Meinung

Fehlende Hochschulreife

Hans-Ulrich Dillmann Foto: Marco Limberg

Ein verheerendes Zeugnis hat die Wissenschaftlerin Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) in Berlin, der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim in einem Gutachten ausgestellt: Das Seminar »Soziale Lage der Jugendlichen in Palästina« an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit sei einseitig, unwissenschaftlich und an einer deutschen Hochschule nicht tragbar.

vertuschung Um dies festzustellen, urteilt die Gutachterin, hätte es aber weder der Kritik durch den Zentralrat der Juden in Deutschland noch eines Gutachtens der Amadeu Antonio Stiftung oder der Veröffentlichung in der Jüdischen Allgemeinen bedurft.

Die Hochschulleitung hätte nur ihre Arbeit machen müssen. »Schon ein Blick auf die Seminarpläne hätte genügt, um zumindest die Wissenschaftlichkeit der Lehrveranstaltung ernsthaft in Zweifel zu ziehen«, schrieb Schüler-Springorum der Hochschule ins Studienbuch.

Dem hat sich die Leitung der HAWK, allen voran die Präsidentin Christiane Dienel, mit dem Hinweis auf die Freiheit der Lehre monatelang entzogen. Anstatt die Kritik ernst zu nehmen und die Vorgänge zügig und rückhaltlos aufzuklären, betrieb sie Vertuschung gegenüber der Öffentlichkeit und gerierte sich als Opfer einer angeblichen »Israellobby«, die nur kritische – Israel kritisierende – Töne verhindern wolle. Und die internen Kontrollinstitutionen der Hochschule stellten sich gegenseitig Persilscheine aus, bis das Offensichtliche nicht mehr zu leugnen war.

klassenziel Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her. Als Erstes wurde die Dozentin geopfert und rausgeschmissen, dann trat die Dekanin zurück. Zum Schluss entzog der Hochschulsenat der Präsidentin das Vertrauen: Ihr Vertrag wird nach 2016 nicht mehr verlängert. Der erschreckend unwissenschaftliche Muff, der unter den HAWK-Talaren herrscht, braucht endlich den frischen Wind der Aufklärung und Erneuerung.

Eine Hochschule ohne Antisemitismus, so warnt Stefanie Schüler-Springorum zu Recht in ihrem Gutachten nicht nur die HAWK, sei ein Postulat, »dem zu entsprechen im täglichen Alltag umgesetzt werden muss«. In diesem Sinne hat die HAWK das wissenschaftliche Klassenziel verfehlt: mangelhaft. Der HAWK fehlt – derzeit – die notwendige Reife für die Ausbildung von Studierenden.

Der Autor ist freier Journalist.

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