Diplomatie

Es kriselt

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Februar 2016 in Berlin Foto: dpa

Deutschlands Außenpolitik ist im Umbruch. Es kriselt und kracht heftig zwischen Deutschland und Israel. Daran wird auch die kurze Begegnung von Merkel und Netanjahu am Rande der Trauerfeierlichkeiten für Kanzler Kohl nichts ändern.

Das Verhältnis Deutschland-Israel ist längst nicht mehr »besonders« oder »normal«, sondern zumindest angeknackst. Das wird auf absehbare Zeit so bleiben, denn noch unbeliebter als in der politischen Klasse ist Israel in der deutschen Gesellschaft. Seit 1981 gehört Israel in der bundesdeutschen Öffentlichkeit kontinuierlich zu den unbeliebtesten Staaten. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis das politische Angebot der Nachfrage entsprechen würde.

israel-kritik Die Nachfrage nach Israel-Kritik, Israel-Distanz und schließlich Antizionismus und Antiisraelismus begann bei der Altlinken schon vor Israels Gründung und bei der Neulinken 1967. Es folgte die Mehrheit der Grünen und SPD, die FDP hielt in der Scheel- und Möllemann-Ära kräftig mit, in der Union sind Blüms Antiisraelismen kein Einzelfall, und in der AfD werden die wenigen Pro-Israel-Stimmen von altrechten Sprüchen nicht nur in Baden-Württemberg und Thüringen übertönt.

Der Bruch und Umbruch der deutsch-israelischen Beziehungen muss im allgemeinen Zusammenhang gesehen werden. Es kriselt und kracht nämlich auch zwischen Deutschland und anderen traditionellen sowie seit 1989/90 neueren Freunden oder Partnern: den USA, Großbritannien, den Südeuropäern sowie der Visegrád-Gruppe bestehend aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Es kriselt und kracht zwischen Deutschland und Russland, von der Türkei ganz zu schweigen.

Die Gründe sind unterschiedlich. Über die Schuld der einen oder anderen ausländischen Politiker, auch Netanjahus, oder die moralische und politische Reinheit oder Richtigkeit der deutschen Politiker ließe sich streiten.

konfrontationskurs Unbestreitbar ist, dass der Konfrontationskurs von Merkel/Steinmeier-Gabriel von der Mehrheit der Deutschen gebilligt wird. Sie liefern, was »die Menschen« wollen. Die wollen, zu Recht oder nicht, dass Trump, Erdogan, May, Orbán & Co. sowie, versteht sich, Netanjahu »in die Pfanne gehauen« werden. Sei es aus handels-, klima-, flüchtlings- oder siedlungspolitischen Gründen.

Alternative Partner werden nun in den Vordergrund gerückt: China, Indien, Mexiko, Argentinien und der Iran, der sich anschickt, Israel und die gemäßigten arabischen Staaten direkt und indirekt militärisch zu umzingeln. Über die demokratischen und menschenrechtlichen Qualitäten dieser Staaten darf nachgedacht werden.

Nicht nur Deutschlands Politiker wurden demokratisch gewählt, sondern auch Trump, May, Orbán, die übrigen Personen, die in den Augen vieler Deutscher Unpersonen sind, und natürlich – mehrfach – Netanjahu. Das bedeutet: Über die »europäischen Werte« gibt es nicht nur zwischen Merkel-Gabriel und Netanjahu sowie Trump Meinungsverschiedenheiten, sondern auch innerhalb Europas. Wenn also Netanjahu derzeit zum Ärger von Merkel und Gabriel seine Europapolitik enger mit den Visegrád-Politikern koordiniert, verstößt er weder geografisch noch inhaltlich gegen »europäische Werte«.

werte Was sind und wer vertritt diese europäischen Werte? Bestimmen das Merkel, Gabriel, Schulz und Macron? Steht Israel, stehen gar »die« Juden (als vermeintlich verlängerter Arm Israels und tatsächliches Terrorziel) außerhalb und »die« Palästinenser innerhalb dieser Werte? Diese Frage ist alles andere als unberechtigt, wenn man bedenkt, dass Deutschland die extrem israel- und judenfeindlichen Schulbücher »Palästinas« mitfinanziert oder Bundespräsident Steinmeier jüngst bei seinem Doppelbesuch von Israel und Palästina (inzwischen deutsche Routine) am Grab Jassir Arafats, einem der Urväter des modernen Terrorismus, einen Kranz niederlegte.

Keiner regt sich darüber auf, denn das politische Angebot entspricht der Nachfrage und wird als moralisch korrekt empfunden. Dass dieses Bedürfnis besonders in Wahlzeiten befriedigt wird, versteht sich von selbst. Das neue, vereinte Deutschland hat, eingeleitet von Gerhard Schröder und im Mai 2017 von Angela Merkel vollendet, seine »Unabhängigkeit« von den USA erklärt. Als seit Jahrzehnten bewährte Humane Republik – weltweit wahrscheinlich die humanste – hat sich Deutschland vom Hitler-Schatten befreit.

Ob der neue deutsche Kurs gegenüber den USA und Israel den langfristigen Interessen der Deutschen und Deutschlands dient, darf bezweifelt werden. Mit oder ohne Bibi und Trump sind Deutschland und Europa nämlich in den folgenden, lebensentscheidenden Bereichen auf absehbare Zeit von den USA und Israel abhängig: präventive und reaktive Antiterrormaßnahmen, Cyberwar und Hacking, Waffentechnologie (Drohnen, Anti-Raketen-Raketen), IT-Fortschritte nicht nur bezogen auf autonome Autos.

Wer ist moralisch, wer nicht? Darüber kann man subjektiv streiten. Interessen sind objektiv. Deutschland hat die Wahl.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Zuletzt erschienen sein Bestseller »Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie« und »Zum Weltfrieden«.

Teheran

Iran richtet Mann wegen angeblicher Israel-Spionage hin

Die iranische Justiz hat ein weiteres Todesurteil vollstreckt. Menschenrechtler werfen den Behörden vor, die Todesstrafe zur Unterdrückung von Kritik einzusetzen

 16.08.2026

Berlin

Prien: Differenzierte Haltung zu Israel kann ein Wagnis sein

Der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat Gräben in der Gesellschaft verdeutlicht - und teils auch vertieft. Wer dagegen differenziert argumentiere, habe es oft nicht leicht, sagt Ministerin Prien

 16.08.2026

Magdeburg

Will AfD-Spitzenkandidat Siegmund den Verfassungsschutz abschaffen?

AfD-Spitzenkandidat Siegmund will nach der Landtagswahl die Zukunft des Verfassungsschutzes in Sachsen-Anhalt prüfen lassen. Diese Optionen fasst er ins Auge

 16.08.2026

Washington/Teheran

Frist verstreicht: Iran-Krieg vor ungewisser Zukunft

Während US-Präsident Trump mit einer Übernahme der Straße von Hormus kokettiert, gehen die Angriffe auf zivile Schiffe weiter. Dabei sollte in diesen Tagen ein finales Abkommen stehen

 16.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Dresden/Königstein

Mutmaßliche Kämpfer des Islamischen Staates festgenommen

Zwei Männer sollen als Kämpfer für den IS aktiv gewesen sein und dafür Geld erhalten haben. Nun sitzen die beiden Iraker in Sachsen in Untersuchungshaft

 14.08.2026

Deutschland

Anti-Israel-Aktivisten krachen in Hafenmauer

Ein Kleinschiff mit »pro-palästinensischen« Seefahrern will im Herbst die Gaza-Küste erreichen. Zwischen ihnen und dem Ziel liegen 3000 Kilometer Luftlinie – und eine wachsende Anzahl an Problemen

von Imanuel Marcus  14.08.2026

Erfurt/Berlin

BSW-Spitze fordert Voigts Rücktritt – und Ende der Koalition

Das Bündnis Sahra Wagenknecht regiert in Thüringen mit CDU und SPD – zum Missfallen der Parteizentrale. Schluss damit, verlangt ein Vorstandsbeschluss

 14.08.2026

Iran-Krieg

Vance: Kriegsziel Nummer Eins besteht darin, Öl und Gas für Amerikaner billig zu halten

Der amerikanische Vizepräsident sagt, die Verhinderung einer iranischen Atomwaffe stehe an zweiter Stelle. Derweil schickt das Pentagon einen neuen Flugzeugträger in die Region

 14.08.2026