der Erstklässler in Israel entweder aus dem orthodox-jüdischen oder dem arabischen Bevölkerungssektor.

wertvorstellungen
Dies sind die Gegebenheiten im heutigen Israel. Wie wirkt sich dies nun auf die Wertvorstellungen der Bevölkerung aus? Das angesehene Pew Research Center in Washington hat vor Kurzem eine Studie herausgebracht, der zufolge die orthodoxe und die nichtorthodoxe jüdische Bevölkerung Israels eine noch größere Kluft voneinander trennt, als man dies ohnehin vermutet hatte. Dieser Umfrage zufolge ist – im Gegensatz zu den säkularen Israelis – eine knappe Mehrheit der Charedim (59 Prozent) und eine sehr deutliche der Datiim (73 Prozent) der Meinung, die arabische Bevölkerung sollte aus Israel ausgewiesen werden.

Dies steht durchaus im Kontext der Aussage des sefardischen Oberrabbiners, der vor einiger Zeit behauptete, in Israel sollten keine Nichtjuden leben, auch wenn er dies später als Folge massiver Kritik nur auf die messianische Zeit bezog. Einige weitere Zahlen mögen die Radikalisierung der Orthodoxie in Israel verdeutlichen: 97 Prozent der Charedim sind der Überzeugung, Juden sollten in Israel bevorzugt behandelt werden, 86 Prozent möchten die Halacha zum Staatsgesetz machen. 62 Prozent befürworten eine Geschlechtertrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Übrigen bezeichnet sich nur eine Minderheit der Charedim in Israel als Zionisten.

diasporagemeinden Diese Zahlen sind besorgniserregend für all diejenigen, die sich eine tolerante jüdische Gesellschaft wünschen. Die jüdische Religion, die das Judentum über Jahrhunderte aufrechterhalten hat, kann die Juden auch spalten. Vergleicht man die israelischen Zahlen mit denen der größten jüdischen Diasporagemeinden, allen voran in den USA, so ist die Diskrepanz besonders spürbar. Die jüdischen Gemeinden außerhalb Israels dürfen einer Entwicklung, die auch Anhänger der jüdischen Religion in den Kontext des Fundamentalismus stellt, nicht tatenlos zusehen.

Rabbiner Sacks ist mit gutem Beispiel vorangegangen. Sein jüngstes Buch Not in God’s Name: Confronting Religious Violence analysiert nicht nur die derzeitige Krise der Religionen, sondern fordert auch zum Kampf gegen Intoleranz auf. Wir alle sollten diesem Beispiel folgen und ganz klar sagen: Das Feuer der jüdischen Religion ist eines, an dem wir uns erwärmen und mit dem wir niemanden verbrennen wollen.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur. Zuletzt erschien von ihm «Israel: Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates».

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