Interview

»Es gibt immer noch viele blinde Flecken«

Besiegelten im Juli 2000 das Abkommen zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern: der US-Unterhändler Stuart Eizenstat, Bundeskanzler Gerhard Schröder und der deutsche Unterhändler Otto Graf Lambsdorff. Foto: imago

Vor 20 Jahren wurde die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (EVZ) gegründet. Ziel war zunächst eine finanzielle und »humanitäre Geste« gegenüber überlebenden Sklaven- und Zwangsarbeitern und anderen NS-Opfern. Außerdem unterstützt die Stiftung Erinnerungs- und Menschenrechtsprojekte, um »die historische Verantwortung Deutschlands auf Dauer« zu bekunden, wie es heißt. Die promovierte Historikerin Christine Glauning leitet das 2006 eröffnete Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin. Im Interview erklärt sie, warum die Erinnerung an die Zwangsarbeit wichtig ist.

Frau Glauning, im Zweiten Weltkrieg sind Schätzungen zufolge mehr als 26 Millionen Männer, Frauen und Kinder durch das NS-Regime als Zwangsarbeiter ausgebeutet worden. 8,4 Millionen von ihnen wurden aus den besetzten Gebieten Europas in das Deutsche Reich verschleppt. Ist das Kapitel Zwangsarbeit inzwischen zu Ihrer Zufriedenheit aufgearbeitet oder sehen Sie noch »blinde Flecken«?
Es gibt immer noch viele blinde Flecken. Die Geschichte des Zwangsarbeitseinsatzes bei wichtigen Unternehmen wie der Reichsbahn oder Siemens ist noch zu wenig erforscht. Auch über das Schicksal der rund 250.000 in die KZ überstellten und oft ermordeten zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ist kaum etwas bekannt. Der Widerstand von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, das Verhalten der Deutschen gegenüber den Millionen von Zwangsverschleppten - es gibt viele Themen, die noch der tiefer gehenden Recherche bedürfen. Leider gibt es zu wenig systematische Forschung an den Universitäten. Wünschenswert wäre eine Professur, die sich kontinuierlich der Geschichte der NS-Zwangsarbeit als allgegenwärtigem Massenphänomen im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten widmet.

Warum ist es Ihres Erachtens wichtig, die nachfolgenden Generationen darüber aufzuklären; wo liegen die Ansatzpunkte, um das Thema auch heute aktuell zu halten?
Es gibt kaum ein Thema, das auch heute noch so anschlussfähig ist wie die Geschichte der NS-Zwangsarbeit. Nicht nur die gesamte deutsche Wirtschaft, auch die NS-Gesellschaft profitierte in hohem Maße von der Ausbeutung von Millionen von Menschen. Zwangsarbeit war allgegenwärtig und unübersehbar. Die Beschäftigung mit diesem Thema trägt auch dazu bei, das Funktionieren der NS-Diktatur besser zu verstehen. Die Fragen, die wir an die damaligen Akteurinnen und Akteure stellen - nach ihrem Umgang mit den »Fremden«, nach ihren Handlungsspielräumen - können wir genauso gut heute an uns alle stellen: Wie verhalten wir uns gegenüber Geflüchteten und Neu-Zugewanderten? Welche Mechanismen von Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus sind auch heute noch wirksam und was tun wir dagegen? Fragen wir nach den Produktionsbedingungen der Dinge, die wir kaufen oder konsumieren? Auch heute noch gibt es Ausbeutung und Zwangsarbeit, vielfach von Kindern, die unter erbärmlichen und rechtlosen Bedingungen arbeiten müssen. Wir haben es in der Hand, wie wir damit umgehen.

Was erwarten Sie sich von der Stiftung EVZ? Wie sollte sich das neue Führungsduo positionieren, welche Schwerpunkte künftig setzen?
Ich würde mir wünschen, dass die Stiftung wieder sichtbarer wird in ihrem Kernthema: der Vermittlung der Geschichte der NS-Zwangsarbeit. Auch Forschungsfragen und die Erschließung wichtiger Quellenbestände, zum Beispiel in Osteuropa, sollten eine Rolle spielen. Zudem ist die Sicherung der noch verbleibenden Stimmen von Überlebenden eine wichtige Aufgabe. Manche Förderentscheidungen für große Projekte sind zu wenig transparent, die Antragsfristen in den Förderprogrammen zum Teil zu kurz. Für viele der oft ehrenamtlichen Antragsteller wäre zudem eine längere Laufzeit der Projekte sinnvoll und ergiebiger. Eine Vernetzung der verschiedenen Projekte untereinander in regelmäßigen Treffen würde ermöglichen, dass alle mehr voneinander profitieren. Nicht zuletzt wäre die EVZ ein wichtiger Player, um zum Beispiel - wie schon einmal 2007 - in einer großen Tagung mit vielen Teilnehmenden aus der Praxis die Herausforderungen einer erfolgreichen Bildungsarbeit zu diskutieren.

Das Gespräch mit der Historikerin führte der Lukas Philippi.

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Hildburghausen

Zahlreiche Rechtsrock-Konzerte im thüringischen Brattendorf

Ein Gasthaus im südthüringischen Brattendorf ist zu einem Treffpunkt der Neonazi-Szene geworden

 09.03.2026

Moskau

Putin sichert Mojtaba Chamenei Russlands Unterstützung zu

Russland sieht sich traditionell als enger Partner des Iran. Der Kremlchef wünscht dem neuen Obersten Führer Mut, Gesundheit und Kraft

 09.03.2026

Beirut

Israel setzt Angriffe im Libanon fort

Immer wieder erschüttern Explosionen die Vororte der libanesischen Hauptstadt. Ein Ende der durch neue Angriffe der Hisbollah verursachten Eskalation ist nicht in Sicht

 09.03.2026

Gaziantep

Türkei: NATO fängt Geschoss im türkischen Luftraum ab

Trümmer des Geschosses fallen auf türkischen Boden. Es ist nicht das erste Mal

 09.03.2026

Berlin

Zweifel an Angriff auf Neuköllner Schulleiter – Ermittlungen richten sich nun gegen ihn selbst

Ein Überwachungsvideo vom U-Bahnhof Rathaus Neukölln wirft Fragen auf. Angaben von Hudhaifa Al-Mashhadani hatte angegeben, angegriffen worden zu sein

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026

Nahost

Teheran erneut von Explosionen erschüttert

Bewohner berichten von einer neuen Angriffswelle: Kampfjets nähern sich, laute Detonationen sind zu hören

 09.03.2026

Kommentar

Der Iran-Krieg könnte das Ende der amerikanisch-israelischen Allianz bedeuten

Noch folgt im Kampf gegen das Mullah-Regime eine gute Nachricht auf die andere. Doch sobald der Krieg in die schwierige Phase übergeht, werden auch die Beziehungen zwischen Jerusalem und Washington auf die Probe gestellt werden

von Hannes Stein  09.03.2026