Interview

»Ein großer Berliner Jude«

Hermann Simon Foto: Mike Minehan

Herr Simon, mit einem Festival soll an diesem Wochenende in Berlin die Rolle Louis Lewandowskis in der Geschichte jüdischer Musik gewürdigt werden. Worin liegt seine besondere Bedeutung?
Lewandowski war ein großer Meister und Reformator der jüdischen Liturgie. Er hat den Wechselgesang zwischen Kantor und Chor, begleitet von feierlichen Orgelklängen, eingeführt. Das war im 19. Jahrhundert neu. Er hat das, was es gab, in eine Form gebracht.

Ist er der Vermittler zwischen Tradition und Reformbestrebung?
Lewandowski kommt aus der Alten Synagoge, also der Orthodoxie. Ich würde aber nicht von Reform, sondern von liberalen Tendenzen sprechen: Er führte den gemischten Chor und die Orgel ein. Unter anderem liegt uns sein Gutachten vor, warum in der Neuen Synagoge die Orgel eingeführt werden könne und müsse. Lewandowski hat den jüdischen Gottesdienst zu einem musikalischen Ereignis gemacht. Er brachte das neu erblühte Selbstbewusstsein der Juden im 19. Jahrhundert zum Ausdruck und verlieh der jüdischen Liturgie weltweit und überkonfessionell neue Ausstrahlung und Beliebtheit.

Nicht nach jedermanns Geschmack, oder?
Nein. Kritiker sahen in seiner Musik den Ausdruck des Assimilationsgeistes. Sie forderten die Abkehr von dem »süßlichen« romantischen Stil des 19. Jahrhunderts und die Rückkehr zu den ursprünglichen Quellen der jüdischen liturgischen Musik. Lewandowski wurde übrigens auch für seine teils deutschnationalen Lieder wie »Hurrah! Die deutsche Fahne für deutsche Helden« oder das »Deutsche Landwehrlied« wahrgenommen. Ich denke, man muss es konstatieren und kritisch betrachten, dass er auch solche Musik geschrieben hat.

Was bedeutet Ihnen seine Liturgie?
Ich bin mit Lewandowskis synagogaler Musik aufgewachsen, die habe ich schon in der Kindheit in der Synagoge Rykestraße gehört.

Es heißt, die Berliner Synagoge Pestalozzistraße sei weltweit die einzige, in der an jedem Schabbat die Liturgie Lewandowskis zu hören ist. Stimmt das?
Ich bin Beter der Rykestraße, auch bei uns erklingen seine Melodien. Nach meiner Kenntnis war es Oberkantor Estrongo Nachama sel. A., der jahrzehntelang in der Pestalozzistraße wirkte und dort das Werk Lewandowskis gerettet hat. Ihm haben wir es zu verdanken, dass dieses Erbe nicht untergegangen ist. In der Pestalozzistraße und den Konzerten von Kantor Isaac Sheffer mit dem Synagogal Ensemble Berlin unter musikalischer Leitung von Regina Yantian wird dieses Erbe gepflegt.

Ist das Festival jetzt eine späte Anerkennung Lewandowskis?
Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen man seine Melodien kennt, in Berlin findet das erste Festival statt. Dazu kommen acht Chöre aus vier Kontinenten in die Stadt. Das ist einzigartig. Er ist einer der großen Berliner Juden. Es lohnt immer, daran zu erinnern.

Mit dem Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum sprach Detlef David Kauschke.

London

Festnahmen bei Protesten gegen Alija-Veranstaltung in Synagoge

Laut Polizeikommandeur Slonecki bemühte sich die Behörde, schwerwiegende Störungen verhindert und Straftaten zu verfolgen. Dabei sei »das gesamte Spektrum der uns zur Verfügung stehenden Befugnisse« genutzt worden

 15.06.2026

Teheran

Hardliner im Zentrum der Macht: Wie Ahmad Vahidi die Verhandlungen mit den USA prägte

Der Brigadegeneral soll zuletzt maßgeblich darauf gedrängt haben, erneut Raketen auf Israel abzufeuern. Auch aus einem anderen Grund gilt er als gefährlich

 15.06.2026

Berlin

Merz: Abkommen mit Iran muss »zielstrebig« umgesetzt werden

Die Bundesregierung begrüßt die Einigung. Der Bundeskanzler sieht einen wichtigen Schritt für die Erholung der Weltwirtschaft und einen stabileren Nahen Osten

 15.06.2026

Kommentar

Die Welt atmet auf, viele Juden tun es nicht

Weder Hamas noch Hisbollah sind verschwunden. Das iranische Regime sitzt weiterhin in Teheran, mit derselben Ideologie, die den 7. Oktober verursacht hat

von Guy Katz  15.06.2026

Washington D.C.

Trump über Netanjahu: Er hat kein Urteilsvermögen

Der amerikanische Präsident beschwert sich über Israels jüngste Attacken auf Hisbollah-Ziele in der libanesischen Hauptstadt: »Warum musste Bibi einen verdammten Angriff durchführen?«

 15.06.2026

Nahost

USA und Iran vereinbaren Friedensabkommen – Straße von Hormus soll geöffnet werden

Die Hintergründe

 15.06.2026

Debatte

Laschet wirft EU-Außenbeauftrager Kallas Antisemitismus vor

Die EU-Außenbeauftragte hatte Israel mit Apartheids-Südafrika verglichen. Jetzt fordert der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag ihren Rücktritt

 14.06.2026

Hessen

Lehrer nach Kritik an Krieg in Gaza suspendiert

Seine Instagram-Posts über den Gaza-Krieg wurden ihm zum Verhängnis: Bereits seit Ende 2025 ist ein hessischer Gymnasiallehrer mit einem Dienstverbot belegt. Gerichte müssen klären, ob die Suspendierung des Pädagogen verhältnismäßig war

 14.06.2026

Wahlen

Wie CDU und SPD Ministerpräsidenten-Ämter im Osten verteidigen wollen

Die AfD will in Ostdeutschland nach der Macht greifen. CDU und SPD zeigen, wie sie den Kampf in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aufnehmen wollen - und setzen unterschiedliche Akzente

von Christopher Kissmann, Iris Leithold, Verena Schmitt-Roschmann, Basil Wegener  14.06.2026