Interview

»Ein gutes Urteil«

Herr Schelvis, das Münchner Landgericht hat den KZ-Wachmann John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Doch die Richter haben ihn auf freien Fuß gesetzt. Wie wirkt das auf Sie, dessen Frau in Sobibor ermordet wurde?
Es ist ein gutes Urteil. Wir Nebenkläger sehen es als eine Art Sieg an, dass Demjanjuk verurteilt wurde. Es stand ja nicht von vornherein fest. Und dass er das Gefängnis verlassen hat, heißt nicht, dass er ein freier Mann ist.

Sie haben sich kurz vor Prozessende dafür ausgesprochen, Demjanjuk schuldig zu sprechen, aber auf eine Strafe zu verzichten. Warum?
Als jüdischer Humanist zählt für mich Rechtschaffenheit. Man muss selbst einem Mann wie Demjanjuk in seinem letzten Lebensabschnitt die Möglichkeit geben, auch bei einer Verurteilung nicht ins Gefängnis zu müssen.

Der NS-Kriegsverbrecher könnte womöglich seine verbleibende Lebenszeit in einem Münchner Altersheim verbringen. Kann das im Sinne der Opfer sein?
Mich stört das nicht. Am wichtigsten ist, dass das Vernichtungslager Sobibor, das vor zehn, 15 Jahren noch unbekannt war, jetzt durch die Medien weltweit in vieler Munde ist. Allein aus den Niederlanden wurden 34.000 Juden nach Sobibor deportiert, 33.000 Menschen ermordet. Ich war einer der restlichen 1.000, die zur Arbeit selektiert wurden.

Mehrfach war während der Verhandlung davon die Rede, Demjanjuk hätte sich als Hilfswilliger der Mordmaschinerie durch Flucht entziehen können. Halten Sie das als Historiker für plausibel?
Ja. Die Wachmänner hatten Gelegenheit, ins Dorf Sobibor zu gehen, sieben oder acht Kilometer entfernt. Wer einmal dort war, hatte genug Möglichkeiten, nicht ins Lager zurückzukehren. Und bis in die Ukraine waren es von Sobibor aus nur acht Kilometer.

Inwiefern haben Prozess und Urteil über den Tag hinaus für die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen Bedeutung?
Es ist einerseits ein Sieg. Andererseits hat das europäische Judentum verloren, und daran ist nichts mehr wiedergutzumachen. Es ist ein wichtiges Urteil in Bezug auf die Mittäterschaft der sogenannten kleinen Fische. In der Zeit, als Demjanjuk in Sobibor war, wurden dort mehr als 29.000 Juden ermordet. Dafür ist er mitverantwortlich. Es muss nicht bewiesen werden, dass er dies oder jenes selbst getan hat. Das Urteil ist ein wichtiges Signal gegen Straflosigkeit.

Sie selbst waren an einigen Verhandlungstagen anwesend. Wie ist es für Sie gewesen, Demjanjuk zu begegnen?
Ich war fünf Mal je drei Tage dort. Anfangs wirkte Demjanjuk, der seinen Mund nicht aufkriegte und bis zum letzten Tag kein Wort des Bedauerns über die Lippen brachte, auf mich wie ein Gegenstand mit Kappe auf dem Kopf. Später nannte ich ihn dann einen Menschen, aber nicht im jiddischen Sinn des Wortes.

Mit dem Nebenkläger im Demjanjuk-Prozess sprach Tobias Müller.

Internationaler Strafgerichtshof

»Begünstigung von Kriegsverbrechen«: Israelische NGO zeigt Spaniens Regierungschef Sánchez an

Die Hintergründe

 17.04.2026 Aktualisiert

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Berlin

Zentralrat der Juden gegen Widerspruchslösung

In seinem Tätigkeitsbericht für 2025 geht der Zentralrat auch ethische Fragen rund um das Thema Organspende ein

 17.04.2026

Genf

So reagiert die Weltbank auf antisemitische Posts von Francesca Albaneses Ehemann

Massimiliano Cali soll den palästinensischen Terrorismus relativiert und gegen Juden gehetzt haben

von Imanuel Marcus  17.04.2026

Paris

Bericht: Marine Le Pen trifft Israels Botschafter

Das Gespräch wirft diese Frage auf: Wie geht die Regierung Netanjahu mit rechtsextremistischen Parteien im Ausland um?

 17.04.2026

Yale-Umfrage

Jüngere Wähler in den USA äußern häufiger antisemitische Ansichten

Auch Plattformen wie TikTok spielen eine Rolle. Ihre Nutzer neigen eher zu Judenhass als Konsumenten herkömmlicher Medien

 17.04.2026

Amsterdam

Neue YouTube-Serie folgt den Spuren von Anne Frank

Eine Schauspielerin reist von Frankfurt über Amsterdam bis Bergen-Belsen und bietet Einblicke in das Leben des jüdischen Mädchens, das Millionen Menschen berührt hat

 17.04.2026

München

Proiranische Terror-Gruppe reklamiert Anschlag auf Restaurant für sich

Laut Generalstaatsanwaltschaft ist ein Bekennervideo der schiitischen Gruppe Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia Gegenstand laufender Ermittlungen

 17.04.2026

Berlin

Staatsanwaltschaft geht in Revision im Prozess gegen Mustafa A.

Die Staatsanwaltschaft geht bei dem Angriff auf Lahav Shapira von einer antisemitischen Gewalttat aus. Der Täter bestreitet dies und erreicht im Berufungsprozess eine geringere Strafe. Beendet ist der Fall damit nicht

 17.04.2026