Marcel Reif

Es reicht!

Marcel Reif, Sportjournalist und Buchautor Foto: imago

Alles innerhalb weniger Tage: Der Torwart des TV Askania Bernburg soll eine antisemitische Fotomontage auf Instagram gepostet haben. Im Chemnitzer Stadion wird eine Trauerkundgebung für einen Neonazi veranstaltet. Und der Israeli Almog Cohen, Kapitän des FC Ingolstadt, wird mit einem judenfeindlichen Tweet von einem sogenannten Union-Fan beleidigt.

Ich bin überzeugter Demokrat und habe Vertrauen in die Kraft unseres Rechtsstaates. Und so habe ich lange glauben wollen, das seien alles nur Einzelfälle. Ich dachte bislang, man müsse die Täter einfach nur aufgreifen und ihnen und anderen nachhaltig klarmachen, dass ein solches Verhalten nicht tolerabel ist.

einzelfälle Inzwischen habe ich jedoch den Eindruck, dass das keine Einzelfälle mehr sind. Denn sie summieren sich in einer Art und Weise, die eher auf ein etabliertes Verhalten schließen lässt. Das macht es notwendig, darauf anders und entschiedener zu reagieren.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat kürzlich zu Recht mahnende Worte an die Fußballvereine gerichtet, bei denen es zuletzt zu solchen Vorfällen gekommen ist: »Ich hoffe, dass sich Klubs grundsätzlich klar gegen Antisemitismus und Rassismus positionieren. Auch auf die Gefahr hin, dass einige ihrer ›Fans‹ nicht mehr ins Stadion kommen.« Und er fügte hinzu: »Es ist leider keine neue Erkenntnis, dass die Anhängerschaften einzelner Vereine von rechts unterwandert sind. Spieler werden aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe beleidigt.«

Ob auf Facebook, Twitter und Instagram, ob im oder vor dem Stadion – die Koordinaten haben sich verschoben.

Das stimmt leider. Auch Spieler wie Antonio Rüdiger oder Kevin-Prince Boateng haben das schon erfahren müssen. Auch sie fordern seit einiger Zeit ein härteres Vorgehen. Erst vor wenigen Tagen wurden beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien Leroy Sané und Ilkay Gündogan rassistisch beleidigt. Und offensichtlich hat niemand im Wolfsburger Station daran Anstoß genommen oder darauf reagiert.

Das macht deutlich: Ob auf Facebook, Twitter und Instagram, ob im oder vor dem Stadion – die Koordinaten haben sich verschoben. Wir dürfen diese unsägliche Entwicklung nicht mehr hinnehmen. Wir müssen Grenzen setzen.

Wenn es heißt, das seien doch nur einzelne Fans, man dürfe das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, dann wird das Problem kleingeredet. Das ist keine Fankultur! Es fängt an, sich als Muster zu etablieren. Und als Sohn eines Holocaust-Überlebenden erlaube ich mir, gerade in Deutschland etwas genauer hinzusehen und zu sagen, dass ich das nicht ertragen will und werde.

Ich habe lange glauben wollen, das seien alles nur Einzelfälle.

Da gibt es Vereinschefs, die jovial auf Ultras zugehen, denen Fußball Religions- und Familienersatz ist, und meinen, das sei eben eine härtere Truppe und gehöre dazu. Nein. Schluss damit! Wir müssen endlich begreifen, dass man denen, die Lust auf Gewalt haben und Hass verbreiten, nicht den kleinen Finger geben darf. Denn dann nehmen sie die ganze Hand.

hass Und nochmals: Judenhass hat hier absolut keinen Platz! Wenn ich so etwas sehe, geht mir als Demokrat und Vaterjude die Hutschnur hoch! Und ich will und kann auch keinen Hass gegen andere Gruppen akzeptieren.

Manche Vereine haben offensichtlich Bedenken, sich gegen Nazis und Antisemiten zu stellen. Das ist fatal. Wenn diese Gruppen keinen Widerstand erfahren, nutzen sie das gnadenlos für ihre Zwecke aus. Es ist ein Spiel, das man nicht gewinnen kann.

Einen ähnlichen Fall gab es 2013, als Nazi-Fangruppen in Dortmund und Cottbus Schlagzeilen machten. Ein weltbekannter Spieler hatte zum Boykott der U21-EM in Israel aufgerufen, nachdem ein ägyptischer Fußballer vom FC Basel einem jüdischen Spieler den Handschlag verweigert hatte. Auch damals habe ich in dieser Zeitung Stellung bezogen. Und ich kann mich nur wiederholen in dem Punkt, dass der Fußball spezifisch kein Antisemitismusproblem hat. Das wäre zu kurz gesprungen.

Jeder ist an seinem Ort in der Gesellschaft gefordert – und im Fußball eben jeder Spieler, jeder Funktionär und jeder Fan.

appell Deshalb glaube ich auch, dass wir es nicht mehr beim Appell »Den Anfängen wehren« im Stadion belassen können. Das alles sind Probleme, die nichts mit dem Fußball an sich zu tun haben. Leider haben wir hier bereits ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und so ist, wie in anderen Lebensbereichen, Antisemitismus eben auch bei Fußballfans anzutreffen. Jeder ist an seinem Ort in der Gesellschaft gefordert – und im Fußball eben jeder Spieler, jeder Funktionär und jeder Fan.

Ich bin Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung der Deutschen Fußball Liga (DFL). Der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung steht bei uns ganz weit oben auf der Tagesordnung. Die Liga positioniert sich. Diese grundsätzliche Haltung muss sich auch bis in die untersten Ligen und den kleinsten Verein durchsetzen.

Die schweigende Mehrheit – und lassen Sie mir die Hoffnung, dass es die Mehrheit ist – muss verstehen: Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen. Sie muss endlich die Stimme erheben und laut und deutlich sagen: bis hierhin und keinen Millimeter weiter! Sie muss den Rassisten und Antisemiten die Rote Karte zeigen. Und an dieser Stelle will ich nicht mehr abwägen oder zögerlich reagieren. Es reicht. Diese Entwicklung muss gestoppt werden!

Der Autor ist Sportjournalist und Buchautor. Zuletzt von ihm erschienen: »Nachspielzeit. Ein Leben mit dem Fußball«.

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