Brexit

Europa wird kleiner

Mit dem Brexit könnte der Traum von Populisten und Nationalisten wahr werden. Foto: Getty Images / istock

Am 9. Mai 1950 gab der französische Außenminister Robert Schuman in Paris eine Erklärung ab, die als Vorbote der europäischen Einigung gilt. 66 Jahre später schrieb Angela Epstein, eine jüdische Kolumnistin des britischen »Telegraph«, die »blutige Geschichte des pan-europäischen Faschismus« sei es, die für sie den Austritt Großbritanniens aus Europa zu »einer Frage des Überlebens« mache. Schließlich könne es für Juden wie für Nichtjuden in Großbritannien ungemütlich werden, wenn Populisten und Extremisten in Brüssel die Macht übernehmen und Großbritannien mitbeherrschen. Ihre jüdische Sicht bedeutete also: Raus aus der EU!

Diese Stimmungsmache soll nicht über das große jüdische Unbehagen angesichts des nahenden Brexit hinwegtäuschen. Schon vor der Abstimmung überwog der Anteil der pro-europäischen Wähler unter Juden (49 gegen 34 Prozent) in viel größerem Maße, als dies in der Allgemeinbevölkerung der Fall war (40 zu 40). Die Zahl der britischen Nachkommen von Schoa-Überlebenden, die deutsche Pässe beantragten, schnellte von 43 im Jahre 2015 auf 1667 im Jahr 2017 nach oben.

realität In sechs Wochen wird (vermutlich) der Brexit Realität sein, und die Nervosität grenzt an Verzweiflung. Auch unter Juden in Großbritannien. Zu Recht! Ironischerweise ist der Brexit – immerhin das Ergebnis einer Volksabstimmung – keine gute Nachricht für Demokraten. Er zeigt, wie schnell der direkte Volkswille zu nationalem Wahnsinn führen kann, wie verführbar und emotionalisierbar des Volkes Stimme ist.

In sechs Wochen wird (vermutlich) der Brexit Realität sein, und die Nervosität grenzt an Verzweiflung. Auch unter Juden.

Vorsicht entspricht jüdischer Erfahrung: Unsere Lage wird stets dann prekär, wenn sie vom Willen eines Despoten abhängt – ob eines Fürsten oder eines Volkes. Der Wählerwille ist zwar die Grundlage der Demokratie, doch dieser Wille muss durch Grundrechte und demokratische Institutionen korrigiert bleiben. Daher gilt es, in Europa beides zu stärken: sowohl die Beteiligung der Menschen als auch die liberalen Institutionen, die solche Beteiligung informiert und grundrechtskonform gestalten. Das Brexit-Votum zeigt, dass Impuls und Politik eine gefährliche Mischung sein können.

Ein Papier, das in britischen jüdischen Ins­titutionen zirkuliert, skizziert Folgen des Brexit für Juden: Vor allem dürften Handels- und Reiseregelungen mit Israel nicht geschwächt werden. Das ist eine seltsame Verengung des Blicks. Auf dem Spiel steht für alle europäischen Juden viel mehr als bloß die Möglichkeit, günstige israelische Produkte in Großbritannien zu kaufen.

Die EU verliert mit dem Brexit ihre angelsächsische Komponente. Das ist eine gefestigte demokratische Tradition, die mit Benjamin Disraeli schon im 19. Jahrhundert einen jüdischen Premierminister ermöglichte und die jüdische Flüchtlinge aus Russland aufnahm, als große Teile Europas noch mit Pogromen und Judenquoten beschäftigt waren. Mit Großbritannien bricht eine transatlantische Stütze weg und ein Raum, der jüdische Kultur und Politik zur Blüte brachte.

Großbritannien brachte jüdische Kultur und Politik zum Blühen.

dynamik Und noch eine weitere Sorge, die auch viele kleinere EU-Mitglieder beschäftigt, ist zu erwähnen: Mit dem Brexit verändert sich die Dynamik innerhalb der EU. Die Union könnte ohne das Gewicht Londons zu einem deutsch-französischen Duo werden. Eine gesunde Tendenz ist das nicht. Auch unverbesserliche Optimisten wie ich müssen zugeben, dass bilateral gedachte Ambitionen Europa nicht voranbringen. Nationale Dominanzen taten dem Kontinent auch dann nicht gut, wenn sie im Doppelpack auftraten.

Eine Renationalisierung Europas hat das Zeug, Juden und Europa wieder zu entzweien. Dabei waren Juden die Ureuropäer des Kontinents: Jüdische Netzwerke wurden von Nationalfürsten benutzt und ausgenutzt, weil wir zwar stets loyal, aber im besten Sinne kosmopolitisch waren.

Doch die Spannung, die sich aus dem supranationalen Bewusstsein der jüdischen Communitys und dem nationalen Denken aller anderen ergab, führte zu einem Clash. Antisemitismus und Schoa sind nicht zu erklären, ohne dass man sich auch diesen Konflikt klarmacht.

grenzen Erst durch den Prozess der europäischen Einigung hat der Kontinent das nachgeholt, was Juden längst praktizierten: ein Europa ohne innere Grenzen. Die Überwindung des Nationalismus sorgte dafür, dass Europas Juden mit ihrem Kontinent »in sync« wurden. Das jüdische und das europäische Herz schlugen im gleichen Takt.

Erst durch den Prozess der europäischen Einigung hat der Kontinent das nachgeholt, was Juden längst praktizierten: ein Europa ohne innere Grenzen.

Mit dem Brexit aber wird der Traum der Populisten und Nationalisten wahr: eine Renationalisierung Europas. Das könnte nicht nur für eine fatale Kollision zwischen dem britischen Mini und der EU-Limousine führen, wie es der Spieltheoretiker Andreas Dieckmann beschreibt. Der Brexit setzt Kräfte frei, die aus Heimatliebe Nationalismus und aus Volksstimme eine Volksparanoia machen. Und das in ganz Europa! Da können Minderheiten wie Juden die ersten Kollateralschäden erleiden. Für viel zu viele wird das erst evident, wenn es zu spät ist. Nach dem erfolgreichen Brexit-Referendum registrierte Großbritannien eine Rekordzahl fremdenfeindlicher Verbrechen.

Die schockierte Angela Epstein, die zwei Monate zuvor im »Telegraph« für den Brexit geworben hatte, schrieb ernüchtert: »Ich dachte, der Brexit könnte Juden schützen. Wie sehr habe ich mich geirrt!« Da allerdings war das Schicksal Großbritanniens schon besiegelt.

Der Autor ist Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Europaparlamentskandidat für die Grünen.

Bundesrat

Länder: Aufrufe zur Vernichtung Israels sollen strafbar werden

Der Bundesrat hat am Freitag einen Vorschlag Hessens gebilligt, wonach die öffentliche Leugnung des Existenzrechts Israels bestraft werden soll. Ob ihn die Bundesregierung aufgreift, ist noch unklar

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Warschau

Vor 85 Jahren wurden die Juden von Jedwabne ermordet

Ein Massaker 1941 belastet das Verhältnis von Juden und Polen: Anstifter waren Deutsche, doch die Täter waren Polen. Ein Ex-Präsident hat zu dem Gedenktag eine klare Botschaft

 10.07.2026

Ramallah

Abbas kündigt Wahlen an

Der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde legt den 28. November als Termin für die Neuwahl des Parlaments fest, 2027 soll auch über die Präsidentschaft neu abgestimmt werden.

 10.07.2026

Großbritannien

»Wir haben das nicht richtig gemacht«

Andy Burnham, designierter Nachfolger von Keir Starmer als Labour-Chef und Premierminister, kündigt eine Kurskorrektur in der britischen Nahostpolitik an

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Hamburg/Haifa

Netanjahu bremst Milliarden-Fusion von Hapag Lloyd und Zim

Hapag-Lloyd würde die israelische Reederei gerne übernehmen. Doch der israelische Ministerpräsident hat Sicherheitsbedenken

 10.07.2026

Hamburg

Ein Jahr nach Beginn des Block-Prozesses kein Ende in Sicht

Am 11. Juli 2025 startete am Landgericht der spektakuläre Prozess um die Entführung der Block-Kinder. 63 Verhandlungstage gab es seither. Was ist noch offen?

 10.07.2026

Tirana

Albaniens Premier gibt Millionen für Kanye-Konzert aus

Ein geplanter staatlich geförderter Auftritt spaltet das Land – und verstärkt die ohnehin seit langem wachsende Kritik an Ministerpräsident Rama. Die jüdische Gemeinde will eine Absage

 10.07.2026

New York

Bericht: Israel warnte Trump vor neuem iranischem Anschlagsplan gegen ihn

Seit der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani Anfang 2020 droht der Iran Trump mit Vergeltung

 10.07.2026

Islamabad/Doha

Vermittler wollen Atomgespräche zwischen USA und Iran retten

Pakistan, Katar und andere Staaten bemühen sich laut einem amerikanischen Pressebericht, die jüngste Eskalation einzudämmen

 10.07.2026