Erfurt

Erkenntnisse aus dem AfD-Parteitag

AfD-Bundesparteitag: Delegierte heben ihre Stimmkarte bei einer Abstimmung Foto: picture alliance / dts-Agentur

Die AfD demonstriert Geschlossenheit, Björn Höcke baut seinen Einfluss aus, die Gegner mobilisieren Zehntausende - zwei Tage lang hat die AfD in Erfurt getagt. Was vom Parteitag bleibt:

AfD präsentiert sich geschmeidig

Viel Pathos, keine Querelen wie bei früheren Parteitagen, ein geschlossenes Auftreten - mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen im Osten des Landes versucht die AfD keine Fehler zu machen. Das fängt schon bei der Anreise an. Die Delegierten kommen so früh, dass Straßenblockaden ins Leere laufen und der Parteitag pünktlich beginnt. Die AfD sei inzwischen eine »geölte Maschine«, freut sich der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Bernd Baumann.

Doppelspitze Weidel/Chrupalla bleibt, aber...

In Erfurt setzen sich fast alle der von Co-Parteichefin Weidel unterstützten Kandidaten durch. Auch dass ihr eigenes Ergebnis deutlich besser ausfällt als das ihres Co-Chefs Tino Chrupalla, deutet auf einen Machtzuwachs für sie hin. Doch vielleicht ist auch nur das Netzwerk, das sie stützt, mächtig und ihre Position letztlich genauso unsicher wie die früherer AfD-Vorsitzender, die von ihren Unterstützern erst an die Spitze getragen und dann kalt entmachtet wurden.

Nach außen hin präsentiert sich das wiedergewählte Spitzenduo als - Zitat Chrupalla - ein »Herz und eine Seele«. Langfristig rückt die Frage nach einer Einzelspitze immer mehr in den Vordergrund, der neue, jüngere, eher Weidel-orientierte Vorstand könnte ein Fingerzeig in diese Richtung sein.

Verfassungsschutz hat neue Spitzenfunktionäre im Blick

Die Auseinandersetzung mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz geht weiter. Hier steht noch ein gerichtliches Hauptsacheverfahren aus. Da geht es um die Frage, ob der Nachrichtendienst die Partei als gesichert rechtsextremistische Bestrebung beobachten darf oder nicht. Der Sound der Reden auf dem Parteitag unterschied sich zwar nicht von dem, was zuletzt schon von führenden AfD-Politikern zu hören war. Bei der Neubesetzung des Bundesvorstandes kamen jedoch einige, teils jüngere Männer zum Zug, von denen der Verfassungsschutz einige bereits im Blick hat.

Insgesamt zeigt sich, dass die AfD bewusst nicht den Weg der Mäßigung geht, der bei einigen anderen rechten Parteien in Europa zuletzt zu beobachten war. Sven Tritschler, der jetzt stellvertretender Parteivorsitzender ist, sagt in seiner Bewerbungsrede ganz explizit, »gerade jetzt an der Schwelle zur Macht« müsse gelten, »unser Volk ist nicht verhandelbar«. Die AfD müsse an ihrer Forderung nach »Remigration« festhalten. Die Partei lasse sich »nicht verbiegen«.

Verbotsdebatte geht weiter 

Viele Demonstranten haben in Erfurt ein Verbot der AfD gefordert. Das können allerdings nur die Bundesregierung, der Bundestag oder der Bundesrat beantragen. Die Entscheidung trifft am Ende das Bundesverfassungsgericht. Linke und inzwischen auch die Grünen wollen hier vorankommen. In der SPD glauben inzwischen viele Politiker, man sollte es versuchen. In CDU und CSU überwiegen bislang die Skeptiker.

Siegmund gefeiert

Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kommt kaum zwei Schritte weit auf dem Parteitag, ohne nach einem Selfie gefragt zu werden. Gibt er Interviews, bilden sich Menschentrauben, wird er im Saal erwähnt, folgt Jubel. Mit ihm verbindet die AfD die Hoffnung im Herbst in Sachsen-Anhalt erstmals in eine Regierung zu kommen. Weidel sagt im parteieigenen »AfD-TV« dazu: »Das würde schlagartig zu einer Normalisierung unserer Partei führen.«

Höcke-Vertrauter jetzt im Führungszirkel

Für den Thüringer Rechtsaußen-AfD-Chef, Björn Höcke, ist der Parteitag in Erfurt zugleich eine große Bühne. Auch um den 54-Jährigen bilden sich Trauben aus Journalisten, Fotografen und Kameraleuten. Innerparteilich baut Höcke seinen Einfluss auf der Bundesebene aus. Mit Stefan Möller sitzt nun einer seiner engsten Vertrauten im Vorstand. Der Jurist gilt als versierter Strippenzieher, Stratege und fleißiger Organisator, der seit 2014 an der Seite von Höcke als Thüringer Co-AfD-Chef den Kurs des Landesverbands maßgeblich mitgestaltet hat.

Möller soll sich im Führungsgremium auch um den Umgang mit dem Verfassungsschutz kümmern. Den Thüringern war der bisherige Kurs der Bundespartei hierbei zu lasch. »Es geht uns darum, wirklich klare Kante zu zeigen und sich nicht in die Defensive drängen zu lassen«, hatte Höcke Wochen vor dem Parteitag mit Blick auf die Kandidatur Möllers gesagt.

Starke Mobilisierung gegen die AfD

Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt startet pünktlich, doch der Preis ist hoch: Tausende Polizeikräfte aus mehreren Bundesländern sichern die Veranstaltung ab. Zehntausende Gegner der Partei füllen die Straßen. Ein Großteil der AfD-Delegierten wird mitten in der Nacht zum Messegelände gebracht. Anders als vorher befürchtet, kommt es nicht zu größeren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Mehrere prominente Politiker, aber auch Musiker wie Clueso oder Bosse unterstützen mit Auftritten das Anliegen friedlicher Demonstranten. 

Mehr Frauen in der Führung

Der Frauenanteil im neuen Bundesvorstand hat sich verdoppelt. Neben der Co-Vorsitzenden Alice Weidel ist mit der neuen Stellvertreterin Katrin Ebner-Steiner aus Bayern jetzt eine zweite Frau im Führungsgremium der AfD vertreten, die nicht nur bei ihren Funktionären einen großen Männerüberhang hat. Die Partei, die ein traditionelles Familienbild propagiert, hat auch mehr männliche Wähler. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 25,1 Prozent der Männer und 16,7 Prozent der Frauen die AfD.

Die dunkle Seite der Macht

Die AfD kann weitgehend ungestört ihren Parteitag durchziehen, doch am Samstag sorgt plötzlich eine mysteriöse Musik im Saal für Unruhe. Mal von links, dann wieder von rechts erschallt eine ganze Zeit lang der sogenannte »Imperial March« aus Star Wars. In dem Film-Klassiker steht er für Darth Vader, das Imperium und die dunkle Seite der Macht. Sicherheitskräfte und Techniker suchen fieberhaft hinter den Vorhängen an den Seitenwänden. Die Polizei bestätigt später, dass vier Bluetooth-Lautsprecher gefunden wurden. Wer diese deponiert und gesteuert hat, bleibt zunächst unklar.

»Letzte Verteidigungswelle«

Haftstrafen gegen junge Neonazis

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe »Letzte Verteidigungswelle« vor Gericht. Weil sie so jung sind, ohne Öffentlichkeit. Nun sind die Urteile gefallen.

 05.08.2026

Jackson Irvine beim WM-Spiel Australien gegen Ägypten, 3. Juli 2026

Nach Antisemitismus-Vorwürfen

Umstrittener FC St. Pauli-Kapitän Jackson Irvine wechselt nach Japan

Der Australier war wegen anti-israelischer Gesten heftig kritisiert worden und hatte vergangene Saison bei dem Bundesligaabsteiger für eine Krise unter Führung und Fans gesorgt

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Wahl zum Abgeordnetenhaus

Umfrage: Linke in Berlin auf Platz eins

Am 20. September findet die Wahl zum Landesparlament statt. Würde schon am Sonntag gewählt, bekäme die Linke einer Umfrage zufolge die größte Zustimmung. Doch das Rennen ist knapp

 05.08.2026

Nach CSD-Anschlag

So viele islamistische Gefährder müssen nun in Berlin Fußfesseln tragen

Eine Übersicht

 05.08.2026

Berlin

Viele Fragezeichen zu CSD-Anschlag nach Sondersitzung

Gab es Kommunikationsprobleme zwischen Sicherheitsbehörden und Politik vor dem Anschlag am Rande des CSD? Abgeordnete sehen reichlich offene Fragen rund um die Tat

 05.08.2026

Berlin

Insolvenz: Masorti-Grundschule muss schließen

Die Hintergründe

von Mascha Malburg  05.08.2026

Arlington (Virginia)

USA haben Großteil ihrer Langstreckenraketen im Iran-Krieg verbraucht

Im Verlauf der Operation »Epic Fury« wurden bereits nahezu sämtliche verfügbaren Army Tactical Missile Systems (ATACMS) sowie Precision Strike Missiles (PrSM) eingesetzt

 05.08.2026

Großbritannien

Antisemitische Vorfälle in Großbritannien um 21 Prozent gestiegen

Der Community Security Trust registriert einen Fall von lebensbedrohlicher Gewalt sowie 135 körperliche Angriffe – so viele wie noch nie in einem ersten Halbjahr

 05.08.2026