Berlin

»Ein Stück Heimat«

Der Namensgeber, der Rabbiner und Schoah-Überlebende Leo Baeck (1873-1956), war erster Präsident des Instituts. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Berlin

»Ein Stück Heimat«

Was blieb übrig nach den NS-Verbrechen? Und was hatte es lange vorher gegeben? Das Leo-Baeck-Institut sammelt seit 70 Jahren Briefe, Tagebücher und Co. Und ist mit seinen Themen Einwanderung und Flucht brandaktuell

von Leticia Witte  26.05.2025 13:02 Uhr

Jehuda Bacon überlebte als Jugendlicher Theresienstadt und Auschwitz und machte sich später als Maler international einen Namen. Werner T. Angress, ebenfalls jüdisch, wanderte in die USA aus und erlebte den D-Day als US-Fallschirmspringer. 1945 fand er in den Niederlanden endlich seine Mutter wieder - am Muttertag.

Von beiden Männern gibt es Korrespondenzen, Tagebücher und ein Fotoalbum in der Berliner Archivdependance des Leo-Baeck-Instituts (LBI) New York. Damit gesellen sie sich zu tausenden Fotos, Briefen, Tagebüchern und Zeichnungen aus der Zeit vor und während des Nationalsozialismus, die dort ebenfalls untergebracht sind.

Die drei Standorte des Instituts - New York/Berlin, London und Jerusalem - verbinden mehrere Kontinente. Das LBI widmet sich seit 70 Jahren der Erforschung deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur. Die Bestände können nicht nur Forschende einsehen. Eine Online-Suche ermöglicht es Menschen weltweit, in den Beständen zu stöbern - und eventuell etwas über die eigene Familie oder den Wohnort zu erfahren. Willkommen sind sie auch vor Ort in den Archiven.

»Forschungseinrichtung und Zuflucht«

Emigrantinnen und Emigranten, darunter die Publizistin Hannah Arendt und der Philosoph Martin Buber, gründeten das LBI am 25. Mai 1955, um zumindest einige Dokumente, Gegenstände und Erinnerungen des deutschsprachigen Judentums zu retten, das die Nazis in weiten Teilen brutal zerstört hatten. »Wir waren auch immer ein Stück Heimat«, sagt daher Miriam Bistrovic, Berliner Direktorin des LBI New York, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Der Charakter des LBI sei eine »Mischung aus Forschungseinrichtung und Zuflucht«, erklärt Bistrovic. So gebe es in New York hoch betagte Freiwillige, die Texte in Sütterlin-Schrift transkribierten. Immer wieder nähmen auch Enkel und Urenkel von deutschsprachigen Jüdinnen und Juden Kontakt mit dem LBI auf, sie reisten etwa von Australien nach Berlin. Kein Wunder, denn die Archive in New York und Berlin verzeichneten laut Bistrovic allein im Jahr 2024 einen Zuwachs von zusammengenommen 125 laufenden Metern Material.

Geburtstagsfeier am 17. Juni

»Die Geschichte zu bewahren und die Relevanz der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft aufzuzeigen, ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Die deutsch-jüdische Geschichte wirft immer wieder neue Fragen auf«, hatte der internationale LBI-Präsident Michael Brenner anlässlich der Einladung zur Geburtstagsfeier gesagt. Sie ist für den 17. Juni in Berlin geplant, Schirmherr des Festjahres ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Das Institut versteht sich als Forschungsbibliothek und Archiv, das sich der Geschichte des deutschsprachigen Judentums widmet. Es gehört zu den bedeutendsten Sammlungsstätten von Erstquellen und Forschungsmaterial zum jüdischen Leben Zentraleuropas in den Jahrhunderten vor dem Holocaust. Das LBI richtet auch Ausstellungen und andere Veranstaltungen aus. Der Namensgeber, der Rabbiner und Schoah-Überlebende Leo Baeck (1873-1956), war erster Präsident. Er sei ein Versöhner gewesen, »zwischen den Religionen und Kulturen, zwischen Christen und Juden in Deutschland«, so Steinmeier.

Brenner bezeichnet die LBI-Gründung im Gespräch mit KNA als »Meilenstein«. Eine weitere wichtige Entwicklung sieht er ab Ende der 1970er Jahre, als zum Institut auch nichtjüdische Historiker hinzukamen - und zugleich auf Nachkommen der Emigrantinnen und Emigranten trafen.

Von Einstein bis zu Alltagsgeschichten

Aus dem LBI heraus entstand auch das vierbändige Standardwerk »Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit«. Gerade werde an einer Geschichte der deutsch-jüdischen Diaspora gearbeitet, so Brenner. Er empfiehlt, beim deutschsprachigen Judentum nicht ausschließlich an Albert Einstein und Co. zu denken, sondern auch an »ganz normale« Menschen: »Es geht uns darum, die Alltagswelt darzustellen.«

Der Historiker betont, dass geflohene deutschsprachige Jüdinnen und Juden ihre Kultur etwa mit nach Shanghai, Santiago de Chile oder Nairobi genommen und dort gepflegt hätten. Die Themen des LBI seien auch heute brandaktuell, meint Brenner: Aus- und Einwanderung, Flucht und Versuche von Regierungen, das Asylrecht einzuschränken.

Vor allem am Jerusalemer Standort sei der 7. Oktober 2023 mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dem folgenden Gaza-Krieg ein großer Einschnitt. Hinzu kämen die hochumstrittenen Regierungspläne, das dortige Justizsystem umzubauen. »Das Institut in Jerusalem ruft immer wieder das liberale und demokratische Erbe des Staates auf. Das ist ganz wichtig«, sagt Brenner.

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