Interview mit jüdischem Soldaten

»Ein gutes Zeichen an die Gesellschaft«

Hauptbootsmann Konstantin Boyko Foto: Marine

Herr Boyko, Sie sind Hauptbootsmann bei der Marine, was genau sind Ihre Aufgaben?
Ich arbeite in der Rettungsleitstelle der Marine in der Nähe von Flensburg. Wir koordinieren von dort aus Rettungseinsätze von Hubschraubern an der Nord- und Ostsee, fliegen, wenn Menschen vermisst werden, über See. Wir arbeiten auch mit den zivilrettungsdienstlichen Stellen zusammen und übernehmen Krankentransporte.

Wie lange sind Sie schon bei der Bundeswehr?
Seit zwölf Jahren.

Als Jude zur Bundeswehr: War das für Sie je ein Thema?
Eigentlich nicht. Meine Familie ist nach Deutschland emigriert. Ich habe mit 15 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen und wurde später dann auch eingezogen, ich wollte ja auch meinen Grundwehrdienst leisten, weil mein Jüdischsein dem nie im Weg stand. Schon während des Grundwehrdienstes habe ich erfahren, dass mir die Bundeswehr viele Möglichkeiten bietet, und dann habe ich mich verpflichten lassen.

Wussten die anderen Kollegen, dass Sie jüdisch sind?
Ich bin ja in dem Sinne nicht praktizierend. Meine Mutter ist jüdisch und daher auch ich. Ich halte keinen Schabbat oder faste auch nicht. Ich bin bei Makkabi, und wenn ich zu Wettkämpfen oder zu Veranstaltungen gefahren bin, dann habe ich etwas über den Verband erzählt oder erklärt, was ich da mache. Dass ich jüdisch bin, war nie ein großes Thema. Die meisten waren eher neugierig und wollten mehr erfahren.

Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass es bei der Bundeswehr Rabbiner geben soll?
Sehr positiv. Ich selbst habe bislang erst einmal eine Situation erlebt, in der ich einen Geistlichen gebraucht hätte. Aber wenn Menschen einen starken Bezug zur Religion haben, ist es für sie schon wichtig, jemanden mit demselben Hintergrund zu haben, mit dem sie sprechen können. Ich finde es ein gutes Zeichen auch an die Gesellschaft. Es zeigt, dass wir Juden Staatsbürger sind und unsere Pflicht leisten wollen.

Welche Situation war das, in der Sie seelsorgerischen Beistand gebraucht hätten?
Wir hatten einen Todesfall in einer Einheit. Ich habe den Kameraden gefunden, und deswegen wurde mir geistliche Seelsorge zur Verfügung gestellt.

Welche Erwartungen haben Sie an die Militärrabbiner?
Sie sollten im Lebenskundlichen Unterricht den Soldaten das Judentum verständlicher machen und näherbringen. Und sie sollten mit Vorurteilen und Missverständnissen aufräumen.

Sie sind an einem festen Ort stationiert. Wie aber steht es mit Kolleginnen und Kollegen, die mit der Marine unterwegs sind und geistlichen Beistand brauchen?
Es soll zehn Militärrabbiner auf Deutschland verteilt geben, und im besten Fall wird es organisiert werden, dass die jeweilige Person einen Ansprechpartner findet. Auf den Fregatten gibt es ja Internet und somit auch die Möglichkeit, einen Videocall zu machen.

Würden Sie sich auch einen gemeinsamen Schabbat wünschen?
Ich finde, dass es eine gute Erfahrung ist, die man machen kann. Es gibt auch vor Vereidigungen einen Gottesdienst. Warum nicht also auch einen Schabbat?

Mit dem Hauptbootsmann sprach Katrin Richter.

Würzburg

Schuster kommt zur Kundgebung gegen antisemitische Angriffe

Organisiert wird die Demonstration von der DIG Würzburg, dessen Mitglied das 65-jährige Opfer der jüngsten Attacke in Höchberg ist

 23.07.2026

Handelspolitik

Belgien und Niederlande verbieten Einfuhren aus Siedlungen

Die Regierungen in Brüssel und Den Haag haben ihre Ankündigung wahrgemacht, die Einfuhr von Waren aus den seit 1967 von Israel besetzen Gebieten zu untersagen, sofern sie von Israelis produziert werden

 23.07.2026

Genf/Berlin

Streit zwischen Rosa Luxemburg Stiftung und UN Watch

Die der Partei »Die Linke« nahestehende Stiftung wirft der Genfer NGO vor, in Berlin »die wildesten Verleumdungen gegen die UNRWA« verbreitet zu haben. UN Watch kontert mit Video-Beleg

von Imanuel Marcus  23.07.2026

Essay

Gedenken ohne Juden

Die Erinnerungskultur macht den Holocaust zunehmend zu einer allgemeinen Mahnung gegen Intoleranz und verliert dabei die jüdischen Opfer aus dem Blick

von Gunda Trepp  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Washington D.C./Riad

»Schreckliche Idee«: Kritik an US-Atomdeal mit Saudi-Arabien

Während des Iran-Kriegs, der sich auch um das iranische Atomprogramm dreht, verkünden die USA eine Einigung mit Saudi-Arabien. Experten fürchten ein atomares Wettrüsten in einer instabilen Region

von Johannes Sadek, Franziska Spiecker, Jörg Vogelsänger  23.07.2026

Nahost

USA setzen über Iran B-1-Bomber ein

Im Visier standen Einrichtungen der iranischen Marine, Lager für Raketen und Drohnen, Küstenüberwachungssysteme sowie Luftverteidigungsanlagen

 23.07.2026

San Francisco

Wie Sam Altmans KI ausbrach und eine Firma hackte

Ein außergewöhnlicher Vorfall bei einem Testlauf des ChatGPT-Entwicklers demonstriert drastisch das Risiko von KI-Cyberattacken. Dabei wollte die Software nur in einem Test schummeln

von Andrej Sokolow  23.07.2026

Grenoble

Nach antisemitischem Angriff: DJane Barbara Butch kündigt Rückkehr auf die Bühne an

Aktivisten beschimpften die Künstlerin, warfen Flaschen und andere Gegenstände auf die Bühne. Davon will sie sich nicht abschrecken lassen

 23.07.2026